Handorakel und Kunst der Weltklugheit
Im Original von Baltasar Gracián / Übertragung von an associated mess
(1) Mal ohne Flachs: womit du früher ganze Völker vom Hocker hauen konntest, interessiert heute keinen feuchten Iltis mehr. Der, welcher souverän unter den Seinen agieren will, muss schon im Umgang mit einer einzigen Person eine geschätzte Unendlichkeit an Dingen beachten. Kauf mein Buch, mach mich reich - und ich sag dir, wie dich nicht allein die Ladys lieben werden.
(2) Der erste Fehler, den der fachmännische Idiot zu begehen pflegt, ist, zu verkennen, wie viel die Harmonie aus Verstand und Herz wert ist: beide Instanzen müssen sich kontrollieren. Herrscht Ungleichgewicht zwischen Überlegung und Gefühl, wird man, anstatt seiner Berufung gerecht, Versicherungsvertreter. Wessen Berufung Versicherungsvertreter wäre, wird Politiker.
(3) Sei ein wenig wie Batman, also mysteriös. Das soll nicht heißen, dass du Klartext scheuen sollst: lass lieber deine Absichten und Vorhaben ein wenig im Dunkeln. Die Leute stehen zwar nicht auf stumme Kerle, dafür aber umso mehr auf solche, die es verstehen, hin und wieder auf geheimnisvolle Art und Weise die Fresse zu halten. Erreg in Wortkargheit Ehrfurcht - aber vergiss nicht, sichtbare Taten folgen zu lassen. Aufschneider sind verpönt und nicht umsonst meist Politiker.
(4) Wissenschaft und Tapferkeit gehören zusammen! Wissen will angewandt werden, Mut braucht Hirn! Keiner Eier ohne Speck! Ohne ein Paar saftiger cojones kannst du dich gleich in dein Kellerloch setzen und das Abwassersystem der Enterprise studieren, in der leicht unbegründeten Annahme, die Welt da draußen entbehre mit dir den nächsten J.R. Oppenheimer. Mut ohne Wissenschaft dagegen: das ist das, was Leute ins Programm von RTL II verschlägt.
(5) Das mit der Dankbarkeit ist so 'ne Sache. Dieses höfliche Entgegenkommen ist zwar just im Moment der Rettung ganz hübsch, aber es hält nicht lang. Binde Leute an dich, sei ihre stete und doch nie ganz befriedigende Hoffnung, mach dich unverzichtbar. Dankbarkeit allein vergessen die Leute - und sie lassen dich fallen wie 'ne heiße Kartoffel. Sei Pommes! Mit Majo! Und Kokain!
(6) Dein Ziel soll Vollendung sein, unüberwindbare Endgegnerattitüde, Vorbilder: Sean Connery und Clint Eastwood. Es dauert lang bis zur vollendeten Reife, manche finden nie dahin. Woran man den Vollendeten erkennt? Bad Taste bleibt ihm fremd, er hat Grütze und Einsicht, sein Urteil ist gesetzesgleich und sein Wille so unschuldig wie die Jungfrau selbst. Wenn du redest, rede bedacht. Wenn du handelst, handle mit Witz. Du wirst sehen: die Leute fressen dir aus der Hand, Mann.
(7) Es ist ja ganz erhebend und erstrebenswert, schlauer und schöner als der eigene Chef zu sein. Aber um Himmels Willen: übertriff Chefs nicht so offensichtlich! Selbst wenn du kein affektierender Affenarsch bist, werden sie dir denselben aufreißen, wenn du dich nicht kleinmachst. Gib ihnen schlauen Rat, den sie dann als den eigenen verkaufen können. Ihre Gunst ist das Fundament für deinen Aufstieg. Also vermassel das nicht aus Eitelkeit, du klugscheißender Adonis!
(8) Wenn es eine verdammte Tugend gibt, dann, seine eigene Neigung, bei jedem Reiz überzuschäumen, abzuwürgen. Kurz: Keine Leidenschaft zulassen. Wer sich selbst und vor allem die Reinheit seines Amtes unter Kontrolle hält, der wird sich schnell Freunde machen. Vor Passion platzende Dandys erwecken bisweilen höchste Begeisterung: aber das tut 'n Zirkus auch. Sei also leidenschaftslos, gefasst und verträglich.
(9) Trotz einem Trend namens Antinationalismus ist man sich doch insgeheim sicher, dass jeder, der einer Nationalität angehört, spezifische Unarten dieser Nationalität angenommen hat. Das gilt allerdings auch für gewisse Zirkel namens Familie, Amt etc. - vermeide so gut wie möglich, dich schubladenkompatibel zu machen. Setz dich vom schlechten Ruf deines Standes und Landes ab!
(10) Es ist eigentlich ganz einfach: was man gemeinhin Glück nennt, ist für's verdammte Diesseits gedacht. Das Glück ist der wuselnde Freund wechselnder Aufmerksamkeiten; ein echter Quell des Atems. Ruhm dagegen: ein Erwerb, etwas für's Jenseits, ein Mittel gegen die Vergesslichkeit jener, die nach dir kommen und nie dein eignes Glück empfinden konnten. Mach dir diesen Zusammenhang klar.
(11) Wenn du dich mit Leuten umgibst - seien es gute Bekannte oder echte Freunde - dann sieh zu, dass du deinen Horizont bei ihnen erweiterst. Grade für gute bekannte zählt, dass je eher sie im Ruf stehen, was auf den Kasten zu haben, umso mehr Nutzen für dich drin ist, so du dich mit ihnen erfolgreich abgeben kannst.
(12) Grundsätzlich sieht sich der Mensch nur mit zwei Tatsachen konfrontiert: dass er naturgemäß mit einer wundersamen Anlage ausgestattet ist, welcher Gestalt sie auch immer sein mag; und dass er darüber hinaus der verfluchten Kunst bedarf, um seine Natur und jene, in die er gebettet wurde, stilsicher zu erhöhen. Kunst ist menschliche Natur im genialen Taumel!
(13) Bevor du wieder an dir selbst herumspielst, lern das hocherotisierende Spiel der Absichten. Im alltäglichen menschlichen Kleinkrieg ist das eine brillante Methode, potentielle Gegner zu schlauchen. Steiger dich in eine Handlungsweise hinein, die vor dem Hintergrund immer wechselnder, zwielichtiger Absichten geschieht, ohne dass deine wahre Absicht jemals ans Tageslicht kommt. Sind deine Gegner an diese Methodik gewöhnt, setz einen drauf und handle daraufhin mit offen gezeigter und wahrer Absicht. Deine Gegner werden wahnsinnig werden.
(14) Simpel: lerne das "Wie" zu schätzen. Es wirkt wie Beiwerk, ist aber Essenz.
(15) Nützliche Helferlein um sich zu scharen kann bisweilen ein Maximum an Eigenqualität hervorbringen. Indem man die Arbeit - vielleicht sogar klügerer und weiserer Kollegen - geschickt adaptiert, zusammenfasst und verinnerlicht, gilt man bald als global player unter den Leuten mondänen Hirnbetriebs. Such dir deine Experten zusammen!
(16) Den eigenen Hirnschmalz mit einer bad-boy-Attitüde zu verbinden, ist relativ bescheuert. Wenn du schon so schlau bist, dann begeh nicht den dummen Fehler, damit dein Dasein als allerletztes Arschloch zu legitimieren.
(17) Simpel: Handle nie nach den Erwartungen deiner Gegner. Smart sein, heißt, auf viele verschiedene Arten smart sein.
(18) Unterschätze dein Quäntchen Fleiß nicht: Talentierte gibt es wie Sand am Meer. Fleiß bringt dich dahin, wo du deine Fähigkeiten optimal zum Einsatz bringst. Arsch hoch - deine Veranlagung ist ansonsten einen Dreck wert.
(19) Erwartungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf hoffnungslose Art und Weise doch nur Fiktion bleiben werden. Sei schon bei deinem Auftreten darauf bedacht, durch deine Wirklichkeit angenehm zu überraschen. Erwarte nichts und von niemandem zuviel; die Enttäuschung wird dir sonst sicher sein.
(20) Der richtige Mann zur richtigen Zeit: Das ist ein seltenes Glück für diesen Planeten. Wenn dies schon nicht deine Zeit ist, du dich aber durch Weisheit auszeichnest, dann tröste sich damit, dass eins der kommenden Jahrhunderte mit Sicherheit das Deinige sein wird.
(21) Glück soll Zufall sein? Falsch gedacht, Spatzenhirn: Man kann dem Glück durch Verstandestätigkeit nachhelfen. Du hast gar kein Recht, ein fatalistischer Kartoffelsack zu sein. Glück haben - das ist eine Kunst!
(22) Klar, du verstehst dich selbst als einen verflixt klugen Bastard. Recht so. Aber sei darin charmant, liebenswert und vor allem hilfsreich. Einen Belehrer braucht kein Mensch - einen witzigen, substanzvoll redenden Menschen umso mehr.
(23) Manchmal kackt das Leben Einem schon kolossal auf die Schulter. Du bist ein Bild der Vollkommenheit - aber ein kleines Gebrechen, ein winziger Makel überschattet deine Auszeichnungen. Da hilft nur eins: Hie und da elegant zu überdecken wissen.
(24) Phantasie und Imaginationskraft sind unverzichtbare Fähigkeiten eines Menschen, vorausgesetzt, man hat sie unter Kontrolle. Alle Freuden der Erde sind dir sicher, wenn du Herr über deine Vorstellungskraft bist - so wie du mit einem Fuß in der Hölle stehst, wenn du sie ungezügelt lässt. Imagine!
(25) Heutzutage spricht man mit einem meterdicken Subtextanhang. Dinge werden immer indirekter ausgesprochen. Steig dahinter, beweg dich souverän durch die rätselhaften Reden deiner Mitmenschen - manchmal musst du ihnen über mehrere Ecken in deinen Gehörgängen zuhören.
(26) Zweckdienlich ist es, bei Deinem Gegenüber dasjenige auszumachen, was seinen Willen insgeheim steuert. Jeder hat eine solche Schwachstelle. Nutze sie gegebenenfalls für deine Zwecke - mach aus dem Geheimen das Gemeine!
(27) Der Unterschied zwischen Qualitativem und Quantitativem ist in unsrer Zeit sehr verschwommen. Es gilt nach wie vor: Konzentriere dich auf das Qualitative im Leben, im Handeln, im Wort. Jeder andere Rat würde in die trostlose Mittelmäßigkeit führen, und davon haben wir sowieso zu viel.
(28) Glaub mir, es ist für einen Mann hohen Amtes nichts peinlicher, als plötzlich vom Pöbel zirkuliert und gefeiert zu werden. Passiert dir das, solltest du dir verdammte Sorgen machen. Vermeide es, deinen Geist mit dem einer trunkenen Meute verschmelzen zu lassen - und faser nicht nach ihren kleinen, Stuss absondernden Mäulern. Es lohnt sich einfach nicht.
(29) Es ist gefährlich, schwierig und gerade deswegen edel, hartnäckig auf Seiten der Wahrheit zu bleiben. Warum ist es gefährlich? Weil es oft anderer Leute Interessen entgegenwirkt. Warum schwierig? Weil es bisweilen deinen eigenen Interessen entgegenwirkt. Ein 'boss' ist kein biegsamer Weichspüler. Er tritt beharrlich für das Recht ein. Der Mühe Wert muss dir aber immer bewusst sein.
(30) Spinner sind charmant. Gemeinhin sagt man von ihnen, sie seien die wahrhaftigeren Menschen. Ehrlich gesagt ist das eine romantische Art zu sagen, dass sie bisweilen zu nichts zu gebrauchen sind. In der Praxis sei bitte darauf bedacht, jegliche Verbindungen zu offensichtlichen Spinnereien zu meiden: Niedliche Wirrköpfe können keine großen sein.
(31) Suche und finde jene Leute, die durch Klugheit, Voraussicht und Besonnenheit glücksempfänglich sind. Sie sind - im Gegenteil zu ihren leidenschaftlich-idiotischen Pendants - die besseren Gefährten auf deinem Weg. Unglück ist kein Heuschnupfen, es ähnelt bisweilen der Malaria.
(32) Wenn du geben kannst, gib mit Freude. Für das Ansehen gibt es nichts Besseres.
(33) Lerne das "Nein". Verfüg über deine Zeit, du willenloser Schimpanse. Das "Ja" denen, in deren Gesellschaft du konstruktiv bist und deren Gefallen sinnvoll sind. Verweig dich jenen, die dich verschwenden wollen, weil sie von kolossaler Langeweile bedrückt werden und einen willigen Clown suchen.
(34) Vergewaltige dein Talent nicht dadurch, dass du es verkümmern lässt. Wenn du in der Gunst stehst, eben das zu kennen, was du verflucht gut kannst, dann konzentrier dich auch darauf, aus dieser Disziplin eine Meisterschaft zu machen. Gottverdammt.
(35) Denk, und denk zweimal, so nötig. Schürf tiefer, wo du auf Verkrustungen triffst; manchmal schlummern Goldadern darunter.
(36) Steht der Stern des Glücks über dir, so lass dich von ihm leiten. Sternkonstellationen sind zwar unstet, aber wiederkehrend. Sie sind Phasen unterworfen - so wie alles in diesem Galaxienstrudel. Sei dir dessen bewusst. Sobald wieder eine Phase ansteht, in der dir nichts gelingt und die Welt sich gegen dich verschworen hat, stell deine Handlungen auf sie ein; fahre deine Tatenkraft zurück. Sei abwartend, immer mit Bedacht unter deinem Sternenhimmel unterwegs: Deine Leitbilder musst du kennen wie dich selbst.
(37) Wer wirklich mit Wort und Mensch umzugehen weiß, der beherrscht diese zwei Künste, die eigentlich eine einzige sind: Um deinen Gegenüber in Sachen Herz und Hirn zu prüfen, musst du ihn beizeiten mit geschickten Worten zur Aussage provozieren. Du darfst niemals vergessen, dass diese deine Worte Prüfungen sind - wenn du jemanden aus einer Leidenschaft heraus stichelst, könnte das denkbar beschissen für dich enden. Zudem musst du du stets damit rechnen, derartige rhetorische Tricksereien auch von deinem Gegenüber zu empfangen. Wisse darum, was er mit dir vorhat, aus welchen Motiven er spricht. So ersparst du dir, nachher wie ein Affe dazustehen.
(38) Ich hab mal in einem Film ein cooles Zitat gehört: "Quitting while you are ahead isn't the same as ... Quitting."
(39) Dinge wachsen heran, halten an einem gewissen heiligen Punkt inne, und dann vergehen sie. Für den Menschen, der den Genuss zu schätzen weiß - nicht allein in konsumtechnischer Hinsicht - ist es unabdingbar, den "Reifepunkt" zu kennen, den Zenit der Sonne zu preisen; kurz: Vollkommenheit in ihrem allzu kurzen Dasein erkennen zu können.
(40) Auch wer etwas auf dem Kasten hat, hat nicht viel davon, so er nicht das gemeine Wohlwollen seiner geschätzten Mitaffen genießt. Das Geheimnis des Politikums ist es, sich bei den Leuten genehm zu machen. Das geht nicht ohne wohlwollende Taten, und auch nicht ohne ein Wissen darum, bei wem man sich hier beliebt macht: Nimm allein die Gunst der Schmierfinke. Schmierfinke machen dich unantastbar.
(41) Man muss Understatement verinnerlichen, unsinnige Superlative meiden, in Lob wie in Kritik. Trottel ziehen den Kosmos heran, um irdne Nichtigkeit damit aufzufüllen. Du nicht.
(42) Es ist nützlich zu wissen, dass es so etwas wie angeborene Autorität gibt. Das Ganze ist schwer zu erklären, weil es etwas Magisches an sich hat. Manche Menschen sind so einvernehmend, dass sie ohne Arglist Alles unterwerfen und dann noch begeistert mit Blümchen beworfen werden.
(43) Wie oft hört man von Individualitätsnazis und anderen Revoluzzern der Eitelkeit, man müsse gegen den Strom schwimmen. Das stimmt - aber nur bedingt. Es ist wichtig, dass du nicht DENKST wie der Pöbel; hingegen ist das, was du SAGST, von ganz anderer und irrsinnig komplizierter Bedeutung. Es kann dein Verderben sein; es kann das Gegenteil dessen bewirken, was du fühlst. Zurückhaltung ist in solchen Sachen oberstes Gebot. Du musst einfach wissen, wann du die Fresse zu halten hast, wenn auch die Dummheit, die dich umgibt, von galaktischer Imposanz ist. Diese Kunst des Fressehaltens wird dir behilflicher sein als jedes Herumquäken.
(44) Arschkriecherei bei großen Menschen ist Humbug. Suche ihre aufrichtige Zuneigung. Sie sind Universalschlüssel.
(45) Wer schlau ist, ist es nicht unbedingt. Das heißt: Du kannst ein durchaus cleveres Kerlchen sein, verwirkst aber in dem Moment dein Talent, wo du es missbrauchst. Warum? Weil der Missbrauch letztlich unvernünftig - dumm - ist. Fehlverhalten wird dich einst einholen und zerstören. Schlauheit - das heißt vor allem, Schlauheit korrekt einsetzen zu können.
(46) Man kennt das: Es gibt Leute, die einfach dazu prädestiniert sind, all unsere Abscheu zu ernten. Ist auch nicht weiter bedenklich, wie es sich tatsächlich um ein paar vermaledeite Kanaillen handelt, denen wir da mit professioneller Abneigung begegnen. Vorsicht ist dann geboten, wenn wir die Leutchen noch gar nicht recht kennen - ganz besonders aber, wenn wir Antipathie gegen Großartige hegen. Kontrolle ist hier das A und O.
(47) Wo wir bei Vorsicht und Kontrolle sind: Vernunft weicht aus. In Geschichten einzusteigen, die mit einer hohen Konzentration an "Ehre" verseucht sind, ist genau so ratsam wie einer Kobra auf den Kopf zu scheißen. Mit Ehre spielen, heißt bereits, an ihr verloren zu haben - gehst du siegreich hervor, war es sicher mühevoll, gehst du unter, ist alles im Eimer. Weichst du diesen Dingen geschickt aus, bleibst du oben. So einfach ist das.
(48) Treffen Hohle aufeinander, erfreuen sie sich des hallenden Klangs, den ihre Körper beim Zusammenprall ablassen. Zwei Massive dagegen fahren ineinander, halten inne und beäugen sich argwöhnisch. Gehöre zu den Letzteren. Glänz durch Tiefe, innere Festigkeit. Meide liederliche Gestalten, deren Hülle vor Prunk strotzt, deren Inneres aber ein Abstellstübchen voll unwürdigen Spacks darstellt.
(49) Deine Beobachtung sei geschliffen. Dein Begriff packe ordentlich zu. Dein Urteil sei wie ein Gesetz.
(50) Das Einzige, wovor du wahrlich Furcht empfinden sollst, seist du selbst. Spare nicht an Selbstkritik. Selbstgenügsamkeit ist der erste Schritt in einen ausgedehnten Kotsumpf.
(51) So du schon zu wählen imstande ist, was ein verdammtes Privileg ist, bekomme ein Gespür für den Akt der Wahl. Das Dumme ist, dass es nicht von irgendeiner Fähigkeit, einer Veranlagung oder einem Talent abhängt, wie gut du wählst. Du musst es einfach können.
(52) Ob du nun ein Glückspilz bist oder in salzigstem Pech gepökelt: Keine Gefühlsdetonationen. Sie wirbeln nur unnötig Staub auf. Überlass sie Kindern und Tunten.
(53) Sowohl kluge als auch luftleere Köpfe haben bisweilen ähnliche Handlungsprobleme. Der Dumme handelt ohne zu denken und zu begreifen; der Kluge denkt und begreift, handelt aber nicht. Was lernen wir daraus? Überlegung, Beurteilung und Handlung sind eine Tateinheit, die kein Zögern verträgt. Get your shit done!
(54) Zu einem großen Geist gehört eine gewisse Standhaftigkeit. Ehrfurcht erwirken zu wollen ohne hin und wieder die Beißerchen zu zeigen - das klappt selten. Lass dich nicht als Putzlappen missbrauchen: Steh in dieser Welt! Kontinuierlicher Kniefall unterdrückt die Größe.
(55) Zeit, Zeit, Zeit. Zurückhaltung wird belohnt durch die Ernte, die die Zeit mit sich bringt. Durch gute Überlegung und eine fundierte Tat, nicht voreilig angesetzt, wirst du durch die Zeiten schreiten wie ein Unsterblicher.
(56) Zwing dich dazu im Hier und Jetzt zu leben. Trainier dir Wachsamkeit an. Bisweilen ist das aber alles Veranlagungssache: Es gibt einfach Leute, die nur funktionieren, wenn es schnell gehen muss und die Welt bereits lichterloh in Flammen steht. Hast du diese Veranlagung nicht, so versuch sie zu imitieren.
(57) Ergänzend sei zu sagen: Wir können heute noch mit touristischem Eifer die Pyramiden begaffen und bewundern, weil es die organische Kraft ganzer Generationen brauchte, um sie aus dem Sand zu stemmen. Das wahrhaft Große und Erhabne, das schier Ewige, speist sich eben aus unermesslichen - schier ewigen - Anstrengungen.
(58) Wenn man's recht bedenkt, ist es gar nicht so schwer, zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft wie ein Filetsteak - also mit saftiger Ehrfurcht - behandelt zu werden. Der Kniff besteht darin, alle Talente, Fähigkeiten und Methoden nicht auf einen Schlag zu verschleudern. Das Mysteriöse wird geliebt, weil es sich stets zurücknimmt: Das Phantom des Potenzials ist ein Mythos für sich.
(59) An der Startlinie werden sie wie Könige gefeiert, die Kinder des Unglücks, und sie strahlen ganz gut. Erreichen sie überhaupt das Ziel, dann oft mit Scheiße am Schuh und Verderben an den Hacken: Deswegen sollst du bei allem, was du beginnst und angehst, an dessen Ergebnis denken. Gegenüber dem Pathos des Beginns bist du besser skeptisch eingestellt, dann hast du neben Kraft und Enthusiasmus auch noch die Vernunft auf deiner Seite, die zur Vollendung nunmal notwendig ist.
(60) Wen ziehen wir zu Rat, wenn wir vor den Problemen des Lebens stehen? Leute, die weise geworden sind. Wer ist weise? Wer durch Veranlagung klug urteilt - oder wen das Leben gezeichnet hat.
(61) Du magst der gründlichste Schuhputzer der Welt sein - du bleibst doch nur Schuhputzer, und ihr Ruhm ist nicht gerade unvergänglich. Eigentlich trivial: Je schwieriger und angesehener die Disziplin, umso rühmlicher ist auch ihre Meisterschaft.
(62) Wenn du zu den Personen gehörst, die ihre Unternehmungen mit einem ganzen Generalstab an willigen Koalitionären begehen, dann wähl dein Gefolg weise. Wenn deine Handlanger nichts auf dem Kasten haben, fällt das auf dich als Galionsfigur der Unternehmung zurück. Egal, ob du für das Versagen deiner Helferlein de facto verantwortlich bist, oder nicht: De Iure ist ihre Verfehlung deine Fehlbarkeit.
(63) Willst du sichergehen, dass die weite Welt dich nicht vergisst, zieh ein paar Schneisen in unbekannte Gefilde. Wenn kühn, klug und mit ordentlich Schmackes vollzogen, wirst du Allen voraus sein, die zwar auf einem Gebiet ausgezeichnet arbeiten, aber eben nicht die Ersterkunder dessen sein durften.
(64) Kluge glänzen dadurch, dass sie sich nicht unnötig in die Scheiße reiten. Die Wenigsten wissen ganz, was sich hinter diesem Rat verbirgt. Manchmal reicht schon, sich das Christus-Symptom abzugewöhnen: Es bedeutet letztendlich nichts, für das temporäre Glück der Erlösung deines Gegenüber ein zeitloses Maß an Kotze schultern zu müssen. Wenn das Schlechte der Welt ein Refugium sucht, so sei du der Letzte, der es ihm bietet.
(65) Deine Neigung - zumal, wenn sie erhaben ist - urteilt über deinen Geist. Stehe aufrichtig zu allem Großen, das du dir als Leidenschaft erkoren hast. Man kann's dir nur gut vergelten. Wenn dir Kleingeister mit ihrer hirnlosen Rede und ihrem grauenhaften Geschmack auf die Nüsse gehen, sei hingegen tolerant. Es ist schlechter Stil, den Geschmacksnazi zu geben. Erst recht, wenn man die reife Neigung affektiert - aber damit solltest du hoffentlich nicht glänzen wollen, oder?
(66) Erfolg spricht für sich - und für dich.
(67) Ein rundum talentierter, weltoffener Mensch übt das offenere Amt unter dem gemeinen Blick des gesamten Volkes aus. Der Meister einer Einzeldisziplin bleibt in seinem Metier unbeachteter Könner. So ist das mit den Fähigkeiten - so wird es bleiben.
(68) Heraklit meinte mal sinngemäß: Viel wissen zeugt weder von Besitz, noch lehrt es den Gebrauch von Verstand. Heraklit hat es raus, gib also mehr auf wirklichen, erfassenden, dynamischen Witz und Grips als auf das pathologische Wissen eines Klötzchendenkers.
(69) Emotional intelligent zu handeln, heißt, die eigene Befindlichkeit analysieren, verstehen, akzeptieren und beizeiten steuern zu können. Diese emotionale Intelligenz, die bis heute zu Unrecht als minderwertig gegenüber der kognitiven erachtet wird, ist unerlässlich für den gesunden Menschen. Leider sabbeln uns immer noch unzählige Soziopathen voll, die sich in ihrer kleinen Welt verloren haben und den niederen Gelüsten ihres Kleinhirns Treue schwören. Bitte: Deine Stimmung ist ein ehrenwertes Mysterium, deren Erkundung all deine Aufmerksamkeit verlangt!
(70) Du bist kein Äffchen, das bei Kommando springt. Gefallen unerfüllt zu lassen ist wohlgemerkt kein leichtes Unterfangen. Man muss sich Diplomatie antrainieren: Bist du gewillt, zu helfen, verdeutliche, dass du es trotz widrer Umstände tust. Bist du nicht in der Lage, zu helfen, dann entsage dich dem Gefallen, während du stets den irrationalen Hoffnungsschimmer durchblitzen lässt: Vielleicht geht doch was. Natürlich kommt die Sache dann nie mehr zur Sprache; wenigstens dein Ruf ist gerettet.
(71) So schwierig es ist - sei nicht widersprüchlich. Im Denken nicht, auch nicht im Handeln, nicht einmal im Fühlen.
(72) Bisweilen scheitern auch die Gescheitesten an fehlender Motivation. Ich spreche lyrisch: Mach dir Feuer unterm Arsch! Getriebe in Gang halten! Du musst nicht immer was Großes tun, aber bei allem, was gut und heilig ist: TU WAS.
(73) Stell dir vor, du bist in einer unangenehmen Auseinandersetzung. Die Karten stehen schlecht für dich. Versuche dort, wo es kein Missverständnis gibt, das deine Flucht aus dieser hoffnungslosen Situation rechtfertigen könnte, ein solches Missverständnis zu kreiren. Auf diese Weise drückst du dich geschickt um die Konfrontation - diplomatische Strategie!
(74) Es ist beim besten Willen kein Spaß, durch einen - gefühlt - endlos langen Dickdarm gerobbt zu sein, um das jetzige Amt innezuhaben. Daher sind viele hauptberufliche Arschkriecher ab einer gewissen Hierarchiestufe Vollärsche. Wie begegnet man diesen koprogenen Freunden, die voll Wonne in der eigenen Scheiße sitzen? Man meidet sie wie die Scheiße.
(75) Ein Idol zu haben ist kein Zeichen der Schwäche. Idole geben Kraft, kein Witz. Ein Idol zu imitieren ist allerdings nicht zweckdienlich - man muss den Ruhm des Idols herausfordern. Man muss das Idol zu übertreffen wissen.
(76) Witz und Humor zu haben ist eine feine Sache; nur ist auch hier das Maßhalten sinnvoll. So wie Verstocktheit gemeine Missachtung fördert, ist auch das ewige Witzereißen eher kontraproduktiv. Die Leute nehmen dich, und eben das, was du sagst, im buchstäblichen Sinne nicht mehr ernst. Deine Worte sind dann nur noch erheiternde Leere.
(77) Manche nennen es ein psychologisches Talent, wenn ein Mensch es fertigbringt, sich in der Auseinandersetzung mit dem Anderen auf dessen Linie zu bringen. Man übernimmt Gestus, Meinung, Sprechweise und dergleichen - nicht aber etwa, um den Anderen schlicht nachzuäffen, und auch nicht, weil der eigene Charakter so schnell von den Eindrücken deformiert wird. Der Grund dahinter ist und soll sein, sich das Wohlsinnen des Anderen zu sichern. Und daher ist dieses psychologische Talent nicht allein Talent, es ist ein taktischer Zug, den man trainieren kann!
(78) Der Dumme ist besonnen und arglos; er stolpert und trottelt nur so vor sich hin. Das ist ok, es betrübt ihn nicht. Der Kluge aber kann sich nicht leisten, arglos und blind durch die Metiers zu hampeln. Kundschaftungen einholen, Informationen verwerten, Schritt tätigen: Dieser Dreisatz vermag, wenn kunstvoll ausgeführt, zum Königsweg befähigen!
(79) Erinnerst du dich an den Rat, nicht zum Clown der Allgemeinheit zu mutieren? Dieser Rat impliziert nicht, dass du nicht einmal zum Zähneputzen den pathetischen Ernst ablegst. Große Geister wissen am Besten, dass diese Welt nur mit Humor zu ertragen ist: Das Leben tötet dich? Fein, aber das Recht der Pointe räumst du dir bis zuletzt ein!
(80) Oft verkauft man uns ein Gebräu aus Panikmache, Psychose, Aufwiegelei und Mumpitz als sachliche Informationseinheit. Sei darauf bedacht, dass auch hinter einer einfach und klar anmutenden Nachricht ein komplexes Dickicht aus Unterstellungen, Dichtung und ambivalenten Absichten steckt, das den Weg zur Wahrheit beschwerlich macht. Es ist immer sinnvoll, den Vermittelnden genau zu untersuchen - In dieser Welt ist Information ALLES. Beziehe sie nur von verdienten Leuten und Institutionen.
(81) Talente, Verdienste und Heldentaten sind leider alles andere als unsterblich. Erneure dich Zeit deines Lebens. Du musst das Rad nicht neu erfinden - stelle dich dieser Welt neu vor.
(82) Geh gemäßigt zu Werke - in allem. Außer du bist James Dean. Und der starb als Goldenes Kalb.
(83) Fehlerlos zu sein ist problematisch, nicht allein, weil es schlichtweg schwierig ist keine Fehler zu machen. Die Makellosen ziehen gern die destruktiven Kräfte der Missgunst an, und durch diese kann die vortrefflichste Unschuld befleckt werden. Hie und da - verzeihliche - Fehler eingestehen zu müssen beruhigt diese hungrigen Monster, die anderer Leute Erfolg nicht dulden können. Und während sie sich an deinen trivialen Makeln ergötzen, entschwindest du heimlich und ungehindert in die Unsterblichkeit.
(84) Feindschaften werden generell als unproduktiv gesehen, aber dieses Urteil basiert auf Kurzsichtigkeit. Auch dein Feind bietet dir Vorteile. Du musst nur so gescheit sein, sie zu nutzen: Destillier aus seiner Wut den Tropfen Wahrheit, den dir kein Freund oder Arschkriecher dieser Welt einschänken kann. Alles ist ein Nehmen und Geben.
(85) "Winning." Das ist der Lebensinhalt einer Generation. Einen immerwährenden Output an unmenschlicher Vollkommenheit. Manche kommen dem sehr nahe - und ruinieren doch Alles. Denn auch das Vollkommene und Vollendete ist nicht gewappnet gegen übermäßiges Zurschaustellen. Das macht das Ganze zunächst allseits geschätzt, dann nur bekannt, daraufhin bedeutungslos. So wird aus "Winning" ... "Nothing".
(86) Gerade in Zeiten wie diesen, in denen ein harmloser Schwatz in Windeseile zu kollektivem, zerstörerischem Hohn mutieren kann, ist Behutsamkeit wichtig. Versuche, dich unantastbar für solche Formen der Verunglimpfung zu machen.
(87) Wissen zu erwerben ist der direkte Weg, das eigene innere Tier zu domestizieren - kommt dann noch eine aufrichtige Eleganz dazu, hat man es erfolgreich vom Superproll, als der man geboren, zum Renaissancemenschen geschafft. Chapeau!
(88) Gehe die Dinge mit einer erhabnen Allgemeinheit an. An den kleinen Dingen - zumal, wenn sie sehr unangenehmer Natur sind -, reiben sich nur Korinthenkacker ab.
(89) Know thyself. Ohne den erfolgreichen Balanceakt über dem eignen Abgrund wird es verdammt heikel, sich an den Abgründen dieser Welt zu positionieren.
(90) Das Prinzip hinter guten und schlechten Taten ist eigentlich gar nicht so kompliziert wie man oft annimmt. Wer schlecht handelt, bekommt dies auch zu spüren, und wenn es nur ein körperliches Gebrechen ist, das sich nach einer Reihe unbedachter oder arglos in Kauf genommener Aktionen herausbildet. Keine Illusion ist derart vollendet, dass sie das große Falsche und den verfaulten Kern seiner Akolythen überdecken kann. Daher ist es ein nettes Verdienst, weder zu dämlich, noch zu faul zum Leben zu sein.
(91) Eine Unternehmung gelingt zuvorderst durch das reife und sichere Urteil, in dessen Namen sie angekündigt wurde. Man muss, denke ich, nicht großartig die Nachteile aufzählen, die sich ergeben, wenn man bereits bei der Skizzierung großer Taten durch die Angst des Scheiterns befangen ist.
(92) Klugheit ist rar und kostbar. Sie ist leise, erregt nicht viel Aufsehen (außer bei den Klugen) und macht Menschen zu Giganten. Räume ihr alle Kapazitäten ein, die du nur zur Verfügung hast.
(93) Die Welt ist groß und reich. Sich in Allem ein wenig auszubilden - Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben - ist da sicherlich keine schlechte Idee. Der Welt zugewandte Menschen mit vielen gut gepflegten Talenten glänzen durch Abwechslung. Sie tragen ein Stück der Dynamik des Lebens in sich. Das kann nie schlecht sein.
(94) Wer das ganze Spektrum und die völlige Tiefe seiner Fähigkeiten offenbart, wird enttäuschen. Man soll sich anderen nicht komplett verschließen, denn das würde sicher zum Image des grillenhaften "wannabe lone wolfs" führen. Aber: Die Mitmenschen gerade über dein eigenes Potenzial im Dunkeln zu lassen ist unerlässlich. Dieser Zweifel führt zu einer milden Form der Ehrfurcht, die man dir entgegenbringt.
(95) Vergleiche den vorhergehenden Punkt und ergänze: Deute immer nur das volle Potenzial an. Wo du durch beeindruckende Taten glänzst und wo du gute Gedanken anklingen lässt, da lasse die Erwartung an phänomenale Taten und unsterbliche Gedanken nachklingen. Bahne dich durch Maß und Geduld stufenweise in den Bereich der Unantastbarkeit. Hab keine Scheu davor, die Leute zappeln zu lassen.
(96) Wer sich selbst in dieser Welt durch Innerlichkeit und ein wenig Grips zu behaupten weiß, der hat die Grundlage für ein gelungenes Leben gefunden. Wer das basale Prinzip der Selbsterhaltung, das sich in Bände füllende Kompliziertheit auseinanderziehen lässt, verstanden hat und konsequent anwendet, der wird in der Lektüre dieser lustigen Sätzchen hier ohnehin keinen Nutzen mehr finden. (Hat übrigens einen schönen Indikatoreffekt: Wenn du das liest und nicht gelangweilt oder zutiefst empört über deine verschwendete Zeit bist, bist du noch nicht auf dem Weg der Vollkommenheit. Keine Ursache.)
(97) Reputation zu erlangen ist meist mit gründlichen Investitionen verbunden. Und hat man einmal erfolgreich in die Reputation investiert, so wird man das Thema Zeit seines Lebens nicht mehr los. Aber Reputation ist wie ein schicker Sportwagen: Die Anstrengungen, die mit seinem Erwerb verbunden sind, sind von einer ganz anderen Dimension als das bisschen Pflege und Zurschaustellen, das nach dem Erwerb folgt. Wichtig: Hier geht es um Ruhm, nicht um "fifteen minutes of fame", die gerade mal dazu ausreichen, beim Scheißen Artikel über dich zu lesen.
(98) Es gilt mittlerweile in machen Kreisen zum guten Ton, mit offenen Karten zu spielen. Das erschwert eine gute Runde Sozialpoker ungemein, zumal niemand die Regeln pflegt. Nimm dich daher zurück. Du bist niemandem die Offenbarung deines Innersten schuldig. Meistens wird man die Kenntnisse darüber nicht in deinem Sinne zu nutzen wissen.
(99) Was wirklich ist, was Schein - das interessiert im Oberflächlichen wenig. Man muss daher auch im Fokus haben, was die eigenen Oberflächlichkeiten an Schlüssen über die eigene Persönlichkeit nahelegen. Ansonsten kann schnell ein ehrlich gesprochenes Wort verdreht werden, angepasst an ein vermurkstes Urteil, das sich an der Oberfläche der Erscheinung gebildet hat.
(100) In Zeiten wie diesen gelten auch Philosophie und Wissenschaft als verkappte Formen der Eitelkeit. Vielleicht sind sie das. Aber man sollte sich Folgendes bewusstmachen: Am Anfang ist immer eine Suche, die ein Wort, eine Metapher, weitergehend einen Gedanken hervorbringt. Dieser erste Gedanke ist weit wertvoller als alle verächtlichen Kommentare, die im Laufe der Jahre auf ihn Bezug nehmen und ihn bis zur Unkenntlichkeit zerreden. Ob Wissenschaftler, Künstler, Philosoph, Denker: Versteht er seine Arbeit, so sucht er, ohne an die kommenden Vorwürfe für das zu denken, was er finden und schaffen könnte.
(101) Dass jeder Mensch dem anderen sein irdnes Gerümpel gönne, bleibt blöde Utopie. Womöglich würde sie, wäre sie wahr, dem Menschen auch die Dynamik stehlen. Für uns heißt das, dass wir es nie allen recht machen können; der Ruhm, der uns heute umgarnt, dreht sich morgen zu unserem Strick. Such die Anerkennung der Großen deiner Zeit, der Meister ihrer Metiers: Das muss für deine Daseinsspanne reichen. Begriffe wie "Ruhm" sind bedeutunglos, verglichen mit der unbarmherzigen Sprache des weitaus weiseren Kosmos.
(102) Glück zu haben ist wie Liebemachen. Geschieht es, ist es großartig - aber Viele kommen mit der Situation nicht zurecht. Manche halten ihr Glück für unverdient, sodass ihnen das Herz zu implodieren droht. Das Glück interessiert dieser erbärmliche Kotau nicht. Willig gibt es sich dem hin, der mit ihm umzugehen weiß. Kurz: Sei ihm einfach ein verdammt guter Liebhaber.
(103) Was macht den König königlich? Seine Krone? Sein Zepter? Seine Mätressen? Seine Würde(n)! Und deswegen ist es nicht vermessen zu sagen, dass jeder Mensch Königliches in sich trägt. Er muss nur das, was dem eigenen Wesen so wesentlich ist, erkennen und leben. Das so gewonnene Selbstverständnis zeichnet sich durch majestätische Aufrichtigkeit aus. Sie überstrahlt Kronen, verlacht das Zepter ... und betört die Mätressen Anderer.
(104) Fühl den Aufgaben, denen man in diesem Leben nachgehen kann, auf den Zahn. Manche Arbeiten verrichtet das Rückgrat, andere managed das Hirn, die meisten und unbeliebtesten bringt nur der Schweiß hervor.
(105) Oft gilt der Wittgenstein: Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden. Der Gipfel der Höflichkeit ist es, kurz, unaufdringlich und prägnant zu sprechen.
(106) Niemals den Arsch auf der derzeitigen Gunst ruhen lassen! Sie ist ein gebrechliches Möbelstück. Ruhm ist, wie wir weiter oben festgestellt haben, keine kosmische Qualität, sondern eine Qualität menschlichen Konsenses: Prahl also niemals mit den Würden, die du bekleiden darfst, ansonsten entzieht man sie dir gewaltsam.
(107) Versuche immer, dich weiterzuentwickeln. Wer großartig ist und dabei stagniert, wird irgendwann langweilig und damit bald zum Idioten. Wer ein Idiot ist und sich entwickelt, lässt immerhin auf Besseres hoffen.
(108) Die Natur kennt das Mimikry als überlebenswichtigen Mechanismus. Auch das soziale Gefüge begünstigt den, der sich geschickt anzupassen versteht. Er gilt dann als gesellig - und das ist äußerst nützlich.
(109) Es ist kein guter Stil, am saubersten Schuh noch die Scheiße riechen zu wollen, die ihm einst anhaftete. Halt dich also mit Vorwürfen zurück: Urteile nur, wenn es notwendig ist, und sei dabei mild und verständnisvoll.
(110) Auch Fähigkeiten oder von der Natur gegebene Begünstigungen kommen uns irgendwann abhanden. Es hilft, rechtzeitig einen Scheiß auf sie zu geben und sie für die eigenen Belange irrelevant zu machen. Das erspart peinliche Verlustmomente.
(111) Heutzutage glaubt jeder, er könne in Allem allein bestehen. Das Gegenteil ist der Fall. Dass du nicht gleich im Orcus geblieben bist, darfst du deinen Ahnen verdanken, und auch diese waren abhängig von wohlwollenden Umständen - und wohlwollenden Mitmenschen. Es ist daher eine existenzielle Pflicht, sich Freunde und Vertraute zu machen. Wenn du also noch etwas vom Leben haben möchtest, führ dich nicht wie der letzte Arsch auf.
(112) Im Übrigen ist es ebenso naiv, an die bedingungslose Leistungsgesellschaft zu glauben. Fleiß und Talent sind sicherlich ganz nützliche Dinge, aber wenn es eine Allzweckwaffe im Leben unter Menschen gibt, dann die Kunst, sich liebenswürdig zu machen. Wer zu diesem Menschenschlag gerechnet wird, ist ausgezeichnet, ohne zwangsläufig über etwas Aufzeichnendes zu verfügen. Wer geliebt wird, ist gemacht.
(113) Ärgerlich, wenn dir selbst Nager etwas voraushaben, nicht wahr? Immerhin kannst du ihren Instinkt imitieren: Dazu gehört, in Zeiten des Überflusses und der glücklichen Umstände daran zu denken, dass andere Zeiten und Umstände kommen werden. Kurz: Sei vorbereitet.
(114) Wir haben bereits festgestellt, dass Leistung und Wettbewerb heutzutage einen gewissen Ruf genießen. Die eigenwillige Dynamik des Wettbewerbs bewegt den Menschen zu großen Leistungen, allerdings kehrt sie ihn schnell von innen nach außen: Wo vorher Mensch war, sind nun Kot, Schleim und Blut. Gib nicht viel auf den Wettbewerb, wenn du Frieden und gerechtes Ansehen suchst. Jeder Wettbewerb wird irgendwann zum Rat Race, der Menschen niederen Impulsen unterwirft.
(115) Eine gute Methode, deine Pappenheimer in ihrer ganzen Schwachsinnigkeit zu ertragen, ist sich mit ihnen abzufinden. Früher oder später haben sie sich als unverzichtbar für dich herausgestellt, und umkrempeln wirst du sie nicht können: Unansehnlichen Menschen kannst du ja auch nicht die Visage verschieben. Auch für den Charakter des Anderen gilt, dass man sich an ihn gewöhnen kann.
(116) Wenn du Menschen an dich zu binden gedenkst, versuche dich an Ehrenmenschen. Das Band, das ihr knüpft, bleibt immer intakt. Diese Sorte Mensch verdammt Unredlichkeit; vor allem, wenn sie selbst unredlich handelt. Ihr Gewissen bürgt für eure Freundschaft.
(117) Eine alte und kluge Regel der Konversation verlangt, dass du (ja: du!) nicht von dir selbst reden sollst. Egal, was du über dich sagst, du wirst immer wie ein wichtigtuerisches Wiesel klingen. Nimm dich in Gesprächen zurück, fokussiere den Anderen, er soll sich wichtig und beachtet fühlen. Dein Ansehen wird es dir danken.
(118) "Bildung" heißt nicht, viel zu wissen: Bildung heißt auch, einen ehrvollen, liebenswürdigen, oder kurz: höflichen Umgang zu pflegen. Wo die Bildung in der Sprache ihren Ausdruck findet, schmeichelt sie in Form der Höflichkeit im menschlichen Miteinander. Man wird sich an dich erinnern als einen jener seltenen Menschen, die das gewisse Etwas haben und überall geschätzt sind.
(119) Ein Mann klarer Worte darf niemals auf die simple Produktion von Widerwillen abzielen. Barbaren stehen auf Barbaren, weil sie barbarisch, nicht etwa, weil sie so herzerfrischend unkonventionell sind. Provokateure und Sarkasten stehen schnell im Abseits. Diesen Umstand erklären sie sich dann damit, dass sie unangenehme Wahrheiten aussprechen; dabei sind sie einfach nur Arschlöcher. Respektiere den Menschen - vor allem aber respektiere deine Gedanken, denn sie wollen würdevoll ausgesprochen werden.
(120) In einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wie dem heutigen gilt es - zumindest unter vermeintlich "bewussten Menschen" - als verpönt, mit der Mode zu gehen. Das ist zu simpel gedacht. Sich dem Geschmack der Zeit anzupassen, ist eher ein Zeichen des Wohlwollens als der blinden Begierde nach dem Dazugehören. Wer sich mit Eifer der Moden entsagt, offenbart lediglich persönliche Unsicherheit. Werte wie Wahrheit, Güte, Mut und Klugheit bieten Trends und Moden keine Ansatzpunkte: Sie sind Konstanten. Wer glaubt, er könne seine charakterlichen Defizite mit dem Zeitgeist erklären, ist nicht nur ein verantwortungsloser Saftsack, sondern unverhältnismäßig dumm.
(121) Fürze nicht für Fanfaren halten.
(122) Verleihe deiner Mimik und Gestik etwas, das Neugier, Interesse, Aufmerksamkeit und darüber hinaus ein Quäntchen Ehrfurcht weckt.
(123) Das selbstgenügsame Zurschaustellen von Fähigkeiten und Talenten zerbröselt selbige und lässt sie mit einem Wind gemeinen Spottes davonwehen. Ganz ehrlich: Lass deine Fähigkeiten entdecken, reibe sie den Leuten nicht unter die Nase.
(124) Wenn du von einer Aufgabe - einem Amt - abtreten musst, bist du dann erfolgreich gewesen, wenn man sich mit Wohlwollen an dich erinnert und deine Rückkehr herbeisehnt. Wie du das machst? Indem du deinen verdammten Job machst und ein paar Manieren zeigst!
(125) Sich mit anderer Leute Scheiße beschäftigen, heißt zwangsläufig, sich einzusauen. Daher solltest du kein Pressesprecher des Schmutzes werden. Du würdest als Unberührbarer enden: Als ein Wesen, aber doch als kein menschliches.
(126) Jeder macht Fehler. Das ist nicht das Kriterium, das die Klugen von den Dummen unterscheidet. Verstehe, deine Fehler zu übersehen und ungesehen zu lassen. Damit ist genug getan.
(127) Sei frei durch die Art deines Auftretens. Sei geadelt durch die Ungezwungenheit deiner Rede. Sei kühn in der Ausführung deiner Vervollkommnung.
(128) Ein waches, klares und edles Bewusstsein ist eine Naturgewalt. Seine Kraft formt aus Menschen Helden.
(129) Sich zu beklagen ist ziemlich unelegant. Man braucht sich nicht wundern, wenn man durch sein Lamentieren als rückgratloser Querulant gilt.
(130) Wenn du was zu zeigen hast, zeige es auch beizeiten - ansonsten glaubt man, es sei nicht vorhanden. Es ist natürlich ein bisweilen erbärmliches Spiel mit den Oberflächlichkeiten, aber auch Oberflächlichkeiten sind notwendig, um Tiefen zu vermitteln.
(131) Wer richtig einen raushauen will, der sollte auch den Gegner mit Würde behandeln. Das gilt inbesondere für Momente, in denen man die süße Rache so kalt servieren kann, dass der Gegner keinen Hirnfrost mehr braucht, um auf alle Zeit beschädigt zu sein: Denn genau dann reagiert der Erhabne mit ... Wärme. Das Ergebnis dieses Verhaltens ist der Ruf der Bescheidenheit, Güte, des diplomatischen Geschicks und der Menschlichkeit. Nicht schlecht für's Erste.
(132) Anstatt einfach zu zögern, wenn jemand seine leeren Pranken in deine Visage hält, überlege. Wirst du geben, so kannst du dir durch die Überlegung gewiss sein, dass die Gabe groß und gut ist. Wirst du abschlagen, so wird die Zeit, die die Überlegung mit sich bringt, die akute Begierde des Anderen etwas beruhigen. Das macht das Geben größer und das Abschlagen weniger schmerzhaft.
(133) Auch als kluger Kopf giltst du bald als Spinner, wenn du dich den Spinnereien der Anderen komplett verweigerst. Nutz das Zwischenmenschliche, um deine Vernunft behutsam an sie heranzutragen, und hau bisweilen deiner Eitelkeit einfach aufs Maul, wenn sie dir zur Isolation rät.
(134) Die Natur gab uns zwei Beine, weil die doppelte Ausführung eines Beins das Vorankommen erheblich erleichtert - da können die Flächen, auf denen du läufst, noch so verschieden sein. Die Vorzüge deines Charakters, seien es nun Talente oder hart erarbeitete Fähigkeiten, sollten wie Beine sein. Immer im Duo vorhanden, so konzipiert, dass die Wege, auf denen du läufst, beschaffen sein können, wie sie wollen: Hauptsache, du kommst voran.
(135) Dem überkritischen Geist haftet immer ein unvorteilhafter Ruhm an: Kein Wunder, wenn jede Konversation mit ihm zu einem Klärgrubenbesuch verkommt, in der man die gesammelte Scheiße, die man so bisweilen verzapft, schön aufgeschichtet vorgeführt bekommt. Kritisch sein ist gut, unabdingbar sogar für den Großen - aber konversiere nicht wie jemand, der sich an Intellekt besoffen hat und im Rausch an seiner eigenen Kotze ersticken möchte.
(136) Wenn du über eine bestimmte Materie sprechen willst, dann solltest du auf das ihm ganz Wesenhafte abzielen. Herumgeschwurbel mit Begriffen, von denen der Begreiflichmachende weder weiß, warum er sie wählt, noch, woher er sie hat, macht eine Materie noch trüber, nicht klarer. Da hilft nur: Auf die Materie zugehen! Zupacken! Den Kern herausschälen! Das erspart den Ballast, den deine Unentschlossenheit der Sache aufhalst.
(137) Am Kolosseum zu stehen, mag ein erhabener Gedanke sein. Vom Empire State Buildung auf New York zu blicken - wow, großartige Vorstellung. Den Pazifik in seiner ganzen Größe zu sehen, ist sicherlich auch ein großes inneres Bild. Und manchmal sind diese Vorstellungen, wenn man sie realisiert, berechtigterweise groß - aber ihre eigentliche Größe gewinnen sie nur an einem Ort, und das ist dein Geist. Die Arbeit an deiner Seele soll das Ziel haben, dein Inneres befriedigender zu machen als all die magischen Orte, denen die Menschen hinterhetzen, nur um doch irgendwie enttäuscht zu werden.
(138) Es gibt Situationen im Leben, in denen Taten bestenfalls nichts bewirken, schlechtestenfalls alles noch verschlimmern. Ein Mann der Tat ist zur Hälfte auch ein Mann des Seinlassens. Daher ist ein gesundes Urteil in dieser Sache viel wichtiger als ein halbgöttlicher Tatendrang.
(139) Probe an einigen Momenten des Tages, ob er dir wohlgesonnen ist. Es grenzt an Aberglaube, aber es ist empirisch gesichert, dass es Tage gibt, an denen alles schiefläuft. Stempel Tage aber nicht vorzeitig ab, denn sie kündigen sich manchmal in der einen Weise an, um dann doch in der anderen einzutreten. Fühl dich in die Phasen hinein und passe deine Pläne entsprechend an.
(140) Es gibt in der Regel zwei Sorten von Menschen: Die, die noch die letzte Gräte im Fisch aufgebracht herauswürgen, und die, die sich nach dem leckeren Fischgericht des kostenlosen Zahnstochers erfreuen, der ihnen aus dem Rachen fliegt. Entscheide für dich, welcher Typ du sein möchtest.
(141) Wem niemand zuhört, der muss die fehlende Zuhörerschaft durch sich selbst ersetzen. Und daher zeigt jeder, der sich selbst gern reden hört, dass er nichts von Wert für die Allgemeinheit herausbringt. Es ist eine Unart, so zu reden, als sei man eigentlich Poseidon, Mose oder sonstwer.
(142) Wenn dein Gegner sich auf die Seite stellt, die der Konsens für die gute Seite erklärt, ist er dir dummerweise einen wichtigen Schritt voraus. Erstes Gebot in dieser Situation: Niemals um dieses Spiels willen für die antagonistische Seite Partei ergreifen. Auch wenn das Böse einen charmanten Reiz genießt: Figuren wie der große bose Wolf gehen aus Märchen nie als Sieger hervor.
(143) Dem Menschen, der Bewusstsein vortäuscht, ist nichts wichtiger als sich um jeden Preis vom Anderen abzuheben. Er wird durch befremdliche Willkür versuchen, im Selbst-Widerspruch Selbst-Wert zu generieren. Wer seine Täuschung durchschaut, kann sehr einfach auf das Unvermögen und die tiefe Verzweiflung des Täuschenden rückschließen; dass er eben nicht mehr als ein Gaukler ist.
(144) Es ist eine schwer zu meisternde Kunst, die Position des Gegners am Anfang eines Streites zu befürworten, um ihn doch nur in Sicherheit zu wiegen und von selbst auflaufen zu lassen. Dann schlägt die Stunde der eigenen Position: Sie wird als unverrückbares Fundament der Wahrhaftigkeit erscheinen.
(145) Wo Schwäche ist, sind Klage und Entrüstung nicht weit. Ganz gerissene Wichser machen sich diesen Umstand zunutze, indem sie ihre Rede dahin stechen lassen, wo sie die Schwachstelle des Gegners vermuten. Sie haben ihr Ziel dann erreicht, wenn der Gegner sich durch die Provokation zu Dummheiten hinreißen lässt. Um sich gegen den Radar des Boshaften zu tarnen, hilft leider nur eines: keine Schwächen zu offenbaren.
(146) Wahrheit ist scheu. Sie ist wie die schönste Frau am Platze, von der jeder behauptet, er habe was mit ihr am Laufen. Nichts wird so oft verkannt und verwechselt wie die Wahrheit. In unserer Zeit hält man sie sich wie eine beliebige Trademark - man versucht, sie gemein zu machen, verfügbar und verwertbar. Doch wer sie findet, ist fürchterlich einsame Wege gegangen. Er wird vielleicht fürchterlich allein bleiben.
(147) Wer unvollkommen ist, ändert daran nicht viel, wenn er sich verschließt. Aber auch die Wenigen, die kaum mehr Rat und Hilfe benötigen, tun gut daran, dem Anderen zuzuhören, seinen Rat zu vernehmen und für sich zu überdenken. So kann auch der fast Vollkommene prüfen, wer seiner vermeintlichen Freunde klug und ehrlich ist und damit als Vertrauter und Berater taugt. Zuletzt, wenn man z.B. vor lauter strahlenden Vollkommenheiten kurzzeitig erblindet, dürfte sein Rat tatsächlich wertvoll sein.
(148) Wer Smalltalk nicht beherrscht, stempelt ihn gern als Wegwerfkommunikation ab. Nichts wäre abwegiger: In der unvorbereiteten und alltäglichen mündlichen Konversation zeigt sich, wie ein Mensch sich an seine Gesprächspartner anzupassen versteht, wie er spontan seine Rede formt, welche Urteile und Meinungen er ausspricht oder verschweigt. Der Smalltalk ist der erste und reichhaltige Indikator für die Klugheit, Menschenkenntnis und Selbstachtung eines Menschen. Wie das Mädchen, das mit der geheimen Liebe des Zögernden nichts anzufangen weiß, wird auch der Smalltalk von jenen zur billigen Hure ernannt, die sich aus persönlicher Schwäche nicht mit ihm verbinden können.
(149) Einen Sündenbock zu haben mag moralisch verwerflich sein: dem Klugen ist's jedoch ein gültiges Instrument. Also leg dir am Besten einen Streichelzoo der Verdammnis an.
(150) Werke sind auf Werbung angewiesen, um nicht in Missachtung zu versinken. Das einfache Rezept zum Werben: Mach an deiner Arbeit etwas aus, das bekannt oder unbekannt, in jedem Fall aber gut für die Menschen sein dürfte. Erhasch dir das Wohlwollen angesehener Personen. Erwecke Neugier.
(151) Wer erst handelt und dann denkt, hat das Entschuldigen zu meistern. Wer erst denkt und dann handelt, kennt den Ballast dieser Sorge nicht. Er wird keiner Entschuldigungen bedürfen, weil er Fehltritte zu vermeiden weiß.
(152) Ein altes Sprichwort sagt: Der Fuchs gilt als klug, weil die Hühner unermesslich dumm sind. Umgib dich mit Hühnern, wenn du ein Fuchs sein willst.
(153) Es ist immer eine recht undankbare Aufgabe, jemandem auf ein Amt zu folgen; erst recht, wenn dein Vorgänger sein Amt verstand. Selbst wenn eure Qualitäten gleich sind, hat die Zeit den Vorgänger geadelt. Du musst also noch was draufsetzen: Dein Arbeitsethos sollte deine Dienstzeit als Goldenes Zeitalter verstehen.
(154) Es ist ein Zeichen von Klugheit und Wahrheitsliebe, wenn man mit Zurückhaltung urteilt. Sie bewahrt uns davor, Trugbildern aufzusitzen. Wie begegnet man dann Lügnern und Betrügern? Höflich! So fangen wir uns nicht den Ruf des Ungehobelten ein. Den Rest besorgt die Zurückhaltung und Milde. Wer voreilig Lug und Betrug in Allem schnüffelt, wird bald selbst als Experte in diesen Sachen gelten. Und von dort aus ist es kein großer Schritt zum Ruf eines Lügners und Betrügers.
(155) Zorn ist groß und wichtig. Aber er soll ein Instrument sein, keine aufwallende Entladung, die uns zu cholerischen Clowns macht. Erste Regel des Zorns: Erkenne, wenn er dich zu packen versucht. Zweite Regel: Zügle ihn. Dritte Regel: Kanalisiere ihn und lass ihn hervorbrechen, wenn die Situation es angemessen macht. Bonus-Tipp: Wende ihn so gut wie gar nicht an, damit er um so erschlagender wirkt, wenn du seine Eruption herbeiführst. Dein Kalkül sei wie Stahl - fest und kalt, aber der Macht des brennenden Erzes, das es einst war, gewahr.
(156) Um sich vor Ärger zu schützen, den man sich nicht persönlich eingebrockt hat, gibt es eine sehr gute Schutzmaßnahme: Freunde nicht nur nach persönlichem Gusto wählen und halten, sondern auch unter Hinzunahme des Intellekts.
(157) Wahrhaftig gelehrt ist, wer Menschen wie Bücher lesen und verstehen kann.
(158) Freundschaften eingehen, erhalten und nutzen zu können, heißt, die Einsamkeit in dieser Welt ein wenig zu vergessen und über sich hinauswachsen zu können. Gäbe es einen Steckbrief für den guten Freund, so würden drei Eigenschaften zuerst darauf Platz finden: Er sei loyal, gütig und wahrhaftig.
(159) Geduld ist eine Tugend. Gerade das Superbrain, das unter der ihm umgebenden Beschränktheit leidet, wird sie gebrauchen. Der Weise weiß, sich zurückzuziehen, er weiß sein Maß einzuschätzen und in der Ruhe Frieden zu finden. Wenn die Landmassen die beharrlichen Idioten sind, ist der Ozean der Weise: Zumeist still und erhaben, trägt er das Dumme langsam ab.
(160) Reden und Denken gehören unbedingt zusammen. Achte auf das, was du sagst, und wie du es sagst. Halt dich kurz, sei vorsichtig und gib' dem Gesagten einen mysteriösen Touch. (Wenn du verstehst.)
(161) Ob Jesus, Gandhi oder der Typ, der den Anti-Kater-Cocktail entwickelt hat: Auch die vermeintlich Heiligen haben mindestens einen großen Makel. Es ist eine Meisterleistung der Selbstformung, diesen Power-Makel irgendwie zu nivellieren. Altes Hausmittel: In allen anderen Qualitäten zu was taugen. Hilft garantiert!
(162) Schlechte Verlierer stehen in keinem guten Ruf - schlechte Gewinner ebenso. Das britische Ideal der Fairness gilt als altbackener Mist für Pseudo-Aristokraten, aber wie es nunmal mit altbackenem Mist ist, stellt er für den Einsichtigen früher oder später einen wertvollen Rohstoff dar. Fairness heißt nicht allein, seinem Gegner Respekt zu zollen. Sie geht darüber hinaus: Der Faire ist sich der Tatsache bewusst, dass das Leben ein Spiel ist, und es sich einfach nicht lohnt, in dieses Spiel ungezügelte Gefühle zu investieren. Zeig die steife Unterlippe und gib' den sportsman. Oder die sportswoman.
(163) Der Nazarethener ist vielen Vorbild. Wem Gott ein Scheißblatt gedealt hat, ist also bald auf dem Mitleid der Edelmütigen gebettet. Mitleid ist edel, Hilfe tapfer - aber gefährlich. Denn das Unglück ist, wie wir vorher schon einmal festgestellt haben, ansteckend. Handle also mit Bedacht, wenn du nicht auch an ein paar Latten genagelt werden möchtest. Außer du stehst drauf. Aber das ist eine andere Sache.
(164) Es kommen Zeiten, da muss man sich an Andere wenden. Vielleicht, weil man einen Gefallen ersucht; oder Liebe. Soll ja vorkommen. Die Natur dieser Anfragen ist prekär, da sie, wenn sie abgeschlagen werden, böse wehtun können. Daher sollte der Umsichtige den Erfolg seiner Anfrage vorher genau prüfen, z.B. durch Andeutungen in einem Gespräch. Zeichnet sich Erfolg ab, kann man konkret werden. Wenn nicht, kann man die Sache immer noch ohne weitere Folgen abbrechen.
(165) Bricht die Welt zusammen, sind die Menschen verkommen, Ehre und Anstand auf alle Zeit verloren? Kein Problem, denn du hast das, was der Welt abgekommen ist, in Brust und Herz eingeschlossen. Und von dort aus kannst du das All wieder füllen.
(166) Eine Erkenntnis, auf der alle Politik fußt: Die Menschen überschätzen Worte. Worte ohne Taten sind ein wurmbefallener Apfel: Von außen ist er ansprechend, beißt man jedoch rein, springt einem ein verfaulter Kern entgegen. Man bleibt hungrig.
(167) Wer klug ist, stemmt das Schicksal leicht. Sollte dennoch einmal das große Shit-Sandwich grüßen, helfen Ausdauer, unterdrückter Ekel und guter Magen der Klugheit aus. Wer bei den kleinsten Hinderlichkeiten einknickt, wird zu keinem höheren Dasein gelangen als dem des Grashalmes. Beeindruckende Bäume sind gleichsam biegsam und stark verwurzelt.
(168) Idioten gelten insofern als Verbrecher, als sie auf eigenwillige Art und Weise die Schönheit vergewaltigen. Während sie äußerlich nicht unbedingt unappetitlich aussehen müssen (nur vielleicht dümmlich), vergehen sie sich aufs Schwerste an der Schönheit des Geistes und des Gemüts. Daher hat auch der, der das Gesicht eines Filzlappens sein Eigen nennt, solange seine Pflicht getan, wie sein Geist aus Kashmir gewoben ist.
(169) Wer das Haar in der Suppe findet, wird nicht dadurch getröstet, dass der Rest der Schüssel tatsächlich mit Brühe gefüllt ist. Was das für dich heißen soll? Wenig falsch zu machen ist wichtiger als in den meisten Dingen glänzen zu wollen.
(170) Du solltest in Allem einen Plan B haben. So windest du dich aus jeder Situation. Darüber hinaus beeindruckst du jeden, der nicht einmal über A nachgedacht hat.
(171) Was hilft dir der mächtigste Gönner, wenn du seine Dienste nicht zu nutzen weißt? Richtig, 'nen Scheißdreck! (Angesichts dessen muss man sich eigentlich gleich fragen, wie du überhaupt erst zu so einem Gönner gekommen bist.) Man sagt es ungern, aber Beziehungen sind meist wichtiger als hübsche Talente. Daher ist umso wichtiger, mit Vitamin B so strategisch umgehen zu können wie mit den ganz eigenen Fähigkeiten.
(172) Alte Regel, die für alle Spiele - inklusive das Spiel des Lebens - gilt: Niemals gegen den antreten, der nichts mehr zu verlieren hat.
(173) Mitunter lohnt es sich, keine weinerliche Sissy zu sein. In übertriebenen Reaktionen auf die Mitmenschen hat sich noch jeder unglückliche Narziss entblößt. Sentimentalität ist keine Schande - manche erachten sie als Gabe. Trage sie daher mit Ausdauer, Güte und Geduld. (Du Weichei.)
(174) Entschleunigen. Unser Zeitalter zeichnet sich dadurch aus, dass immer mehr Dinge und Eindrücke immer schneller und umfangreicher verfügbar werden. Das führt naturgemäß zu einem Overload der Nerven: und so bringt uns der schönste Genuss früher oder später doch zum Kotzen. Zuletzt sind dann die Sinne stumpf. Sparsamkeit und Muße sind damit nicht einfach Tugenden. Sie sind Gebrauchsanleitungen für den eigenen Körper.
(175) Persönlichkeiten, die aus Täuschung und Betrug sprießen, sterben allzu leicht ab. Es ist eigentlich ein stilistischer Fehler, bei ihnen von "Persönlichkeiten" zu sprechen. Verschrumpeltes Unkraut ist ja auch kein gescheiterter Rosenstrauch. Der grüne Daumen lehrt: Sät Wahrhaftigkeit und ihr werdet lang und reich ernten.
(176) Nirgendwo Rat zu holen, weil man sich dabei dumm vorkommt, zeugt in der Tat von erdrückender Schwachsinnigkeit. Sich von Leuten, die was auf dem Kasten haben, auf die Sprünge helfen zu lassen: das ist kein Unvermögen. So geht man klug mit der Dummheit um!
(177) Alkohol steht in keinem hohen Kurs bei den Bedachten, weil er die Zunge lockert. Charmante und vertraute Menschen haben die gleiche Wirkung. Sie kehren Gedanken nach außen, und das ist ganz ungünstig für die Reputation. Niemand sollte sein Innenleben und damit seine Würde verscherbeln.
(178) Der beste und sicher weiseste Berater, den man ergattern kann, ist das eigene Herz. "Hör auf dein Herz!" heißt es in den Schnulzen, und zwischen dem zähen Kitsch verbirgt sich manifeste Wahrheit. Dieses Organ, das erwiesenermaßen einen eigenen Verstand besitzt, hat dich überallhin begleitet; hat mit dir gelitten und triumphiert. Es kennt dich besser als du selbst, der sich wohl bisweilen von seinen anderen Organen - besonders vom Hirn - vernebeln lässt. Hör hin! Da spricht jemand treu und klug zu dir.
(179) Schweigen ist Herrschen. Die Zunge hast du im Zaum, die Vorsicht behältst du im Blick, dein Urteil nicht zu eilig ausgesprochen. Jeder verehrt und fürchtet die Tiefen eines wirklich ruhenden Gewässers.
(180) Trick für's Spiel: Deine eigenen Züge nicht nach dem konzipieren, was dein Gegner erwidern dürfte. Schlichtweg dumme Gegner erkennen gar nicht den Zug, der jetzt geboten wäre. Kluge führen diesen Zug ebensowenig aus - eben weil sie wissen, dass du in deiner Klugheit diesen Zug von ihnen erwartest. Setz' am Besten keine absoluten Erwartungen. Öffne deinen Geist für alle möglichen Spielzüge und treffe für alle Vorbereitungen.
(181) Lügen ist immer ein Scheißspiel, vom Standpunkt der Moral wie auch vom Standpunkt der Vernunft. Also immer die Wahrheit sagen? So viel erträgt keiner. Verschweig, was du nicht durch Lüge ersetzen willst.
(182) Menschen von Herz sind untrennbar verbunden mit den Enttäuschungen, die ihnen das Leben und die Menschen bereiten. Wer das mitmacht, antwortet den Dingen irgendwann mit Zaghaftigkeit, vielleicht auch mit Resignation. Sicher ist, dass die Welt nicht allein dem Herz gehört, aber ohne Herz alles in sich zusammenfällt. Die Naivität dieses Organs ist ein unverzichtbarer Motor. Wenn er stottert, setze alles daran, ihn wieder auf Vordermann zu bringen.
(183) Fest und unverrückbar am eigenen Standpunkt festzuhalten gilt als Zeichen von Rückgrat. Der Sensiblere aber erkennt darin Stillosigkeit. Selbst wenn du die Wahrheit auf deiner Seite hast - wer kann das schon von sich behaupten? - solltest du nicht auf die Kacke hauen. Auch du solltest dich anzuschmiegen verstehen an die Argumente seines Gegenübers. Hier geht es nicht mehr um die Wahrheit, sondern um den Takt, in dem man sie erklingen lässt.
(184) Wer aus jeder Kleinigkeit 'ne Show macht, zeigt, dass er das Event beherrscht, nicht aber die Stille. Blas' dich nicht auf. Versuch' nicht, Eindrücke zu erwecken, die du nicht bedienen kannst.
(185) Wir alle scheitern bisweilen in unseren Versuchen, irgendwas gebacken zu bekommen. Wenn auch du einmal mehr scheiterst, unternimm auf jeden Fall einen engagierten Zweitversuch. Mag er dir gelingen oder nicht: Du hast bewiesen, dass du nicht beim ersten Hindernis das Handtuch wirfst. Und der Rest liegt ohnehin in den Händen einer Göttin namens Zufall.
(186) Wie wir gesehen haben, sind auch die Menschen von Weltruhm nicht ohne ein Gebrechen, eine dunkle Seite. Es wäre unachtsam, sich von ihrem strahlenden Ruhm blenden zu lassen - denn den Fehler im Großen zu suchen und zu erkennen, heißt, einen aufschlussreichen Blick hinter seine Fassade zu fassen. Zu sehen, unter welchen widrigen Umständen dieser Mensch bewerkstelligen konnte, etwas aus sich zu machen!
(187) Du solltest Drecksarbeit auszulagern verstehen. Den großen Gönner spielen - und diese Rolle auch meinen - sollte dein Metier sein. Aber man kann in dieser Welt nicht nur Schönes und Gutes unter die Leute bringen - woanders verteilt man Zurechtweisungen ... Fausthiebe ... was dir so einfällt. Genau diese Aktionen, die notwendig sind, aber in keinem guten Ruf stehen, muss man Anderen übertragen. Denn diese werden die Ersten sein, die die Reaktion zu spüren bekommen.
(188) Besinn dich darauf, keinen hinterfotzigen Scheiß zu reden. Wenn du dich über jemanden unterhältst, der nicht zugegen ist, dann tauch deine Erzählungen über ihn in Wohlwollen. Opportunisten schmeicheln ihrem Gegenüber, indem sie beliebig die Haltungen und Meinungen abwesender Mitmenschen lächerlich machen, oder gar verurteilen. Sie spielen ein unwürdiges Spiel. Du solltest sie durchschauen lernen, ansonsten findest du dich bald selbst in ihrem Spiel wieder.
(189) Eine elegante Art und Weise, nützliche Leute an sich zu binden: ihre Sehnsüchte kennen. Wer Motivation und Leidenschaften eines Menschen kennt, kann ihn und seine Dienste für sich gewinnen; indem man die Sehnsucht bedient und die Energie, die dieser Mensch aufbringt, um sie zu erreichen, für die eigenen Ziele anzapft.
(190) Es heißt, wer ein Nichtsnutz sei, könne immerhin auf ein langes und glückliches Leben hoffen. Sein Pendant dagegen - der Wichtige - hat gleich zwei Gegner, die ihm das Wichtigsein madig machen: Das Glück scheißt ihm vor die Füße, und der Tod zieht ihn ein- bis zweimal durch eben jenen Haufen, ehe er ihn in aller Frühe mit sich nimmt.
(191) Du bist natürlich nicht der Erste, der erkannt hat, dass man mit einem Mindestmaß an Manieren etliche eitle Idioten umgarnen kann. Höflichkeit allein ist nur Schauspiel, das den Anderen betört, um sich seine Gunst zunutze zu machen. Vergiss das nicht, egal ob du gerade Darsteller, Regisseur oder Zuschauer bist.
(192) Es ist schon 'ne verflucht sinnige Sache, das zur Herzensangelegenheit zu machen, was dir wichtig ist. Wichtiger aber noch: Gib auf das einen Scheiß, was dich ebenselben interessiert. Gehe bedacht und schweigsam durch diese Welt. Versuch dich nicht aus Launen heraus an Dingen zu reiben, die dich sonst nie tangierten. Das macht es einfacher, nachts erholsamer zu schlummern.
(193) Bei der Auswahl an naiven Vollpfosten da draußen kann man Betrügern fast keinen Vorwurf machen. Leute, die sich zum Advokaten des Anderen berufen fühlen, wissen genau, dass hinter dem Ganzen nur ihr eigener Vorteil liegt. Jeder, der in irgendeiner Sache eine bestimmte Absicht vorgibt, hegt nicht zwangsläufig diese Absicht. Ein hohes Maß an Erfahrung und Menschenkenntnis ist nötig, um in diesem Absichtenspiel den Überblick zu behalten.
(194) Nicht nur junge Menschen neigen zu Selbstverliebtheit und unseriösen Erwartungen an die Zukunft. Diesen Infekten begegnet das Leben, indem es den Erkrankten ganz ganz bittere Pillen verschreibt. Der Kluge beugt vor und impft sich: Er weiß realistisch einzuschätzen, was er erreichen kann - was die Umständ ihm bieten werden. Enttäuschungen werfen ihn nicht aus der Bahn. Sie sind das Ergebnis kleiner Kalkulationsfehler. Illusionen sind, wenn sie nicht völlig träumerisch sind, natürlich wichtig und nützlich. Der Sinn für das Machbare ist aber zuletzt entscheidend.
(195) Dumme hassen und polemisieren gegen Alles und Jeden - in keinster Weise verstehen sie sich selbst und das, was vor ihren Augen geschieht. Weise behandeln Alles und Jeden mit Güte und Respekt - in jedem Ding, jedem kleinsten Sachverhalt haben sie eine Eigenart, einen Weg, eine Schönheit entdeckt, und das Alles nährt ihre Einsicht in die Welt.
(196) Wir sind abhängig vom Glück, gar keine Frage. Ist es damit legitim, sein Junkie sein? Junkies dienen ihrer Droge, anstatt sie für sich selbst einzusetzen. Es ist wichtig, dass du bei dir die eine Gabe auszumachst, die dir der verdammte Kosmos einst hat zukommen lassen. Jeder hat so eine Gabe. Und wenn sie nur darin besteht, verdammt gut in Tennissocken auszusehen. Wer um diese Gabe weiß - wer weiß, wie das Glück damit verbunden ist -, wird sie zu nutzen wissen.
(197) Trottel macht man sich nicht zu Freunden und Vertrauten. Sie dienen als Erfahrungsgegenstand für die Weisheit. Ansonsten meide man den Umgang mit ihnen.
(198) Das Fremde ist überall von gleichem Reiz. Schrott, der in Land A als Schrott erkannt wird, gilt in Land B als Gold, nur weil er über drei Viertel des Planeten gekurvt ist. Zuhause weiß man, als wer und was du angefangen hast, wie grob du einst warst. In der Fremde bist du hundert Stufen weiter, genießt den Ruf des Neuen und Weitgereisten. Hier ist es ein Leichtes, vollendeten Ruhm zu ernten.
(199) Mit hübschen Manieren kannst du vielleicht im Zirkus des Zwischenmenschlichen bestehen. Aber sie sind beim besten Willen nicht hinreichend für hohes Ansehen. Ebensowenig reicht es nicht, wie ein Bauer zu ackern, sich aber eben nur wie ein besoffener Redneck zu geben. Der Weg der Mitte führt zum Ziel: Lerne harte Arbeit und sanften Umgang!
(200) Wer schmal denkt, sieht ein Himmelreich im Leben ohne Wünsche. Aber Wünsche sind die treibende Kraft im Leben. Wünsche befeuern unseren Körper, beflügeln unseren Geist. Sie verantworten die faszinierende Dynamik allen Strebens, allen Leistens, allen Schöpfens. Wenn der verballhornte Asiate sagt, der Weg sei das Ziel, so erweist er sich da nicht etwa als Realist, der die Unerreichbarkeit des Vollkommenen konstatiert. Er hat erkannt, dass das Wunschlos-sein erst gar nicht wünschenswert ist.
(201) Zu wissen, dass man einen Scheißdreck weiß: Das ist das Wissen des Weisen.
(202) Ordne zuerst deine Gedanken; du wirst Ordnung benötigen, um sinn- und ruhmvolle Sätze zu sprechen. Dein ganzes Augenmerk muss aber deinen Taten gelten. Sie wirken länger als deine Worte, bestätigen sie aber, gewichten sie - und zeugen zuletzt von deinem gesunden Verstand: Denke viel, rede gut, und handle danach!
(203) Jede Zeit hat ihre vollendeten Persönlichkeiten. Meistens sind das Leute, die nur für eine Qualität gerühmt werden; aber das reicht ja für mittelfristigen Ruhm. Du solltest einen scharfen Sinn für dasjenige entwickeln, was den Großen einer Zeit vom Durchschnitt abhebt. Vielleicht wirst du selbst das Große anpeilen - zumindest aber wirst du dich nicht von Anmaßungen und aufgeplusterten Mittelmäßigkeiten verarschen lassen.
(204) Auch die leichteren Aufgaben des Lebens verdienen unsere Aufmerksamkeit. Zu denken, sie erledigten sich von selbst, deutet darauf hin, dass du sie vermasseln wirst. Wirklich schwierige Aufgaben sollte man degegen ungezwungen angehen, ansonsten erdrücken sie dich.
(205) Du solltest Ignoranz kalkuliert einsetzen können. Es ist nicht erst seit gestern ein Sport der Ehrgeizigen, allem Großen hinterherzulaufen - oder es wenigstens vehement zu bekämpfen -, um an seiner Größe teilzuhaben. Geschenkt, dass das ein widerlicher Sport ist. Wer Dinge, die unerreichbar sind, oder widerwärtige Rivalen zu missachten weiß, demonstriert eine grimmige Überlegenheit, die nicht ohne Wirkung bleibt.
(206) Wer glaubt, Spacken nur in der Gosse antreffen zu können, oder im Mittagsprogramm von RTL, der ist wahrscheinlich selbst ein Spacken. Spacken sind klassenlos, du wirst auch im Buckingham Palace allerhand Spacken vorfinden. Schlimmer als einfache Spacken sind die Bekämpfer der Spacken - man kann sie Konter-Spacken nennen -, die die Verhaltensweisen der Spacken adaptieren, um sie bloßzustellen und sich selbst als Anti-Spacken darzustellen. Du siehst also: Spack ist allgegenwärtig. Man muss ihn zu ertragen wissen.
(207) Erhabene Gleichgültigkeit und ein maßvolles Verhalten schützen vor den Unachtsamkeiten, die aus Leidenschaften herrühren. Das ist eine Frage der Disziplin, und diese Disziplin darf niemals vernachlässigt werden: Eine emotional bedingte Unbedachtheit kann eintausend genau kalkulierte Schritte über den Haufen werfen.
(208) Die größte Gefahr des klugen Menschen ist seine Klugheit. Gedankenreiche Menschen überleben das Volumen ihres Geistes oft nicht: Sie sterben wie Idioten, mit dem Unterschied, dass Idioten wenigstens arglos dahinleben können. Und so leben die Einen, weil sie Trottel sind, und andere sterben wie Trottel, eben weil sie keine sind.
(209) Neben persönlich-privaten Eigenheiten, denen man so verfallen kann, gibt es auch gefährliche allgemeine Hirnrissigkeiten. Sie sollte man natürlich meiden wie das Weihwasser. Was ist so eine allgemeine Hirnrissigkeiten? Vergangenes unverhältnismäßig loben. Neid. Sich Illusionen hingeben. Und dergleichen mehr.
(210) Die Lüge ist keine Option - das haben wir jetzt ein paar mal herausgestellt. Wie geht man nun mit einem Arschloch wie der Wahrheit um? Sie kann, wenn man sie mitteilt, sehr wehtun. Daher ist es unabdingbar, sie in Worte, Andeutungen, vielleicht sogar in Stummheit einzubetten. Auf diese Weise kann die Wahrheit, je nachem, wie man sie einsetzen möchte, Menschen adeln oder in den Dreck ziehen.
(211) Die Welt ist Zyklen unterworfen, und wirklich Neues wird sie nicht mehr bieten. Du solltest mit einer gehörigen Portion Ausgeglichenheit durch diese wechselhaften Phasen wandern. Behalte den guten Ausgang im Blick; mache dich nicht abhängig von den Launen der Ereignisse!
(212) Wenn du Zeit deines Lebens tatsächlich mal ein Meister irgendeines Fachs werden solltest, wäre es reine Verschwendung, deine Befähigungen maßlos unter die Leute zu schmeißen. Der ökonomische Einsatz großer Taten und Werke dient immer dazu, deine Überlegenheit zu wahren und den bisweilen lehrreichen Effekt deiner Werke bei den Menschen zu sichern. Wer das Kaninchen aus dem Hut zaubert, ist ein Magier. Wer allzu schnell seine Tricks preisgibt, ist kein Magier mehr.
(213) Vielleicht kennst du diese Menschen, die unlautere Absichten hinter verschwurbelten Worten verstecken - hinter Andeutungen und schwer verständlichen Thesen. Der schlaue Mensch - der du ja bist - bedient sich des methodischen Zweifels, um die ominösen Geheimnisse seines Gegenübers offenzulegen. Hake bei irgendwelchen Behauptungen einfach nach, verwirf sie nach Belieben! Gib dich nicht mit Symbolen, die keine sind, zufrieden, auch wenn du ihren Zweck längst durchschaut hast. An der richtigen Stelle gestichelt, kannst du sicherlich einige Verlogenheiten entlocken.
(214) Jeder von uns fuckt hin und wieder gehörig ab. Kommt in den besten Familien vor. Zu einer ausgemachten Blödheit wird's erst, wenn du den Fehler begradigen willst und dabei gleich den nächsten ingangsetzt. Noch schlimmer ist es, den Fehler schönzureden, als sei er gar keiner gewesen: Das ist einfach nur armselig. Darum nimms gelassen, wenn dir im Eifer des Gefechts ein Maleur passiert - halte dich nicht damit auf!
(215) Wir haben bereits dargelegt, dass das Spiel mit fremden Absichten ein kunstvolles Mittel ist, heimlich eigene Interessen zu bedienen. Jetzt ist darauf hinzuweisen, dass du all deine Aufmerksamkeit dafür aufwendest, derartige Listen zu durchschauen - du bist ja nicht der/die Einzige mit dem Wissen um sie. Verinnerliche ihre Methodik, um sie bei Anderen wiederfinden zu können.
(216) Verbessere deinen sprachlichen Ausdruck - mündlich wie schriflich. Versuche dich klar und lebendig auszudrücken. Wo es passt, kannst du auch mal herumorakeln, denn das ist originell, und die Leute stehen auf Originalität. Zu viele Rätsel sollten dir allerdings nicht über die Lippen kommen: Entweder rühmt man dich dann für Zigeunertalente - oder man hält dich für jemanden, der seine fehlenden Kenntnisse über einen Sachverhalt durch milchige Botschaften verschleiert.
(217) Ewigkeit ist keine Referenz für das Menschliche - und erst recht nicht fürs Zwischenmenschliche. Freunde können Feinde werden, Feinde können Freunde werden! Reite dich nicht mit mythischen Gelöbnissen und Pakten in eine Scheiße, deren Volumen du nicht kalkulieren kannst.
(218) Egomanie wird mal zur großen Krankheit, mal zur großen Philosophie des 21. Jahrhunderts erklärt. Fest steht nur, dass egomanisches Verhalten gehörig auf die Nüsse gehen kann und nicht von der allergrößten Einsicht zeugt. Lass' dir also nichts von deinem Ego diktieren. Es klingt komisch, aber es will nicht immer das Beste für dich. Zwing' dich, den (zugegebenermaßen) käsigen Sentenzen der Einsicht zu lauschen: Sie schleusen dich an bösen Abgründen vorbei.
(219) Wie wir gesehen haben, tust du gut daran, Verstellung zu üben. Der Haken: Die Verstellung darf nicht offenbar werden. Wichtige Regel: Die Verstellung einsetzen, um dich vor irgendwelchen abgekarteten Spielen zu schützen, nicht aber, um damit selbst auf die Pirsch zu gehen. Sie ist also 'n bisschen so zu handhaben wie Kampfsport. Du solltest zuletzt als ein Mensch gelten, der einsichtig ist und weiß, wovon er redet und was er tut. Der Ruf des Intriganten mag speziellen Persönlichkeiten schmeicheln ... Aber ganz ehrlich? Auch der charmanteste Intrigant bleibt in den Augen der Öffentlichkeit ein Wichser.
(220) Zwei Kraftstoffe tragen dich durch die Welt: Der Saft der Cojones und die Grütze unter der Schädeldecke. Oder weniger ominös: Mut und Cleverness! (Wobei Letztere noch ein Stückchen zweckdienlicher ist.)
(221) Some men just want to watch the world burn. Die Gescheiterten können die größten Menschen mit sich reißen. Sie haben alles verloren, haben ihre Sach' auf Nichts gestellt. Sie sind zu meiden. Einer der Ihren zu werden ist wie ein Sprung in eine Gruft ohne Boden.
(222) Vom Herz zur Zunge ist es nicht allzu weit. Wer den Stoiker mimt und das ehrenwerte Stummsein beherrscht, der beherrscht auch, was er von sich preisgibt. Das geübte Fressehalten ist zuerst ein Mittel zur Selbstbeherrschung. Danach wird es zum Zeichen eines wachen Verstandes, der die Umtriebe der eigenen Innereien zu kontrollieren versteht.
(223) Die kleinen und niedlichen Eigenarten, die jeder Mensch an sich hat, sind meistens weder klein noch niedlich, sondern legitime Zielscheiben von Spott und Verachtung. Ob es nun das Bäuerliche im Betragen, die penetrante Visage oder sonstige 'Gaben' sind: Wenn sie nicht zu ändern sind, solltest du sie zumindest nicht öffentlich preisen. Bei Eigenarten, die man sich angewöhnen kann, gilt einfach, dass du sie dir schlichtweg nicht angewöhnst.
(224) Es klingt abgedroschen, aber es ist eine toughe Lebensregel: Erkenne in jeder Situation das Vorteilhafte. Du wirst sicher schon wegen Ereignissen herumgeplärrt haben, die dir im Endeffekt weitere Unannehmlichkeiten erspart - oder neue Möglichkeiten eröffnet - haben. Jeder Umstand hat zwei Seiten, und während es Leute gibt, die noch im Garten Eden über die Luftfeuchtigkeit jammern würden, gibt es Andere, die einfach grimmig hinnehmen, was da so kommt. Sie wissen um den Vorteil jeder Erfahrung, ohne sich dabei zwangsläufig Illusionen hinzugeben. Das sollte dein Ziel sein.
(225) Selbsterforschung ist beizeiten unangenehmer als in Abwassersysteme zu steigen. Das Ziel von Expeditionen in die eigenen Abgründe ist die Kenntnis der ureigensten dunkelsten Seite. Du willst blind in ihr wandern können, um sich ihrer zu bemächtigen. Du wirst aus diesen Untersuchungen gezeichnet zurückkehren, aber klüger und mächtiger.
(226) Wer klug und geschickt ist, der ist es meist auch in Gesellschaft. Er spielt dort bisweilen den entgegekommenden Diener, den Demütigen, den Behilflichen. Der Zweck dieses speziellen gesellschaftlichen Umgangs ist es, über ein Portfolio von Menschen zu verfügen, das in unterschiedlichsten Situationen Ertrag bringt: Wer sich bei allen genehm gemacht hat, hat sich ihrer Dienste und Fähigkeiten bemächtigt. Er beschafft sich helfende Hände, indem er ihnen zuvor Futter in die Pranken schmeißt.
(227) Um ein aktuelles Ereignis zu durchdringen, reicht es nicht, den ersten Bericht vernommen zu haben. Überprüfe alles, wovon du liest, oder was man dir sagt, oder was du aufschnappst: Das Erste, was man zu einer neuen Sache hört, ist meistens lächerlich unvollkommen. Darauf zu bauen ist dumm und zieht unangenehme Konsequenzen nach sich.
(228) Das Lästern ist eine durch und durch unwürdige Angelegenheit. Nicht nur beteiligt man sich an nicht allzu feingeistigen Jokes gegenüber Abwesenden - man gefährdet auch seinen eigenen Ruf. Wer sich zum Laster-Experten macht, wird bald nur noch mit Schmutz assoziiert. Ein guter Beobachter hat einmal protokolliert: 'Die gemeinsten Menschen reden meistens nur über ... Menschen.'
(229) Alles im Leben hat seine richtige Zeit. Man muss ein Feeling dafür bekommen. In jungen Jahren solltest du dir den Schwachsinn reingezogen haben, den die Toten dir hinterlassen haben. Wozu? Selbsteinsicht. In mittleren Jahren trittst du nun selbst in diese meschugge Welt und versagst dort kläglich. Wozu? Um es getan zu haben. Zuletzt, in den späten Jahren, kannst du zurückblicken, reflektieren, Ergebnisse verarbeiten, deine Meditationen weitergeben. Wozu? Damit dieser Kreislauf bestehen und immerhin irgendwas in der Welt der Menschen bleibt, das Konstanz ausstrahlt.
(230) Wir gehen durch dieses Leben, glauben es wahrzunehmen und einen Plan zu verfolgen. Ist das so? Hüpfen wir nicht von einer Seifenblase zur nächsten? Der Verständige ist sensibel gegenüber den kurzen Momenten von Wahrheit, der Wahrheit der sterilen, erdrückenden Art der Dinge, wie sie sind. Benutze deine Sinne, anstatt in ihren Strängen zu hängen, und du wirst ein bisschen Klarheit finden.
(231) Du bist ein schöpferischer Mensch? Glückwunsch. Dann konzentriere dich bitte auf die Fertigstellung deiner Werke, anstatt sie schon jetzt zu verklären! Die Schönheit des Schöpfungsprozesses - des Unvollkommenen - gehört allein dem Schöpfer. Erst das vollendete Ergebnis seiner Arbeit kann er mit legitimem Stolz unter die Leute bringen.
(232) Weise sein ist schon ganz nett. Aber zum Überleben ist wohl nur noch Dummheit hinderlicher. Wenn du also nicht ausgenommen werden willst, während du gerade in irgendwelchen erdfernen Sphären schwebst, dann erlerne die Geheimnisse der Trickster und Abzocker. Nicht, um ihren Charakter anzunehmen, sondern um ihre Methoden zu kennen. Erleichtert den Alltag.
(233) Jeder Mensch denkt und wertet anders. Klingt nicht nach der allergrößten Überraschung, zugegeben. Aber hast du dich je gefragt, warum du bei der einen Person ankommst, bei der anderen nicht? Weil du bei Letzterer nicht den Ton angeschlagen hast, der zur wohlwollenden Resonanz führt! Verstehe, wie der Andere tickt, und passe ihm deinen Tonfall, deine Worte, deine Gedanken und deine Präsenz im Gespräch an.
(234) Wenn du Spiele mit der Ehre treibst, so brauchst du Sicherheiten, ansonsten ist sie bald futsch. Sobald du mit jemandem zu tun hast, der durch irgendwelche Umstände über Teile deiner Ehre verfügt, musst du dafür sorgen, dass du wiederum über seine verfügst. Daher auch der Rat, nur mit Leuten von Ehre zu verkehren - weil ihr Gewissen die Fünf-Sterne-Garantie für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist.
(235) Du brauchst wieder was, um das du jemanden bitten musst? Dann lerne die Kunst der Bitte! Sie verfolgt simple Prinzipien: Nie bei schlechter Laune um Gefallen bitten! Nie um Gefallen bitten, wenn Andere kurz vorher mit der gleichen Bitte abgeblitzt sind! Nie um Gefallen bitten, wenn die Person gerade seine halbe Familie bei einem Kreuzfahrtunglück verloren hat! Alles notiert? Jetzt kannst du schnorren wie ein Profi.
(236) Du hast jemanden an der Angel, der dir einen spezifischen Gefallen erfüllen will? Jetzt ein anderer Trick: Zeige dem, der diesen Gefallen erbringen will, was für ein Hecht er ist - dass er einfach nichts falschen machen kann. Warum dieses Rumgedudel? Weil sich dein Gegenüber jetzt umso konzentrierter um die Ausführung dieses Gefallens bemühen muss. Schließlich will er nicht als überschätzt dastehen. Im Weiteren wird der Fokus von dir genommen: Es ist nicht mehr von Interesse, wie du den Gefallen einmal vergelten wirst, sondern, was dein temporärer Diener aus seiner Aufgabe macht!
(237) Wenn du in die Geheimnisse Mächtigerer eingeweiht wirst, stehst du mit einem Bein im Grab. Die Fürsten - auch die 'Fürsten' unserer Zeit - haben, eben weil sie auch nur Menschen sind, den Drang, irgendwem ihr Herz auszuschütten. Wenn der Zufall, der bekanntlich immer wieder mal ein Flachwichser sein kann, dich zu diesem Geheimnishüter macht, weißt du um pikante Informationen. Wirklich Mächtige werden das langfristig nicht zulassen, auch wenn sie sich aus freien Stücken bei dir um Kopf und Kragen geredet haben. Sie werden dich ausschalten. Daher: Es nie soweit kommen lassen. Taub werden für diese Art von Geheimnissen.
(238) Was jeden von uns menschlich macht ist unsere Unvollkommenheit. Auch du entbehrst einer spezifischen Eigenschaft, die dich zurückwirft. Vielleicht entbehrst du eines Knackarsches. Vielleicht hast du den Antrieb eines Findlings. Oder bist schlicht unterbelichtet. Diese fehlende Eigenschaft zu kennen, heißt, ihr durch Disziplin und Gewohnheit beizukommen. Ärsche können geformt werden, Findlinge verschoben - Lichter aufgedreht werden!
(239) Man kann an allem zu viel haben. Wer zuviel Verstand hat und nicht auf ihn aufpasst, wird zum Clown, indem er aus Allem einen lehrhaften oder sarkastischen Disput macht. Er selbst hält das für cool, aber jeder Andere wird ihn zum Kotzen finden.
(240) Klug zu Dummen zu sprechen ist, zumindest unter empathischen Kriterien, völliger Hirnschiss. Unter Dummen kommst du nur weiter, wenn du den Dummen spielst. Unter Klugen musst du differenzierter handeln. Je nachdem, was du beabsichtigst, wird es sich anbieten, klug mit den Klugen zu reden - oder auch dort den Dummen zu spielen. Denk daran: Wer den Dummen spielen kann, hat sich selbst ein befriedigendes Maß Klugheit bewiesen. Sag dir das, wenn du den Dummen mimst und dir deine Eitelkeit in den Text quatschen will.
(241) Witzereißen kann bisweilen in sehr unschöne Angelegenheiten ausarten. Stänkereien sollte man maßvoll anzetteln. Ebenso wichtig: Scherz ertragen, besser noch übergehen können.
(242) Dumme Jungs unterscheiden sich von Männern darin, dass sie ihre Projekte nicht zu Ende bringen. Anstatt mit Ausdauer und Ehrgeiz ein Projekt, an dessen Fruchtbarkeit sie optimalerweise auch glauben, zu vollenden, verschleppen sie es. Am Ende haben sie nichts in der Hand als Zeugnisse eines halbherzigen Aufbruchs. Wenn du was Vernünftiges vorhast, dann plane es, führe es aus und vollende es. Fertig!
(243) Gütige und Dumme neigen dazu, sich stets verarschen zu lassen. Man sollte nicht verdrängen, dass es böses Kalkül in dieser Welt gibt - ansonsten wird man sein Opfer. Dass man sich mit Intrigen auseinandersetzen kann, sollte allerdings nicht auf den Charakter abfärben. Man muss eine kleine Sonderleistung vollbringen, nämlich Güte und Gerissenheit gleichermaßen zu verinnerlichen.
(244) Wann kannst du dich als Meister des Zwischenmenschlichen bezeichnen? Wenn du den Gefallen, den Andere dir erfüllen, so auslegen kannst, dass sie glauben, dass du ihnen den Dienst erweist. Das ist eine Kunst.
(245) Zu allem Ja und Amen zu sagen ist ein persönliches Defizit. Wer glaubt, irgendwem damit einen Gefallen zu tun, irrt gewaltig. Wenn er begründet ist, darf dem Widerspruch nicht ausgewichen werden. Und wer uns nur lobt und preist, der ist entweder unzurechnungsfähig oder ein substanzloser Halunke. Achte darauf, Lob und Tadel von denen zu erhalten, denen man ein redliches Urteil zutrauen kann.
(246) Sich schon vorher für Irgendetwas zu entschuldigen, heißt, Misstrauen zu erwecken. Schlechtestenfalls unterstellst du deinem Gegenüber, indem du dich für einen unausgesprochenen Verdacht entschuldigst, verletztende Gedanken. Das wiederum ist nicht nur aus rationalen, sondern auch aus Höflichkeitserwägungen beknackt.
(247) Dein einziger wirklicher Besitz ist die Zeit. Arbeitswut beraubt dich um diesen Besitz. Manche sagen, wer sich zwei Drittel des Tages nicht selbst gehört, sei ein Sklave. Vielleicht ist da was dran.
(248) Wer immerzu das letzte Wort haben will, zeigt damit, dass er über den Geist eines Kleinkinds verfügt. Er zerstört jede vernünftige Argumentation, weil er mal von Affekten, mal von Hirngespinsten angetrieben wird. Kurz: Diese Individuen sind Pariah des Gesprächs, und als solche sollten sie auch behandelt werden.
(249) Das Leben bleibt immer ein Stückweit unberechenbar, und doch sollte man methodisch mit dem umgehen, was man lernen und leben will - heute wie morgen. Dazu ist es wichtig, das zu tun, was einem liegt: Zumindest ohne Nebenwirkungen auf das Gemüt auszuüben. Weder das chaotische Leben, noch das Leben nach strikten Schemata kann als gelungen gelten.
(250) Was Karneval für die übrigen Jahreszeiten ist, sind manche Leute für den gesunden Menschenverstand. Sie verwirbeln die Konventionen der Kommunikation, um ihre Meinung in besonders grotesker Weise kundzugeben. Die - eigentümlichen - Gesetze des Karnevals sollte man verstehen lernen, auch wenn man ihn nicht feiert.
(251) Man wende die menschlichen Mittel an, als ob es keine göttlichen, und die göttlichen, als ob es keine menschlichen gäbe. (Gracian und Schopi ließen diesen Spruch unkommentiert, deswegen übernehme auch ich ihn ohne Veränderung oder Ergänzung.)
(252) Manche Leute sind vollkommen von sich selbst eingenommen. Sehr einsame und primitive Kreaturen. Dann gibt es Leute, die jedem gehören, außer sich selbst. Sehr einsame und primitive Kreaturen.
(253) Mysteriöses Gebrabbel steht auch in unserer Zeit in absurd hohem Kurs. Wie oft ist geistiger Rotz schon als intellektueller Balsam verkauft worden? Es ist nett und spitzfindig, auch mal in Rätseln sprechen zu können, aber eigentlich auch nur dann, wenn man was verschleiern will.
(254) Die kleinen Unpässlichkeiten des Lebens sind gefährlich, weil man gerne über sie hinwegsieht: Dabei ist Unglück, egal wie verschwindend gering, ein Magnet für weiteres Unglück. Ohne Wachsamkeit findet man da schnell auf die schiefe Bahn.
(255) Jetzt zur Kunst des Gebens. Es ist wichtig, dass man vorsichtig mit denen umgeht, denen man einen Gefallen tut. Es ist insgesamt ratsamer, häufig zu geben, die Gabe aber nicht zu groß zu machen. Das kann zu tiefen Schuldgefühlen bei dem führen, dem gegeben wird. Beziehungen, die von Schuld gekennzeichnet sind, sind schlechte Beziehungen. Umsichtig und ökonomisch ist es, unscheinbare Gaben zu entrichten, die der Beschenkte aber besonders stark nachfragt.
(256) Spacken können den hellsten Kopf verdunkeln - es reicht nur ein Moment der Unaufmerksamkeit, und schon ist man von ihren Nebeln eingehüllt. Wie entgeht man diesen Fallen für den Geist? Indem man die Spacken dieser Welt auf Distanz hält und, wenn man doch an sie gerät, sich schnell und höflich ihrer schlechen Aura entzieht.
(257) Man sollte mit Menschen, mit den engsten bis entferntesten Freunden und Bekannten, nicht brechen. Je eruptiver das Ende der Beziehung, desto schmutziger wird die Feindschaft, und spätestens dann wird es stressig. Es kann natürlich sein, dass Menschen sich im Laufe der Zeit auseinanderleben - aber auch dann sollte man mit Rücksicht und Besonnenheit das Band, das einst einte, ablegen.
(258) Alles in dieser Welt allein zu schultern - das wird irgendwann das Rückgrat schreddern. Vertraute und Schicksalsgefährten können helfen, Fehltritte, Feindschaften, Fehden zu tragen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es. Wenn das Unglück merkt, dass es es sich gegen Koalitionen richtet, dann zieht es bisweilen den Schwanz ein.
(259) Ein Profi beugt dem potenziellen Spott eines Konkurrenten oder sonstiger übellauniger Wichser vor, indem er aus dem Feind einen Gefährten macht. Besser noch: Indem er dem Feind noch Gefallen zu erweisen weiß. So verhindert schon dessen Ehrgefühl, dass er sich zu Beleidigungen hinreißen lässt.Das, was einem den ganzen Scheißtag vermiesen könnte, wird so glatt zu einer Annehmlichkeit.
(260) Weder zwischen zwei Verwandten noch zwischen den zwei engsten Freunden wird alles geteilt. Vielleicht vertraut man dem Verwandten dieses Geheimnis an, jenes dem Freund. Aber zu keinem Zeitpunkt in unserem Leben wird ein Verwandtschafts- oder Freundschaftsband so eng geschnürt sein, dass wir mit dem Verbundenen EINS werden. Egal, wie ernst die Verwandtschaft genommen wird und wie gut es um die Freundschaft bestellt ist: Ganz zuletzt sind wir auf uns allein zurückgeworfen.
(261) Wer glaubt, es zeuge von Rückgrat, ein verunglücktes Projekt weiterzuführen, zeigt lediglich, dass ihm die Substanz im Schädel fehlt. Wer eine Dummheit hartnäckig fortsetzt, braucht sich nicht wundern, wenn er eher als Schwach- denn als Charakterkopf gilt.
(262) Gedächtnis, das ist Segen und Fluch zugleich. Meistens glänzt es dadurch, die bittersten Erlebnisse zu den ungünstigsten Zeitpunkten in unsere Gedanken zurückzuleiten. Dressiert man es richtig, so hilft es, Dinge vergessen zu machen - und damit Last loszuwerden.
(263) Eigentum verpflichtet - was das Eigentum als solches sehr unattraktiv macht. Was wir haben, erscheint uns immer als langweilig. Wir sind Meister darin, andere Wiesen als die grüneren zu erkennen, ehe sie uns gehören. Entbehrung macht den Genuss einer Sache reiner, unverfälschter. Daher sollte man nur das Nötigste auch sein Eigentum nennen.
(264) Jeder kennt Zeiten, die wie in ein Fluss sind - man braucht sich nur ausstrecken und mit ihnen davongleiten. Kein Wunder, wenn man da an manchen Felsen klatscht: Unser Geist muss immer tätig und immer aufmerksam sein. Die Zeiten, in denen die Vollkommenheit winkt, sind angesichts dessen hinterfotzige Prüfungen. Ohne Aufmerksamkeit sind wir urplötzlich simpelsten Umständen ausgeliefert. Daher: Verstehe den Strom und schwimm mit ihm, gleite nicht wie ein Fischkadaver hinunter.
(265) In Gefahrensituationen wachsen Menschen über sich hinaus. Wenn du es verstehst, diese speziellen Zustände vor deinen Vertrauten und Dienstleistern heraufzubeschwören, so kannst du Verborgenes in diesen Frauen und Männern aktivieren. Kurz: Kalkuliert formst du aus Menschen Helden.
(266) Manche Menschen haben sich maßlos an den Vorzügen des Gütigseins besoffen. Komatös stehen sie dann vor den anderen Menschen und spielen Christus, ohne ein Zeichen von Gemütserregung. Sie haben 'was in sich abgetötet und gelten damit bald nur noch als halbe oder kaputte Menschen. Achte darauf, dass du Güte nicht mit Selbstbetäubung verwechselst.
(267) Der klügste Geschäftsmann? Der, der einen Kubikmeter Luftfeuchtigkeit noch zu einem kostbaren Gut formen kann! Wovon ich spreche? Vom Sprechen! Wer es versteht, die Luft zwischen zwei Leuten durch ein paar gut gewählte Worte in ein Lustobjekt zu machen, der schöpft etwas aus dem Nichts. Daher ist der einzige wahre Alchemist der Rhetor.
(268) Wisse immer, wann du in den sauren und wann du in den süßen Apfel beißen musst. Nur von den Süßen kann sich niemand ernähren, aber die Sauren sind nicht zu jeder Zeit verträglich.
(269) Wenn du irgendwo neu bist, schätzen dich die Leute, denn sie wissen da noch nicht, was für ein langweiliges Arschloch du bist. Daher solltest du in der Zeit, in der du der oder die oder das Neue bist, die schnelle Anerkennung suchen und nähren. Das macht es einfacher, nachher nicht halbherzig abgegriffen dazustehen.
(270) Leute, die sich gegen eine Sache aussprechen, weil es dem Mainstream zugehört, zeigen manchmal nur ihre persönliche Unsicherheit. Woanders gelten sie als Sonderlinge mit abgefucktem Geschmack. Wenn die Leute eine Sache bejubeln, die du tatsächlich (!) widerlich findest, so verschweig deine Abneignung - mach' den Anderen ihre Zuneigung erst recht nicht madig! Das ist das Sicherste.
(271) Wenn du mit Dingen zu tun hast, von denen du kaum Ahnung hast, dann vertrau ausschließlich auf die mickrigen Basics, die dir zur Verfügung stehen. Deine Schritte mögen dann klein sein, aber du fällst nicht allzuleicht auf die Fresse. Dein Vertrauen auf Wissen zu bauen, das du offensichtlich nicht hast, wird immer üble Folgen nach sich ziehen.
(272) Die edle Gabe ist ganz anders zu bewerten als irgendein handelsüblicher Mist. Ihr Wert ist weitaus größer, sodass der Beschenkte, wenn er irgendeine Ahnung von Anstand hat, weiß, wie teuer er die Gabe bezahlt. Wenn der Preis einer Ware nach ihrem Gebrauchs- oder Tauschwert bestimmt wird, so ist sie leblos - erst die Wertbemessung über die Kategorien des Anstands machen eine Sache geschätzt. Zumindest solang, wie die Leute noch Sinn dafür haben.
(273) Um mit Menschen umgehen zu können, muss man sie verstehen lernen. Jedes Individuum hat einen spezifische Charakter, der sich in mehr oder weniger unbedachten Momenten äußert. Der Trauerkloß ist Pessimist, die Hässlichen suchen Rache an der Welt und das Hübsche neigt zur Oberflächlichkeit. Menschen mögen nicht durch Klischees erfasst werden, aber sie können sich ihrer Treffsicherheit nicht entziehen. Wenn du hinter die Manieren und Visage eines Menschen blicken kannst, sodass du sein Innersten erhaschst, bist du im Umgang mit ihm einen großen Schritt weiter.
(274) Zuletzt ist es immer der persönliche Nimbus, der über den Erfolg eines Menschen entscheidet, nicht seine Talente. Man sagt es ungern, aber everybody's darling zu werden ist zuvorderst eine Glückssache - die Kunst, sich in Szene zu setzen und genehm zu machen, fördert jedoch dieses Glück! Daher: Hab was auf'm Kasten und pack die Leute beim Herz damit.
(275) Sicher, deine Mitmenschen sind größtenteils Idioten. Und doch giltst du bald als ebensolcher, wenn du dich nicht auf ihre Spiele einlässt. Wer bei jeder Gelegenheit hervorheben muss, wie anders er doch tickt, macht sich der gleichen widerwärtigen Eitelkeit schuldig, die er sonst so gern verurteilt. Solange wir uns ihr Gehabe nicht zueigen machen, können wir auch mit den Wölfen heulen. Man muss die Grenze kennen, und diesseits ist alles erlaubt.
(276) Das alte Wissen sagt, ein Mensch verändere sich alle 7 Lebensjahre recht deutlich. Du solltest dich darauf einstellen, den Wechsel der Zeiten mitzugehen, gewissen Änderungen entgegenzukommen, kurz: Dich neu zu erfinden.
(277) Große Taten werden zu großartigen, indem man sie geschickt in Szene setzt. Das ist eine Frage des Timings und der äußeren Umständen, und natürlich abhängig von der Gemütslage desjenigen, der jetzt richtig auf die Kacke hauen will. Wie macht man das? Indem man seinen Mitmenschen gezielt beiläufig die bestausgebildeten Fähigkeiten präsentiert - als seien sie aus Versehen zutage getreten. Oder indem man mit kleinsten Häppchen die Leute um sich herum anlockt und hungrig macht. Es gibt viele Wege, um sich in Szene zu setzen. Oberster Grundsatz ist: Niemals als selbstherrlich und gespreizt dastehen! Eine diskrete Kunst.
(278) Pokale, Trophäen, Orden - das Alles ist zuletzt so erwachsen wie das Seepferdchen-Abzeichen. Ausgelagerte Ehrerweisungen dienen zuletzt nur als Brandmarken, dich dich als Sonderling kennzeichnen. Deine Würde muss aus dir selbst strahlen, nicht aus institutionell aufgeladenem Restmüll. Abzeichen machen dich angreifbar.
(279) Vorsicht, wenn dir jemand widerspricht! Man kann nie ganz wissen, ob der Widerspruch ausgesprochen wurde, weil dein Gegenüber bescheuert ist, oder weil er ein provokatives Arschloch, oder weil er sogar ein Spion ist. Wer dem Widerspruch widerspricht, verliert sich schnell in seinen Widerworten. Verflixt gefährliche Angelegenheit.
(280) Tja, worin sollte der echte Nutzen darin liegen, bieder zu sein? Ganz einfach: Du solltest ein Stückweit bieder sein, um nicht das übern Haufen zu werfen, was du dir mühsam erarbeitet hast: Das eigene, rohe Wesen kultiviert zu haben. Wenn die Gärtner von Versailles Gefallen am Wildwuchs gefunden hätten, wäre die Welt rasch wieder in dem Dschungel verschwunden, aus der wir einst mit fragender Fresse heraushumpelten. Überleg dir genau, ob du dich nicht über deine biedere Haltung vergissern willst, dass du eine Aufgabe hast: Herr im Dschungel zu sein, ohne seinen Gesetzen zu gehorchen.
(281) Das Urteil der Masse ist wertlos. Das dahingemurmelte Lob eines einzigen Menschen, der weiß, worauf er zu achten hat, überlagert ganze Beifallsstürme.
(282) Manchmal glänzt man am Besten, wenn man gar nicht zugegen ist. Was fehlt, wird verlangt - was da ist, wird geringgeschätzt. "Durch Abwesenheit glänzen" ist damit gar nicht die ironische Phrase, die sie zu sein scheint: Mach dich rar!
(283) Es gehört eine Menge Grips dazu, mit dem Bestehenden zurecht zu kommen. In einer Welt aus Millionen Dingen ist es da um so auszeichnender, wenn du etwas Neues erfinden kannst. Das Neue, wenn es ausnahmsweise gelungen ist, ist die Frucht eines begünstigten Geistes. Wenn du dich dazu befähigt fühlst, schenk der Welt was Neues, du Langweiler.
(284) Aufdringlichkeit ist Gift. Egal, ob sie zuletzt gute oder schlechte Folgen hat: Alles ist mit dieser Stillosigkeit zu Abfall geworden. Nimm dich zurück - und alles wird besser laufen.
(285) Es ist bitter, am Scheißleben eines Anderen zu verrecken. Das Elend mag Rabatte, deswegen wird es dich gleich mit einkassieren, wenn du dich zu lang in der Grabbelkiste der Hoffnungslosen aufhältst.
(286) Durch die Gunst des Glücks ein feiner Mensch geworden? Coole Sache. Hier dein Wermutstropfen: Die weniger Begünstigten fordern jetzt deine Dienste ein. Achte darauf, dich nicht zum Mädchen Aller für Alles zu machen. Das beschneidet dein Potenzial.
(287) Leidenschaften machen viel kaputt, zuvorderst das vernünftige Urteil. Du solltest, aus weiser Voraussicht, immer Jemanden zur Hand haben, der dort Ruhe bewahrt, wo du an die Decke gehst. Er wird dich temporär durch den Ozean der Gefühle navigieren.
(288) Wer glaubt, er könne sich mit ein paar artifiziellen Vorsätzen oder anderen Ideologien die Welt untertan machen, wird durch sein kolossales Versagen berichtigt. Die Welt macht mit uns, was sie will, da können wir uns noch so willensstark geben. Lebe nach den Umständen und Gelegenheiten, die sich dir bieten, nicht nach starren und anmaßenden Prinzipien.
(289) Was ist menschlich? Das Arglose! Das zum Scheitern verurteilt sein! Wenn du dir öffentlich die Blöße gibst, erscheinst du menschlicher, als es dir lieb ist: Die Unnahbarkeit des Gottes entspringt aus seiner Zurückhaltung.
(290) Hingebung und Hochachtung vertragen sich nicht! Deswegen sagen kluge Leute, dass ein Mensch von Ansehen weder gehasst, noch geliebt sein dürfe. Ist damit der Liebe ganz auszuweichen? Nein - aber sie soll verehrend sein, nicht mitreißend.
(291) So wie die Natur in vielerlei Hinsicht untersucht - und eingeschätzt - werden kann, können Menschen geprüft werden. Dazu gehört ein hohes Maß an Scharfsinn; darüber hinaus bedarf es an Beobachtungsgabe und Zurückhaltung. Um den Dingen auf den Grund zu gehen, darfst du ihnen keinen Grund geben, sich vor dir zu verstecken.
(292) Rollen - im Sozialen, in der Arbeitswelt - sind Rollen. Sie bilden nur einen Bruchteil der menschlichen Identität. Deswegen sollte der, der eine Rolle ausfüllt, die Ansprüche und Erwartungen an diese Rolle durch seine Größe als Mensch weit übertreffen. Nichts ist erbärmlicher als kleine Maschinenmenschen, die nie etwas von gesunder Selbsteinschätzung gehört haben und kläglich an den Anforderungen ihrer Posten scheitern.
(293) Wie erkennen wir den reifen Menschen? Er ist bodenlos cool: Seine Worte sind Pfeile; jeder Schuss geht ins Bull's Eye. Seine Taten geschehen in einem vollendeten Flow, den der gute Beobachter sonst nur aus den Prozessen der Natur kennt. Den moralischen Wert seiner Person kann man aus seiner Erscheinung lesen.
(294) Wer Sachlichkeit und Vernunft in den Argumenten der Menschen sucht, der wühlt sich auch hoffnungsvoll durch Eselscheiße, weil er Gold darin vermutet. Unsere Urteile haben zwei Seiten: eine schwache, die aus der größtmöglichen Objektivität herrührt, und eine starke, die von unserem Interesse und Begehren geprägt ist. In Disputen ist es Gang und Gäbe, ad hominem zu argumentieren und dem Streitpartner vorzuwerfen, in ihm spreche nicht die Vernunft, sondern sein Interesse. Um der ad-hominem-Strategie zu entgehen, musst du dich in die Position des Anderen versetzen können und im Gespräch andeuten, dass du auch seine Gedanken zu fassen verstehst. Das wird jeden Angriff ad hominem ad absurdum fühlen - und alle Anwesenden werden es beobachten.
(295) Heutzutage fühlt man sich geadelt, wenn man nur über seine gesammelten Verpflichtungen klagt. Das geht soweit, dass auch der, der zuhause rumpimmelt, so tut, als sei er ein Minister für regenerative Belange. Das ist ein Ritual der oberflächlichen Welt. Tu, was du tust, ob es groß sei oder klein - aber vermarkte es nicht in so lächerlicher Weise. Sei, anstatt Schauspiel zu betreiben.
(296) Um nicht komisch zu wirken, muss der Mensch größter Tugend auch die größte Aura besitzen. Wie er sich kleidet, wie er spricht, wie er denkt: Es muss dem Anderen zeigen, mit wem er es zu tun hat.
(297) Du willst umsichtig handeln? Stell dir vor, jemand schaue dir bei allem, was du tust, zu. Bei allem. Wer da nicht umsichtig wird, ist schamlos - und dann hat man für Umsicht ohnehin keinen Verwendungszweck mehr.
(298) Drei goldene Regeln für unseren Superman in spe. Erstens: Potenziere deine Schöpferkraft. Zweitens: Trainiere die Kapazitäten deines Verstandes. Drittens: Entwickle Geschmack. - In dieser Welt tatsächlich ERKENNEN zu können, das ist selten.
(299) Je seltener ein Genuss ist, und je schwieriger erworben, desto größer erscheint er uns. Das kannst du dir zunutze machen, indem du Hunger, Durst und andere Gefühle körperlichen Verlangens künstlich ausreizt. Gefüllte Bäuche sind träge, die Sinne ermattet - alle Energie geht in die Verdauung und macht uns lahm: Verschwendete Zeit! Knall deine Willenskraft in diese Welt, breite den Genuss bis in die letzten Knospen deiner bemitleidenswerten Rezeptoren aus!
(300) Du willst einen letzten guten Ratschlag, du Pflaume? Ziel deiner Studien ist die Selbstformung, die Tugend. Alles in der Welt ist ein schlechter Joke - einzig dieses Projekt verlangt all deinen heiligen Ernst. Sofern er noch aufzufinden ist. Der redliche, kluge, vollendete Mensch wird wie ein Wunder der Natur betrachtet, wenn er es schafft, den widrigen Umständen des Seins zu trotzen, der Halt- und Sinnlosigkeit in diesem Kosmos die Stirn zu bieten und aus sich zu schöpfen, was er an bemitleidenswerten Anlagen durch die Natur bekommen hat. Und jetzt zisch' ab.
Read more...