Meditationen des guten Affen

30.03.12

Der gute Affe hat keinen Grund, Erlösung zu suchen. Wenn er sich seiner selbst, als Affe, gewahr ist, fehlt ihm eigentlich nichts mehr. Mehr steckt nicht hinter seiner mystischen Gelassenheit. Wenn er sich unter seine Artgenossen mischt, hören sie die Worte, in denen er das kompressierte Chaos in seinem Brustkorb - fein aufgeschichtet - verheizt. Sie hören gut zu, hören dieser Rauchschwade einer Stimme zu. Sie nicken. Sie sagen ihm: Affe, du bist ein feiner Kerl. Sich selbst sagen sie: Er ist gut, denn er ist harmlos. Der gute Affe denkt sich: Gottseidank wollten sie darauf keine Lieder mit mir singen.

Bekanntlich regt sich in Menschen Widerstand, wenn sie sich bedroht fühlen. Weil sie ihren Selbstrespekt bedrohen, fürchten die Menschen die Intelligenten - Intellekt hat eine passiv-aggressive Wirkung. Die heutigen Verhaltensforscher, übrigens längst keine Psychologen mehr, können das erklären. Sie würden in ihre Magazine in etwa sowas schreiben: Die kognitive Überlegenheit ist ein kompetitiver Vorteil im gesellschaftlichen Wettbewerb, wobei sie aus versehentlicher intellektueller Redlichkeit vergessen, das Wesen und den Zweck dieses Wettbewerbs zu beschreiben.
Vor diesem Hintergrund ist es ein Privileg, als harmlos zu gelten, auch wenn das bedeutet, dass man dumm wäre. Der schlechte Affe sieht in der Dummheit eine Schande, vor allem in der eigenen; genauer gesagt schämt er sich für die Abwesenheit von Intellekt, was ja noch über das Kognitive hinausginge. Den guten Affen aber stört es nicht. Intellekt ist für ihn Selbstbehinderung. Vernunft ist für ihn eine Anhäufung von Vernünftgkeiten. Vielleicht wollte er diese Vernünftigkeiten einst wie Sakramente empfangen - heute dienen sie sicher nur seiner Belustigung. Der gute Affe ist ein bisschen stolz darauf, ein Dummkopf zu sein.
Der schlechte Affe ersucht die Vernunft, gerät aber zwangsläufig an die Eschatologie einer leeren Freiheit. Rationalität ist grenzenlos, sagen ihm ihre Apologeten, das Potenzial der Freiheit unendlich. Sie legen ihm die Hand an den Rücken und schieben ihn durch die Manege. Damit beginnt einmal mehr die große Schau: Der schlechte Affe will die Flucht aus seiner Affigkeit. Seine fatale kognitive Bevorteilung hat ihm offenbart, dass er in einem Gefängnis sitzt. Er tobt. Er ist intelligent, und das reißt ihn zu beschämenden Tölpeleien hin, deren epochale Blödheit beispiellos ist. Die Zuschauer lachen.
Die Intelligenten, schlechte Affen, haben es sicher nicht leicht. Sie müssen mit heiligem Ernst den Scheißwitz der Evolution erzählen, aber sie bekommen die Pointe nicht auf die Reihe. Man geht ja davon aus, dass die Intelligenten nach und nach aussterben. Und sie wissen es. Deswegen haben sie ihre Pläne mit den Menschen, den heiligen rasierten Artgenossen. Deswegen machen sie Tumult und Bambule. Deswegen lieben sie den Zorn und die Freiheit, sagen sie, wobei sie lediglich die Fesseln ihres überforderten Organismus' hassen.
Der gute Affe hat sich vom Versprechen befreit. Witze hat er ohnehin nie lustig gefunden.

Read more...

Begriffsarbeit

26.03.12

Mich hat gerade ein Sensationsbild erreicht, das ich den Lesern dieses Blogs (den zweien) nicht vorenthalten kann. Zu sehen ist der aktuelle Geheim-Parteitag der FDP, auf dem offenbar am Freiheitsbegriff der europäischen Leitkultur gearbeitet wird.

Vorne rechts im Bild: Der Philosoph mit dem Hammer, Joachim Gauck.
Oben, als Schatten auf den Balken: Christian Lindner und Friedrich Hayek.

Read more...

Geläuf der Woche #9

25.03.12

Read more...

Phlogiston Valley

21.03.12

Es ist ein ehernes Gesetz, könnte man meinen.
Das Handelsblatt berichtet darüber, dass die öffentliche Hand chronisch klamm ist; darüber, wie sich die entsprechenden Folgen auf die Infrastruktur in Deutschland bemerkbar machen, und schon schwingen sich im Kommentarbereich ausgewiesene Wirtschaftsexperten zu Tiraden über ein Parlament auf, das voll von Sozialpädagogen und damit wirtschaftsinkompetent sei. Nun, über die Sinnhaftigkeit der Expertokratie könnte man ja diskutieren - aber sind die, die als solche Experten angesehen werden, tatsächlich kompetenter?

Die aufgebracht kommentierenden Herrschaften, die man in wohl noch in jedem Kommentarbereich jedes erdenklichen Online-Blattes vorfindet, haben ihr BWL-Ein-mal-Eins sicher astrein verinnerlicht. Aber lustigerweise sorgen gerade die Kategorienfehler ihrer Krämerphilosophie dafür, dass die öffentliche Hand leer bleibt - im Nehmen wie im Geben. Seit Jahren wird der Staat - und damit der öffentliche Sektor - entschlackt, d.h. runtergehungert. Die Folgen werden nun sichtbar. Da mutet es zynisch an, ein paar Hampelmänner in der Legislative daran festzunageln - was man denen vielleicht vorwerfen kann, ist, dass sie der schillernden Krämerphilosophie erlegen sind und mit sich spielen lassen.

"Gutes Wirtschaften", das ist in der BWL durchaus noch was Anderes als in der VWL. Ein Staat ist kein Betrieb. Wäre er es, wäre er überflüssig - und selbst der radikalste Wirtschaftsliberale hat noch Interesse daran, dass es eine Institution gibt, die seine Profite protektioniert. Wer immer noch die - positiven wie normativen - Lehrsätze der betriebswirtschaftlichen Lehre auf die volkswirtschaftliche Ebene - und damit auf die Dimension staatlichen Handelns - übertragen und dabei auf Gesetze von metaphysischer Eleganz zu stoßen versucht, der verhält sich wie ein Chemiker im Jahre 2012, der Phlogiston nachweisen will.

Dieser gefährliche Irrtum, der bei den "Wirtschaftsexperten" zu maßloser Überheblichkeit führt, ist wohl mitverantwortlich für das Desaster des öffentlichen Sektors.
Aber man wird sich ja wohl noch aufregen dürfen über die faulen Sozialpädagogen im Parlament.

Read more...

"Was für ein schöner Sonntag"

18.03.12

Eine Galionsfigur am rumpflosen Boot der Freiheit.
Ein von der Kanzel Säuselnder, mit Sonntagsworten bestückt.
Der dröge und nutzlose Pfaffe, der zu diesem Land leider passt wie kein Zweiter.

Read more...

Geläuf der Woche #8

Read more...

Fragmente aus 'Atlanten'

15.03.12

Ich dachte nicht daran, sie herzugeben.
Leere Begriffe. Ich wache neben ihnen auf. In den Gardinen sitzt Teer, im Kaffeepott blitzt der Branntwein auf. In den Enzyklopädien suchen sie die Wahrheit – und doch wissen sie nicht, dass sie bei mir schlief. Es war Nacht, die Funzeln, zu denen Menschen werden, wenn sie zu lange brennen, schmorten mir diese Wahrheit ins Fleisch. Ihre Energie ging über in meine Muskelfasern. Sie ist der Kalk in meinen Knochen. Sie ist die Trauer, die mein Hirn befällt, wenn die Sonne aufgeht, ich am Küchentisch sitze, leere Begriffe über das Holz schiebe. Leere Begriffe. Draußen beschreiten sie den Marsch der Geschichte, laufen mutig dreimal um den Block, ziehen sich in ihre verschachtelten Höhlen zurück, um Gemüsepfannen zu machen. In den Gardinen und in meinen Augenlidern sitzt der Teer, bernsteinfarbener Branntwein gischt aus diesem Kaffeepott – die Wahrheit ruht in der Ecke. Sie hat doch zuviel getanzt und zuviel getrunken, und ich habe auch getrunken, und ich habe nicht getanzt mit ihr. Der Marsch der Geschichte, doch nur eine Geschichte über einen Marsch, eine Drehung, ein orbitaler Tanz. Leere Begriffe, mit denen sie in die Nacht funzeln. Sie haben sie in ihren Enzyklopädien einschließen wollen. Ich habe sie nicht hergegeben.

Read more...

Geläuf der Woche #7

11.03.12

Read more...

Aktienanalysten: Gewieft und knallhart

10.03.12

Güldener Tipp vom Handelsblatt: Aktien von Luxus-Herstellern beziehen. Die seien nämlich auf mysteriöse Art und Weise krisensicher.
Im Ernst: Wen wundert das, wenn mittlerweile auch in den reichsten Volkswirtschaften die soziale Schere dafür sorgt, dass die dicken Fische dicker und alle anderen schmächtiger werden? Der Luxus ist krisensicher, weil das Klientel, das sich den Luxus leisten kann, keine Krisen (mehr) kennt. Für die Zielgruppe des Luxus' - des wahren Luxus' - ist die Konjunktur nebensächlich. Ihr Vermögen und Einkommen kennt nur noch eine Tendenz: nach oben.

Read more...

Politisches Schreiben

08.03.12

Explored.

     Warum ist die Ideologie so hartnäckig? Was macht sie so sexy? Dass sie den gespaltenen Menschen entlastet? Dass sie seiner verkrüppelten Intuition einen Fix gibt, ihn berauscht, haltlos, verloren macht, und darin glücklich? Ist es das, was sie so schwer totbekommen lässt?
Ich habe keine politische Überzeugung, zumindest würde ich, wenn ich meine Überzeugung schon politisch nennen müsste, dazu nicht das Begriffsangebot der öffentlichen Meinung nachfragen. Jeder Vulgärhumanismus ist mir - in seiner Funktion als vermittelbare Überzeugung - weitaus genehmer als ein Hin und Her zwischen den selbsternannten Apologeten der Freiheit, zu denen sowohl die Libertären, wie auch die Liberalen, die Sozialisten, Sozialdemokraten, die Grünen und die Grauen, die Nationalen und Konservativen gehören. Jeder biedert sich auf seine Weise der Freiheit an, und niemand, der sich ihr nähert, bleibt ihr treu. Wo die zentralen Begriffe leer sind, darf dürftige Politik keine Überraschung sein.
Alles in Allem ist es schwach, sich auf die Seite eines Humanismus' zu stellen. Denn wer wähnt sich nicht auf seiner Seite? Jeder handelt für die Menschen, jeder denkt, sein Tun bereichere die Menschheit - oder wenigstens ihre Idee. Der für seine Überzeugungen schlachtet, muss wohl Humanist genannt werden können. Vielleicht ist der konsequenteste Humanist der Nihilist: konsequent, weil er das Spiel mit der Idee Menschheit an ihre Spitze treibt.
Aber was fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Wir kennen bereits die Experimente der alten Humanisten und ihrer Vettern, der Nihilisten. Sie führen in die Sackgasse. Stellen wir die Frage: Was treibt den Politischen um? Die Art und Weise, wie der Mensch beschaffen sein solle. Dort beginnt und endet für mich der Vulgärhumanismus, der Humanismus einer Bande von Dummschwätzern, die lieber Bibelexegeten hätten werden sollen als politische Schreiberlinge.

Die Überzeugung, Angst davor zu haben,
keine Überzeugung zu haben:
Eine Angst - oder eine Überzeugung?
Interessiert den Schreiber, auch den politischen, wie der Mensch sein solle? Nein, ihn interessiert, was das ist: Mensch. Nun, das ist ein Sandwich, an dem man sich die Zähne ausbeißt. Muss die Frage überhaupt beantwortet sein, um eine Politik beschreiben zu können, die dem Menschen wahrhaftig dient? Meine Intuition sagt: Ja, sie muss. Wir müssen Menschen fassen können, um uns überhaupt im Entferntesten ein Urteil über sie erlauben zu können. Dazu reicht ein Katalog an beobachteten Eigenschaften nicht. Das Allgemeine ist unnütz. Wir müssen lernen, jeden Menschen wahrnehmen zu können. Die Urteilsheuristik muss zurücktreten für das am Menschen Wichtigste: Seine Wahrnehmung und sein Wahrgenommenwerden; die fortlaufende und immer wieder neu ansetzende Deutung dessen, was er wahrnimmt. Ohne ideologische Abkürzungen.
Worin geht ein wahrhafter Humanismus über den Vulgärhumanismus hinaus? Er erträgt die Gesamtheit der Erfahrung. In ihm ist der Mensch Blut, Scheiße, Schleim und doch etwas Heiliges. Die Perspektive ist das Heilige. Der Humanist kann daraus Schlüsse ziehen, wie er will, aber er wird erkennen müssen, dass jedem Menschen was fehlt, seitdem ihn jemand in diese Welt gedrückt hat: Wer sich daran orientiert, die Bedürfnisse zu berücksichtigen, die bei diesem Prozess entstanden sind, der betreibt eine Philosophie des Menschen. Ein verkacktes Abstraktum wie die Freiheit kommt da nicht vor. Wenn du in die Welt fällst, und sie ist kalt, was ist da die Freiheit Anderes als ein schlechtes Surrogat, eine Erlösung, die es nicht geben wird? Du suchst neben Geborgenheit vor allem, sobald du es artikulieren kannst, eine Möglichkeit, dich mit deiner Welt-Aversion zu arrangieren. Das ist der Ansatzpunkt für den Humanisten – und für den humanistischen Schreiber. Aus einer kalten Welt schreibt er die Ironie herbei, und er greift seinen Leser dort, wo er verwundbar ist, nämlich in seiner zerbrochenen Einheit mit der Welt.
Darin will ich politischer Autor sein, und sonst komme ich von nirgendwoher.

Read more...

Gedanken der Herrschaft und herrschende Gedanken

06.03.12

Teilzeit-Antichrist und
sly motherfucker
: Machiavelli
Es ist leicht zu erklären, warum Machiavelli so einen schlechten Ruf genießt. Als er seinerzeit den Principe veröffentlichte, brachen die dort vermittelten Erkenntnisse mit allem, was man seit Platons Konzeption der Philosophenkönige über die Herrschenden dachte. Die Hierarchie, die in der Idee des Guten entspringt, erwies sich als ein naives Lügengebäude, und Machiavelli hat das in eingehender Weise dargestellt. Seinen Nimbus bezog er aus seiner Erfahrung: Eine Erkenntnisquelle, die in der Renaissance erst langsam entdeckt wurde.
Für seine Beobachtungen hat Machiavelli den Stempel des Amoralismus verpasst bekommen. Hat er sich denn gegen die Moral ausgesprochen? Nein, sie war auch nicht sein Thema. Er hat nur dargelegt, dass der Herrschende vernünftig sein muss, um erfolgreich zu herrschen. Dazu könne - und müsse - er über die Moral hinwegsehen. Moral und Vernunft glaubte man bis in die Renaissance hinein noch miteinander identifizieren zu können. Es sind die Menschenbeobachter des machiavellistischen Schlages gewesen, die die herrschenden Gedanken ihrer Zeit entblößt haben: Damit haben sie sich mehr um die Menschheit verdient gemacht als all die vermeintlich Rechtschaffenen, die die Herrschaft der wohlmeinenden, vor allem aber moralisch reinen Eliten propagierten. An die Stelle der Hierarchie konnte die Regelung treten – und damit trat die Demokratie erneut auf den Plan.
Das sorgt bis heute für Unruhe unter den politischen Steuermännern. Deswegen gilt Machiavelli als böse.

Read more...

Schwarze, Braune, Blaue außer Rand und Band – Ein Family-Samstagnachmittag im Münsteraner Rumphorstviertel

05.03.12

Der gemeine Neonazi hat ein schlechtes Händchen für das Timing seiner majestätischen Kundgebungen. Als die "Nationalen Sozialisten Münster" ankündigten, am 3. März 2012 durch das Münsteraner Rumphorstviertel zu marschieren - bekannt übrigens für sein majestätisches Grau-in-Grau -, da kursierten in den überregionalen Medien noch die Berichte über rechtsmotivierte Serienmorde in Deutschland, die sogenannten Döner-Morde. Dass bis zu 5000 Gegendemonstranten 350 kundgebenden Knochenköpfen gegenüberstehen würden, überrascht da im Nachhinein wenig. Schon vor 7 Jahren hatten die Nazis versucht, auf ihre gewohnt charmante Art ins Herz der Münsteraner einzufallen, kamen aber keine 200 stahlbekappte Stiefelschritte weit, ehe Gegenprotest sie dazu zwang, kehrt zu machen. Diesmal sollte alles anders werden, dachten sich die national Gesinnten. Operation Barbarossa II sollte das beschämende Debakel von 2006 aus der Geschichte radieren. Die Vergeltungswaffe: Polizeischutz.

Ein paar Eckdaten. Der Demonstrationszug der Neonazis sollte um halb Eins am Bahnhof Zentrum Nord losziehen und bis Nachmittag das Hagenfeld abgelaufen haben, von dort in den Hohen Heckenweg abgebogen und über Markweg, Joseph-Haydn- und Telemannstraße zurück zum Ausgangspunkt zurückgekehrt sein. Das Alles diente natürlich nicht einfach als ausgedehnter Spaziergang: Die Nazis brachten fröhliche Transparente mit, auf denen in babyblauen Comic-Schrift-Fonts für das neue Profil der extremen Rechten geworben wurde: Freiheit! In Selbstbestimmung! Und mit der Polizei im Schlepptau! Piff! Paff! Peng!

Die Gegenproteste waren von langer Hand geplant. Ab 9 Uhr fanden an wichtigen Punkten der Aufmarschroute politische Kundgebungen statt. Die Linken und Piraten organisierten sich etwa am KOMCenter, nahe dem Bahnhof Zentrum Nord. Auf einem niedlichen Platz bereitete man sich dort, eingepfercht zwischen Kapitalistenbasar und Polizei, andächtig auf den Protest vor, der ein paar hundert Meter weiter die Massen anlockte. Während man auf dem Kundgebungsplatz der Linken empört verkündete, dass ihre Beobachterin des Bundestags in der Nähe des Bahnhofs in Polizeigewahrsam geraten war, begannen die Menschen an der Ecke Piusallee-Hoher Heckenweg, auf der Straße zu tanzen. Auch Münsters Interpretation des "Rhythm of Resistance", einer pink gekleideten Samba-Marsch-Kapelle, zog bereits durch die Gegend, um den Gegenprotest mit exotischen Rhythmen in Wallung zu bringen. Wo die Trommeln zuschlugen, da konnte man sich im Verlauf des Mittags und Nachmittags im Zentrum des Protests wähnen.

An der Piusallee jedenfalls tanzten die Menschen und traten sich auf die Füße, während der Bürgermeister und Gewerkschafter und andere Galionsfiguren gelebter Demokratie rhetorische Feuerwerke in den grauen Samstag entluden (ja, das war wohl Ironie) ... das zusammengeknubbelte Klientel dieses Kundgebungsortes erweckte den Eindruck, als habe man sich auf ein Familienfest verirrt. Kleinkinder wurden von ihren sensationslüsternen Erziehungsberechigten durch die Gegend geschoben, hielten Protestschilder in die Höhe – und konnten sich in der ersten Reihe direkt am Polizeiaufgebot ergötzen, das - den Knüppel im Anschlag - allgemeine Sicherheit aufrechterhielt. Als dann noch Heißluftballons mit dem bekannten Anti-Nazi-Zitatenschatz über die Köpfe stiegen, konnte man gewiss sein, dass hier die werte Bürgerlichkeit zum Protest aufrief. Sie tat, was sie am Besten kann: sich selbst feiern. Es fehlten eigentlich nur noch der Grillhähnchenwagen und eine Bühne mit Rock gegen Rechts, angeführt von Christina Stürmer oder den Bombastmetallern von Silbermond.

Aber die Gegendemonstrationen sorgten noch für Spannung. Man musste nur lang genug den geschickt umherspringenden Partikeln des schwarzen Blocks folgen. Während meine Gruppe und ich uns durch das Wohngebiet an der Kösliner Straße schlängelten, erspähten wir schon bald die entfesselten Rudel der Antifa, die in Vorgärten und auf Garagendächer den unmittelbaren und gewohnt herzlichen Kontakt zur Inneren Sicherheit suchten. Die Kösliner Straße war ohnehin der wichtigste Routenpunkt an diesem Tag: Hier waren Nazis und Gegendemonstranten nur von einem ca. dreißig Meter breiten Streifen Niemandsland getrennt, in dem die Polizei mit grimmigen Blicken und grimmig blickenden Wasserwerfern Recht und Ordnung vertrat. Etwa gegen 12.40 Uhr machte die Antifascista dann erste umfassende Bekanntschaft mit dem Pfefferspray der Polizeibeamten. Als sie energisch auf die Barrieren zugingen, war das der Inneren Sicherheit eindeutig nicht innig genug. Auch weniger impulsive Gegendemonstranten sahen sich für wenige Sekunden mit einer Eskalation konfrontiert. Die Polizei gewann die Kontrolle zurück, indem sie eindrucksvolle gepanzerte Vehikel vor den Gegendemonstranten auffuhr. Kameras und Wasserwerfer versprühten gemütliche Demo-Atmosphäre im hermetisch abgeriegelten Rumphorstviertel - auch als die Antifa schon längst verschwunden war, um sich im Hinterland zu zerstreuen und neue Streiche auszuhecken. So wohlgeordnet blieb es an der Kösliner dann sogar bis 15 Uhr. Da waren die Neonazis nämlich unter Buh-Rufen und mit reichlich Verspätung endlich an dem brenzligen Punkt vorbeigehumpelt. Bis heute ist man sich nicht sicher, ob irgendein Mensch irgendein Wort der Kundgebung, die die Braunen an dieser Stelle abhielten, verstanden hat. Die können schon rätselhaft sein: Hätte nicht irgendeine Dortmunder Eckkneipe für einen biergeschwängerten Abend nationaler Rezitationslyrik gereicht?

Die Nazis wirkten wie Statisten an diesem Samstagnachmittag. Hauptdarsteller in ihrem Stück waren eindeutig die Polizei und die bunte Flut an Gegendemonstranten. Wo die eine Fraktion nach Medienberichten offenbar hie und da ein Exempel statuierte und unliebsame Demonstrationsteilnehmer krankenhausreif schlug, sprang so manch übereifriger Nazigegner durch die Vorgärten der genervten Anwohner. Dort wurden nicht nur Magnolien und Gartenzwerge zerschmettert, sondern auch der Glaube daran, dass ein legitimer Widerstand sich nicht zwangsläufig selbst im Wege stehen müsse. Für den family afternoon – etwa an der Piusallee – war das alles weit weg. Hier tanzte man mit sich selbst, erhob das Herz mit den Trommeln und gedämpften Studentengitarren, die zum geschätzten dreitausendsten Mal den Schrei nach Liebe der Ärzte anspielten. Münsteraner Protest. Ein Schaulaufen skurriler Welten, nebeneinander, ineinander, und manchmal, ganz selten sogar: wirklich gegeneinander.

Read more...

Geläuf der Woche #6

04.03.12

Read more...

Leere Unterscheidungen

02.03.12

Angesichts der gehegten und gepflegten Islamophobie in diesem Land fällt es im Nachhinein schwer, an den Mohammedanern etwas Beängstigendes oder wenigstens Fremdes zu finden. Der Islam ist eine abrahamitische Religion, neben Juden- und Christentum: Get your shit together und lies Lessing. Unsere Märchen sind deren Märchen. Wenn wir Asterix & Obelix haben, lesen die Fix & Foxy - anders, aber in Aufmachung und Struktur übereinstimmend.
Lustigerweise übersieht der Islamophobe, meist bekennender Christ, dass das, was uns als "fortschrittliche", westliche Wertegemeinschaft ausmacht, aus der griechischen, überwiegend vorsokratischen Antike herrührt. Ketzer, Mystiker und nicht zuletzt der Humanismus der Renaissance haben diese Ideen am Christentum vorbeigeschmuggelt und Europa einmal zu dem gemacht, als was es sich heute noch gern gibt - obwohl es diese Ideen längst überlebt hat und den neuesten dunklen Zeitaltern entgegenstarrt. Zwischen antikem Griechenland und Christentum ist ein weit größerer Unterschied als zwischen Christentum und Islam. Was sollen denn die Australier sagen? Die haben es mit Aborigenes zu tun! Korrekterweise müsste man sagen: Was sollen denn die Aborigines sagen? Die haben es mit Australiern zu tun! Das ist mal ein Clash der Kulturen. Dort treffen tatsächlich Welten aufeinander, die vom jeweiligen Part komplett anders konzipiert und perzipiert worden sind.
Ist das Phänomen der Überfremdungsangst eine Projektion, in der wir hilflos auslagern, was wir uns selbst aufbürden? Fremde uns selbst gegenüber, gegenüber unserem Denken, unserem Tun, unseren verdrängten Begierden?
Darin sind wir nicht fortschrittlicher als das, was wir als vermeintlich muslimisch auffassen.


Wenigstens die Renaissance gewährte den Menschen
den tröstenden Gedanken, dass ein Begriff wie der der Sünde
 rein gar nix greift, und dass wir als liederliches Produkt
kosmischer Zufälle gefälligst unbefangen alle Gelegenheiten
ergreifen sollten, mit allen kümmerlichen Anlagen, die uns zu
Verfügung stehen, diese verdammte Scheißwelt
da draußen in uns aufzusaugen
Als Abrahamiten haben Christen, Muslime und Juden die gleichen Probleme. Sie haben nur noch über die Schrift Zugang zur Welt. Ihr Gott ist ein Gott der Buchstaben und fleisch-subsituierender Silben. Ihre Welt offenbart sich ihnen als fortwährender Text, und der Text, die Geschichten, zuletzt die Geschichte de-sensualisiert das Individuum, lässt an die Stelle des Verwobenseins mit den Kräften der Natur ein Dasein als Partikel treten, der sich mühsam in die Welt zurücklesen will. Darin scheitert er natürlich kläglich. Wir nennen Literatur, was wir dabei mitnehmen: Trümmerstücke von Erlebnissen, die ratlos machen. Das Protokoll einer archäologischen Expedition in eine lange schlafende Welt. Wer klammert sich da nicht an ein Universum aus glänzenden, aber leeren Begriffen? Wer klammert sich da nicht an eine göttliche Hierachie? Wer klammert sich da nicht an einen Weltgeist, die ordnende Kraft des Marktes, an die heilige Idee des unteilbaren Individuums?
Nur der Ketzter, nur der Mystiker versucht diese Ausflüchte hinter sich zu lassen, in die Welt selbst zu zu steuern - das, was mit ihm geschieht, nicht von sich selbst abzugrenzen, sondern anzunehmen, der Tatsache gewahr, dass das Selbst, das Ego, der perfideste Streich war, den uns die Natur spielen konnte. Sie ist nunmal eine große Gauklerin - wer wagt es, ihr Spiel aufzunehmen? Wer wagt denn den Tanz mit den großen Täuschern und Schemen, die in uns wohnen?

Read more...

ein fahrender ritter.
kein ziel außer sein tun.
zu tun, zu tun, aber zu wessen ruhm?
zum ruhm des möglichen,
spricht er bitter--

Read more...

Share it

CC / Disclaimer

Creative Commons License
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Und bitte nicht den Disclaimer vergessen!

Zuletzt

Copyright by Lucas K., Anno MMVII - MMXI // Bringing feinsten Gedankenschmand to you since MMI

  © Blogger templates Newspaper by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP