Leere Unterscheidungen

02.03.12

Angesichts der gehegten und gepflegten Islamophobie in diesem Land fällt es im Nachhinein schwer, an den Mohammedanern etwas Beängstigendes oder wenigstens Fremdes zu finden. Der Islam ist eine abrahamitische Religion, neben Juden- und Christentum: Get your shit together und lies Lessing. Unsere Märchen sind deren Märchen. Wenn wir Asterix & Obelix haben, lesen die Fix & Foxy - anders, aber in Aufmachung und Struktur übereinstimmend.
Lustigerweise übersieht der Islamophobe, meist bekennender Christ, dass das, was uns als "fortschrittliche", westliche Wertegemeinschaft ausmacht, aus der griechischen, überwiegend vorsokratischen Antike herrührt. Ketzer, Mystiker und nicht zuletzt der Humanismus der Renaissance haben diese Ideen am Christentum vorbeigeschmuggelt und Europa einmal zu dem gemacht, als was es sich heute noch gern gibt - obwohl es diese Ideen längst überlebt hat und den neuesten dunklen Zeitaltern entgegenstarrt. Zwischen antikem Griechenland und Christentum ist ein weit größerer Unterschied als zwischen Christentum und Islam. Was sollen denn die Australier sagen? Die haben es mit Aborigenes zu tun! Korrekterweise müsste man sagen: Was sollen denn die Aborigines sagen? Die haben es mit Australiern zu tun! Das ist mal ein Clash der Kulturen. Dort treffen tatsächlich Welten aufeinander, die vom jeweiligen Part komplett anders konzipiert und perzipiert worden sind.
Ist das Phänomen der Überfremdungsangst eine Projektion, in der wir hilflos auslagern, was wir uns selbst aufbürden? Fremde uns selbst gegenüber, gegenüber unserem Denken, unserem Tun, unseren verdrängten Begierden?
Darin sind wir nicht fortschrittlicher als das, was wir als vermeintlich muslimisch auffassen.


Wenigstens die Renaissance gewährte den Menschen
den tröstenden Gedanken, dass ein Begriff wie der der Sünde
 rein gar nix greift, und dass wir als liederliches Produkt
kosmischer Zufälle gefälligst unbefangen alle Gelegenheiten
ergreifen sollten, mit allen kümmerlichen Anlagen, die uns zu
Verfügung stehen, diese verdammte Scheißwelt
da draußen in uns aufzusaugen
Als Abrahamiten haben Christen, Muslime und Juden die gleichen Probleme. Sie haben nur noch über die Schrift Zugang zur Welt. Ihr Gott ist ein Gott der Buchstaben und fleisch-subsituierender Silben. Ihre Welt offenbart sich ihnen als fortwährender Text, und der Text, die Geschichten, zuletzt die Geschichte de-sensualisiert das Individuum, lässt an die Stelle des Verwobenseins mit den Kräften der Natur ein Dasein als Partikel treten, der sich mühsam in die Welt zurücklesen will. Darin scheitert er natürlich kläglich. Wir nennen Literatur, was wir dabei mitnehmen: Trümmerstücke von Erlebnissen, die ratlos machen. Das Protokoll einer archäologischen Expedition in eine lange schlafende Welt. Wer klammert sich da nicht an ein Universum aus glänzenden, aber leeren Begriffen? Wer klammert sich da nicht an eine göttliche Hierachie? Wer klammert sich da nicht an einen Weltgeist, die ordnende Kraft des Marktes, an die heilige Idee des unteilbaren Individuums?
Nur der Ketzter, nur der Mystiker versucht diese Ausflüchte hinter sich zu lassen, in die Welt selbst zu zu steuern - das, was mit ihm geschieht, nicht von sich selbst abzugrenzen, sondern anzunehmen, der Tatsache gewahr, dass das Selbst, das Ego, der perfideste Streich war, den uns die Natur spielen konnte. Sie ist nunmal eine große Gauklerin - wer wagt es, ihr Spiel aufzunehmen? Wer wagt denn den Tanz mit den großen Täuschern und Schemen, die in uns wohnen?

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