Was greifst du, wenn du "Ich begreife" sagst?
23.02.12
"Bemerkenswert im Diskurs der Moderne von Selbstreflexion und Emanzipation ist das Über-Sehen der "Natur", das Ab-Sehen von der physis und der geheime Idealismus, der sich über die Niederungen der menschlichen Triebnatur erhebt und sich in einem puristischen Begriffsuniversum - jenseits der Sinnenwelt - einrichtet. In der Fluchtbewegung vor der Unterwelt der Sinne wird eine Oberwelt unkörperlichen Seins konstruiert, in der vom Körperstoff abstrahierte Begriffsbildungen entstehen: Begriffsbewegungen setzen sich an die Stelle von Lebensbewegungen, Begriffswahrheiten an die Stelle von Lebenswahrheiten." (Pohen/Bautz-Holzherr: Eine andere Aufklärung)Ich denke, also bin ich - eine Feststellung, die zum Leitspruch geworden ist. Mit ihm initiierte René Descartes das moderne Denken. Kaum, dass er ihn ausgesprochen hatte, war er nicht mehr zurückzunehmen. Der Ankerpunkt allen Denkens, Erlebens, Fühlens war gefunden: Das Sich-Selbst-Versenken in die Ratio. Das über seine Denkoperationen identifizierbare Individuum. Eine neue, und noch nicht abgelöste Generation von Denkern hat seitdem die Welt zu erklären versucht. Ist ihnen gelungen, was sie beabsichtigten, nämlich die komplette Kohärenz und Konsistenz alles Seienden über den Apparat vermeintlicher Erkenntnis zu verstehen? Heute würde man das verneinen, und gegenhalten: Hat dieses Denken nicht vielmehr zwei Parallelwelten erschaffen - der Gedanken und der Tatsachen? Hat sie nicht den Menschen mit tiefster Zerrissenheit konfrontiert, in der alles, was nicht zu seinem bewussten Denken gehörte, eine furchtbare Fremde provozierte? Ist unser vermeintliches Erkennen, das moderne Erkennen, auch nur ein vergebener, überschätzter Deutungsversuch dessen, was ist?
Methodisch fundiertes Erkennen - Wissenschaft - verläuft nicht einförmig. Enzyklopädien sind Logbücher. Dass die Wissenschaft stetig Wahrheiten akkumuliert, war ein Trugschluss, der spätestens in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als solcher komplett enttarnt wurde. Manche Wissenschaften haben sich alter Methoden und Gewissheiten entledigt - andere halten an ihnen fest.
Während etwa die Physik ihre mechanisch-atomistischen Grundlagen, die einst Newtons Weltruhm begründeten, weiterentwickelt und teilweise verworfen hat, verhaften die meisten Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler heute weiterhin diesem Denken. Die Erklärung der Welt über die mathematischen und axiomatischen Ansätze der rationalistischen Moderne haben zwei Parallelwelten aufgetan: Eine, in der ein Denken rumort, das alles um sich herum vergessen hat, und eine, in der wir mit Tatsachen konfrontiert sind. Die ideelle - idealere - beider Welten bestimmt heute unser Denken: es ist ein Denken, das den Menschen - seine Interaktionen, sein Selbstbild - über seinen Verstandesgebrauch identifiziert, in einem unveränderlichen und zuletzt völlig fassbaren Begriff des Selbst, der entsprechend zu instrumentieren und operationalisieren ist. Vor dem Hintergrund dieses geheimen Denkens spannt sich der gesamte sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Wissenschaftsapparat auf, darüber hinaus hat es die beunruhigende Desintegration des modernen Menschen begünstigt: früher hätte man gesagt, es ist das bürgerliche Denken, das Denken mit Unteilbarkeiten, von denen die unveränderlichste Unteilbarkeit die des Individuums ist.
Zuletzt: metaphysische Spekulation. Kein Erkennen, sondern ein Erkannt-haben-wollen.

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