Muffige Paradigmen und was man dagegen tun kann
08.02.12
In Tagen wie diesen büßen deutsche Ökonomen ihre ohnehin nicht allzu ausgeprägte Anerkennung von Seiten der Restbevölkerung ein. Wer in den letzten Wochen die Wirtschaftspresse und fachwissenschaftliche Blogs verfolgt hat, der wird auf eine emotional geführte Debatte über die festgefahrene deutsche VWL gestoßen sein. Ein Eckpfeiler dieser Debatte ist ein Kommentar des Uni-Ökonomen Rüdiger Bachmann (RWTH Aachen), der in der Ökonomenstimme und auf SpiegelOnline publiziert wurde. (an associated mess hat das mit Bedeutungslosigkeiten kommentiert). Auf die von VWL-Studenten geäußerte Kritik an der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre in Deutschland reagierte er trotzig: Um Lehre und Wissenschaft sei es schließlich nicht so katastrophal bestellt, wie man meine. Die Arbeit der Ökonomen – insbesondere ihre versteckte wissenschaftliche Vielfältigkeit – werde angesichts der akuten Krisenzeiten schlichtweg verkannt. Natürlich.
Wie sieht die Kritik aus, auf die sich Bachmann da bezieht? In Deutschland, so die erwähnten Kritiker, habe das wirtschaftswissenschaftliche Paradigma der Neoklassik zu einer ideologischen Verhärtung der akademischen Ökonomik geführt. Die Wirtschaftswissenschaftler beziehen von der Neoklassik z.B. das berüchtigte Modell des homo oeconomicus, des rationalen und nutzenmaximierenden Individuums, und den methodischen/normativen Individualismus, nach dem das Verhalten von Gruppen nur über das Verhalten individueller Mitglieder erklärt werden kann. Auch die Effizienz freier Märkte ist ein fundamentales Gesetz in neoklassischen Analysen. Kritisiert wird die Neoklassik oft für ihre Realitätsferne, ihren kaum empirisch fundierten „Modell-Platonismus“ (Hans Albert), sowie Gerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsvergessenheit. Dennoch ist sie in Wissenschaft und Lehre nach wie vor das ökonomische Theoriegebäude. Angesichts ihrer Schwachpunkte wird das als wissenschaftlicher Missstand aufgefasst und als Ursache dafür, dass in den Chefetagen von Ministerien, Handel und Industrie in dumpfer Einmütigkeit von „Alternativlosigkeiten“ in spezifischen wirtschaftlichen und sozialen Fragen ausgegangen wird. Hat der Begriff des (vermeintlichen) ökonomischen Sachzwangs seinen Ursprung in akademischen Morasten? Haben die VWL-Lehrstühle ihre wissenschaftliche Verfassung angesichts offenkundiger Methodenstreits noch im Blick? Herrscht an den wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühlen tatsächlich eine wissenschafts- und zuletzt wohlfahrtsfeindliche Mono-Kultur?
Es ist zumindest kein Geheimnis mehr, dass Ökonomen über viele Methoden verfügen, die die Axiome der Neoklassik berichtigen oder sie gar ganz außen vor lassen. Es ist kein Geheimnis mehr, dass das neoklassische Paradigma obsolet geworden ist. Und es ist kein Geheimnis mehr, dass neoliberale Think Tanks (wie die Bertelsmann Stiftung) zunehmend Einfluss auf die ökonomische Bildung an deutschen Unis und Schulen nehmen, und das zugunsten neoklassischer Inhalte.
Ich will diesen Umstand weder verharmlosen, noch verteidigen. Aber ist es mit Kritik wirklich getan? Ist es damit getan, sich vor die Institutionen zu stellen und Änderungen in den Lehrplänen herbeizuskandieren? Wohl kaum. Es reicht, wenn eine Seite in diesem Konflikt passiv-aggressive Züge andeuten lässt.
Der Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn vertrat 1962 in seinem Werk The Structure of Scientific Revolutions die anregende These, dass sich Wissenschaft über Prozesse abspielt, deren Strukturen mit denen politischer Prozesse in parlamentarischen Demokratien vergleichbar sind. Paradigmenwechsel werden über einen Wettbewerb zwischen einer „Regierung“, den Paradigmaverteidigern, und einer mit neuen Theorien aufwartenden „Opposition“ entschieden. Dass sich neue Erkenntnisse und aktuellere Theorien durchsetzen, alte sich halten oder gar eine Renaissance erleben, ist damit abhängig vom Einsatz der einzelnen Parteien in diesem Prozess. Diesen politischen Wettbewerb um die Lehrmeinung gilt es aufzugreifen – auch wenn die Karten in diesem Spiel zugegebenermaßen ungleich verteilt sind.
Im Januar 2012 fand in Frankfurt eine Konferenz mit den Namen „Ökonomie neu denken“ statt. Die dort tagenden Wissenschaftler befassten sich nicht nur mit der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern auch mit einer Neuorientierung der Wirtschaftswissenschaften – es bewegt sich also etwas. Und die Erkenntnisse hinsichtlich alternativ-ökonomischer Methodik stoßen in kritischen Blogs und den Wirtschafts-Leitmedien auf Resonanz. Hier stehen Ökonomen in der Verantwortung, um ihrem Fach und der Öffentlichkeit neue Perspektiven aufzuzeigen, aber auch kritische Bürger können dazu beitragen, wenn sie sich auf das wissenschaftliche Fundamente der volkswirtschaftlichen Disziplin einlassen.
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| Wenn mehr Leute bestimmte Rechte aktiv wahrnehmen würden, anstatt es lauthals, aber ohne produktive Aktion, einzufordern - wir wären in manchen Angelegenheiten 'n paar Schritte weiter. |


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