Fragmente aus 'Atlanten'
23.02.12
Jedes Erzählen ist ein Verfügbarmachen dessen, was wir nicht ewig bei uns halten können. Die Erzählung fasst und kultiviert, was ihr Erzähler erlebt hat. Über Erzählstruktur, thematische Inhalte, Figuren und Dialoge wird aus dem Sensitiven, aus dem Erfahrenen das Wieder-Erfahrbare, so wie es war - oder wie es gewesen sein muss? - wie es vielleicht Sinn ergeben haben könnte?
Der Sinn geht uns verloren, wenn wir ihn nicht in Geschichten beschwören können: Geschichten des Wissens, Geschichten des Fühlens, des Leids und der Anteilnahme am Leben. Der Mensch, der keinen Zugang zur Geschichte und zu Geschichten hätte, wäre eingeschlossen in der unmittelbaren und unverwässerten Erfahrung, zum Preis der Amnesie. Er hätte keine Navigation mehr, während er in seinem brüchigen Boot des Bewusstseins hockt und aufs Meer starrt. Dieser starre Blick auf einen Ozean aus Sein muss bemerkenswert sein: fasst er doch nichts bis auf gleichförmige Fluten, und die kann er nicht einmal zu einem zweckdienlichen Vehikel machen. Diese Illusion stände ihm nicht zur Verfügung.
Er blickt auf die Dinge, wie sie sind, immergleich, wiederkehrend, bedeutungslos. Gestehen wir ihm noch eine kleine Resterinnerung zu? Dann können wir eins sagen. Er müsste sich fühlen, als wäre er aus dem Rahmen der Welt gefallen.

0 Anmerkungen:
Kommentar veröffentlichen