Warum wir den Zufall gerne vergessen
16.02.12
Angenommen, ich bin ein fahrtüchtiges Individuum in Welt A, einer Welt, der der unsrigen sehr ähnlich ist. Ich fahre in Welt A morgens mit meinem alten VW Passat eine abschüssige Straße herunter. Es nieselt und der Fahroberfläche ist schlecht. An vielen Stellen ist sie so schmierig wie die Frisur eines Börsenanalysten, während meine Reifen mindestens so aalglatt sind. Ich weiß, dass ich mit meinem Wagen eigentlich zur nächsten Werkstatt fahren müsste, aber ich hab's eilig. Plötzlich tritt ein Kind auf die Straße. Ich versuche alles in meiner Macht stehende, um die Kollision zu vermeiden. Vergebens.
Jetzt stellen wir uns vor, ich sei ein fahrtüchtiges Individuum in Welt B, die der unsrigen ebenfalls ähnlich ist. Erneut fahre ich an diese abschüssige Straße heran: Es nieselt, alles erinnert mich an Börsenanalysten, mein Wagen ist reif für die Werkstatt. Ich habe es immer noch eilig, gebe Gas, rolle die Straße herunter - und komme eine Viertelstunde später wohlbehalten an meinem Zielort an, ohne Unfall, ohne Gewissensbisse. In Welt B trat kein Kind auf die Straße.
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| Wissen, was man tut: Nicht immer vorurteilsfrei? |
Der entscheidende Faktor, der unser moralisches Urteil über den Fahrer ändert, besteht im Unfall, genauer: darin, dass ein Kind zufälligerweise auf die Straße lief. Wer nicht gerade über die Schicksalhaftigkeit allen Geschehens spekulieren will, muss anerkennen, dass hier der Zufall die entscheidende Rolle in der moralischen Beurteilung eingenommen hat. Das klingt seltsam. Moral – das ist für uns kein Ding der Zufälligkeit. Wer moralisch oder eben unmoralisch handelt, der muss die Situation, in der wir ihn bewerten, vollkommen unter Kontrolle gehabt haben. Der Philosoph Thomas Nagel umschreibt es in seinem Aufsatz „Moral Luck“ so: „Prior to reflection it is intuitively plausible that people cannot be morally assessed for what is not their fault, or for what is due to factors beyond their control.“
Ist dieses sogenannte Kontrollprinzip immer gegeben? Wie können wir den Fahrer in Welt A in vehementer Weise sanktionieren, in Welt B aber nicht, wo er sich doch in beiden Welten gleich verhalten hat, während der Zufall den Ausgang der Situation bestimmt hat?
Zuerst einmal ist festzustellen, dass wir bei moralischen Handlungen zumeist retrospektiv auf die Rechtfertigung einer speziellen Entscheidung/Handlung Bezug nehmen. Das führt zu Problemen, die kontraintuitive Prinzipien in die Diskussion um unseren Moralbegriff einführen. Oben erwähnter Thomas Nagel und sein britischer Kollege Bernard Williams haben in ihren bekannten Aufsätzen – die, obwohl es zwei verschiedene Aufsätze sind, beide „Moral Luck“ heißen – dafür argumentiert, dass durchaus auch der Zufall auf unsere moralischen Beurteilungen Einfluss haben kann. Dass im Bereich der Moral Zufälle eine Rolle spielen, scheint sich aber nicht mit unserem Begriff von Moral zu vertragen. So schreibt Williams: „[There is] the still powerfully influental idea that there is one basic form of value, moral value, which is immune to luck and […] unconditioned.“
Zumindest in Teilen scheint der Fahrer in Welt B moralisch rehabilitiert zu werden, ohne dass dies vollständig in seiner Macht stand. Das Kontrollprinzip greift hier nicht. Tatsächlich sorgen unangenehmerweise glückliche Umstände dafür, dass wir den Fahrer nicht verurteilen. Daher auch der Begriff des „Moral Luck“.
Wenn wir Menschen weiterhin zugestehen wollen, dass sie überhaupt moralische Erwägungen haben und moralische Verantwortung tragen können, so müssen wir das kontraintuitive Prinzip des „Moral Luck“ als Teil unseres Verständnisses von Moral berücksichtigen. Wenn wir dieses Prinzip aber ablehnten, so liefe dies auf eine andere unangenehme Situation hinaus: Wir müssten nämlich moralische und rationale Erwägungen entkoppeln. Das Bedürfnis des Moraltheoretikers, das rationale Verhalten mit dem moralischen zu identifizieren, müsste unbefriedigt bleiben. Diese Einsicht verdanken wir Bernard Williams. Schauen wir uns seine Argumentation an: Sie führt noch über das Moralische hinaus – und da wird’s erst richtig interessant.
Williams Hauptinteresse in „Moral Luck“ gilt zunächst nicht so sehr der moralischen Rechtfertigung einer Handlung als vielmehr der rationalen. Williams versucht zu zeigen, dass Zufälle in rationalen Erwägungen eine wichtige Rolle spielen. Ich kann sowohl in Welt A, als auch in Welt B von einem rationalen Standpunkt aus meine Fähigkeiten als Fahrer, den Zustand meines Fahrzeugs und die Straßenbeschaffenheit einschätzen und mich entsprechend gerechtfertigt fühlen, sicher an mein Ziel zu kommen. Dennoch hängt es immer vom Ausgang des Projekts und darüber hinaus zu einem nicht vernachlässigbaren Teil von Zufallsfaktoren ab, ob meine Einschätzung und Entscheidung - bei diesen Konditionen das Auto zu nehmen - gerechtfertigt war oder nicht. Wenn Zufall bei rationalen Erwägungen eine Rolle spielt, wir aber intuitiv die Verbindung von Moral und Zufall ablehnen, so können wir rationale und moralische Erwägungen zuletzt nicht miteinander identifizieren. Das ist das vorläufige Ergebnis hinsichtlich der moralischen Perspektive. Zusammenfassend könnte man sagen: Wir urteilen gerne moralisch, wissen aber nicht, worauf wir uns da eigentlich stützen.
Verlassen wir ein jetzt den Bereich des Moralischen. Konzentrieren wir uns auf die rationalen Aspekte der Geschichte.
Stellen wir uns einen Jungunternehmer vor: Er hat eine gute Idee, Motivation und ein kleines Startkapital. Er fühlt sich gerechtfertigt darin, sich und sein Start-Up in die Welt des unbarmherzigen Marktes zu werfen, weil er glaubt, Erfolg damit zu haben. Scheitert er mit seinem Start-Up, löst sich im Nachhinein jedwede Rechtfertigung auf, aus der er das Projekt begonnen hat – insbesondere aber ist schwer einzuschätzen, wie viele Anteile des Misserfolgs (oder des Erfolgs) des Projekts eigentlich dem Zufall zuzurechnen sind.
Wir alle kennen diese spannenden Geschichten von Momenten der Entscheidung, die sowohl Großartiges als auch Desaströses nach sich ziehen können. Wir bewerten diese Situationen, und die Entscheidungsträger, intuitiv nach ihrem Kontrollvermögen zum Zeitpunkt der Entscheidung. Aber ist dieses Kontrollvermögen nicht angesichts des allmächtigen Zufalls eine Illusion?
Das ist eine der Fragen, denen der israelisch-us-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman in seinem Buch „Thinking, fast and slow“ nachgeht. Kahneman gilt als einer der bedeutendsten Psychologen unserer Zeit. Er und sein Kollege Amos Tversky stellten ungemein wichtige Untersuchungen zum Entscheidungsverhalten von Menschen und ihrem Umgang mit Ungewissheit an, die zur Begründung einer neuen ökonomischen Disziplin führten: den Behavioural Economics. Kahnemann erhielt dafür 2002 den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften. (Tversky starb 1996.)
Kahneman vetritt die These, dass die Art und Weise wie wir denken und entscheiden von zwei kognitiven Systemen bestimmt werden, wovon das eine schnell, emotional und intuitiv arbeitet, das andere langsam, rational und auf Abruf. Kahneman zeigt, dass wir zu Denk- und Entscheidungsfehlern neigen, weil wir zu sehr auf die Kapazitäten unserer Intuition vertrauen. Die Ratio sei per se energie-effizient und damit stinkenfaul. Das Ergebnis sei, dass wir zu Urteilsheuristiken – weniger fachidiotisch, aber unpräziser: Vorurteilen – neigen, die unser Urteilsvermögen schneller, aber eben fehlbarer machen. Intuition funktioniere nur dort, wo die Rahmenbedingungen die gleichen bleiben. Das Resultat unseres Vertrauens ist die oben illustrierte Zufallsvergessenheit und der Glaube, dass wir tendenziell alles in diesem Leben unter Kontrolle haben. Kahneman stell fest: „We focus on the causal role of skill and neglect the role of luck.“
Menschen neigen dazu, intuitiv zu schließen und die löchrige, aber durch vermeintliche Kausalprinzipien erhaltene Kohärenz und Kontingenz ihrer Erfahrung als der Weisheit letzten Schluss anzusehen: „When we estimate a quantitiy, we rely on information that comes to mind and construct a coherent story in which the estimate makes sense.“ Dieses starke Ungleichgewicht zwischen Intuition und Ratio führt z.B. zu unseren inkonsistenten Moralbegriffen (siehe oben) und schlichtweg unpräzisen Einschätzungen über Sachverhalte in der Gegenwart, vor allem aber in der Zukunft. Dass uns der Zufall so ominös vorkommt, ist ein Indikator dessen. Wir suchen nach „Sinn“, nach Gründen – und ignorieren den Zufall, um uns dieser Illusion hingeben zu können.
Was kann man festhalten? Wir haben anfangs über Implikationen unseres alltäglichen Moralbegriffs gesprochen, die unserer Intuition über das, was Moral sein sollte, widersprechen. Die Beschreibung dieser Implikationen, vor allem durch Williams und Nagel, hat die Rolle des Zufalls in den moralischen wie auch rationalen Rechtfertigungen unserer Handlungen veranschaulicht: Sie ist wohl größer als man sich eingestehen möchte. Eine psychologische Erklärung unserer Überraschung angesichts dieses Umstands gibt uns Daniel Kahnemann: Ich kann sein Buch im Übrigen nur empfehlen. Er schreibt bündig, anschaulich und ansprechend. Und er erklärt, wie wir unsere Intuition richtig nutzen, ohne uns allzu sehr von ihr abhängig zu machen.


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