Welcome to Sansara / 'Spezielle' Gracián-Studien (XXVI)

01.01.12

Ich begrüße alle Anwesenden zum neuen Veröffentlichungszyklus der associated mess. Ich hatte Veränderungen zum neuen Jahr angekündigt, und die wirds im Verlauf der nächsten Tage und Wochen auch geben. Zu diesem Zeitpunkt gehts erst einmal, wie gehabt, mit Sr. Gracián weiter.

(241) Witzereißen kann bisweilen in sehr unschöne Angelegenheiten ausarten. Stänkereien sollte man maßvoll anzetteln. Ebenso wichtig: Scherz ertragen, besser noch übergehen können.

(242) Dumme Jungs unterscheiden sich von Männern darin, dass sie ihre Projekte nicht zu Ende bringen. Anstatt mit Ausdauer und Ehrgeiz ein Projekt, an dessen Fruchtbarkeit sie optimalerweise auch glauben, zu vollenden, verschleppen sie es. Am Ende haben sie nichts in der Hand als Zeugnisse eines halbherzigen Aufbruchs. Wenn du was Vernünftiges vorhast, dann plane es, führe es aus und vollende es. Fertig!

(243) Gütige und Dumme neigen dazu, sich stets verarschen zu lassen. Man sollte nicht verdrängen, dass es böses Kalkül in dieser Welt gibt - ansonsten wird man sein Opfer. Dass man sich mit Intrigen auseinandersetzen kann, sollte allerdings nicht auf den Charakter abfärben. Man muss eine kleine Sonderleistung vollbringen, nämlich Güte und Gerissenheit gleichermaßen zu verinnerlichen.

(244) Wann kannst du dich als Meister des Zwischenmenschlichen bezeichnen? Wenn du den Gefallen, den Andere dir erfüllen, so auslegen kannst, dass sie glauben, dass du ihnen den Dienst erweist. Das ist eine Kunst.

(245) Zu allem Ja und Amen zu sagen ist ein persönliches Defizit. Wer glaubt, irgendwem damit einen Gefallen zu tun, irrt gewaltig. Wenn er begründet ist, darf dem Widerspruch nicht ausgewichen werden. Und wer uns nur lobt und preist, der ist entweder unzurechnungsfähig oder ein substanzloser Halunke. Achte darauf, Lob und Tadel von denen zu erhalten, denen man ein redliches Urteil zutrauen kann.

(246) Sich schon vorher für Irgendetwas zu entschuldigen, heißt, Misstrauen zu erwecken. Schlechtestenfalls unterstellst du deinem Gegenüber, indem du dich für einen unausgesprochenen Verdacht entschuldigst, verletztende Gedanken. Das wiederum ist nicht nur aus rationalen, sondern auch aus Höflichkeitserwägungen beknackt.

(247) Dein einziger wirklicher Besitz ist die Zeit. Arbeitswut beraubt dich um diesen Besitz. Manche sagen, wer sich zwei Drittel des Tages nicht selbst gehört, sei ein Sklave. Vielleicht ist da was dran.

(248) Wer immerzu das letzte Wort haben will, zeigt damit, dass er über den Geist eines Kleinkinds verfügt. Er zerstört jede vernünftige Argumentation, weil er mal von Affekten, mal von Hirngespinsten angetrieben wird. Kurz: Diese Individuen sind Pariah des Gesprächs, und als solche sollten sie auch behandelt werden.

(249) Das Leben bleibt immer ein Stückweit unberechenbar, und doch sollte man methodisch mit dem umgehen, was man lernen und leben will - heute wie morgen. Dazu ist es wichtig, das zu tun, was einem liegt: Zumindest ohne Nebenwirkungen auf das Gemüt auszuüben. Weder das chaotische Leben, noch das Leben nach strikten Schemata kann als gelungen gelten.

(250) Was Karneval für die übrigen Jahreszeiten ist, sind manche Leute für den gesunden Menschenverstand. Sie verwirbeln die Konventionen der Kommunikation, um ihre Meinung in besonders grotesker Weise kundzugeben. Die - eigentümlichen - Gesetze des Karnevals sollte man verstehen lernen, auch wenn man ihn nicht feiert.

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