Von der Wissenschaft des Sündenbocks
24.01.12
Angesichts einer Wirtschaftskrise, die in der öffentlichen Debatte als Resultat ideologieverschuldeter Misswirtschaft angesehen wird, musste früher oder später ein argwöhnischer Blick auf die Denkfabriken geworfen werden, in denen dieses Gedankengut produziert wurde. Na, haben Sie sich in diesem Vorwurf wiedererkannt? Dann sind Sie besser kein Student der economics, zerfressen von Selbstzweifeln, beladen mit einem Erbe wissenschaftlicher Unredlichkeit.
Meilensteine der Debatte um die akademische VWL sind die Beiträge von VWL-Studenten auf SpOn, Rüdiger Bachmanns Antwort, eine Bestätigung durch Kantoos, ein Interview mit Mathias Binswanger und wiederum eine Erwiderung Bachmanns. In diesen Dokumenten streiten sich deutsche Ökonomen und Kritiker ihrer Zunft darum, wie offen oder verbohrt, wie kompetent oder lächerlich, wie redlich oder eitel die VWL eigentlich sei. Und während der Vorwurf, dass der gemeine deutsche Makroökonom übereilig aus Modellwelten wirtschaftspolitische Applikationen für reale Zustände formuliert, vielleicht gerechtfertigt ist, ziehe ich zuvorderst das Fazit: Der Zorn der politisierten Massen sucht sich einen neuen Sündenbock. Heute: Die VWL.
Wir leben in turbulenten Zeiten. Was gestern als der Wahrheit letzter Schluss galt, wird heute nicht etwa reflektierter gehandhabt, sondern verteufelt. Ein Bild bestimmt die Gemütslage: Wir haben es mit einer Krise zu tun, die keiner der arroganten Ökonomen vorhersah – eine Krise, die in den Hirnen von Egomanen ihren Anfang nahm; Köpfe im Übrigen, die durch akademische Rückendeckung vonseiten der VWL in ihrem Handeln bestätigt wurden. Spott ist die naheliegende Reaktion, wenn Außenstehende in die Lehrinhalte der VWL blicken und dort Operationen mit einem homo oeconomicus erheischen. Wie weltfremd dieses Fach doch sei! Und so gefährlich!
Ist das wahr? Ist die VWL ein Götzendienst?
Auch wenn mein Studiengang sich das Prädikat der Interdisziplinarität in besonderer Weise anpappt, glaube ich nicht, dass dort großartig anders gelehrt wird als an anderen Instituten. Keynes wird in der Lehre schlichtweg nicht ignoriert, wie oft behauptet wird. Postkeynesianismus gehört zu den Lehrinhalten, nicht nur Neoklassik oder gar die Österreichische Schule.
Ich bezweifle, dass VWL-Erstis erzählt bekommen, das Modell des homo oeconomicus fange mehr ein als nur einen Teil der Realität sozialen Handelns. Das ist keinem undergraduate, der auch nur ein halbwegs passables Lehrbuch aufgeschlagen hat, ein Geheimnis. Dass die VWL Wasserträgerin einer Neoliberalisierung der gesellschaftlichen Sphäre darstellt, ist ein Urteil derer, deren Weltbild ohne dieses Urteil fad wird. Sicher, nicht wenige Ökonomen haben die neoliberale Agenda gestützt und stützen sie bis heute - aber lag das wirklich an ihrer Disziplin? Lag es nicht vielmer an den einzelnen Ökonomen? Haben sich nicht einfach nur die falschen Leute lauthals Gehör verschafft?
Ich glaube, manche Kritiker wollen glauben, dass sie ideologisierende Strukturen angreifen. Da erstaunt es nicht, wenn die Wissenschaftler, die mit diesen Strukturen assoziiert werden, gereizt reagieren. Denn: Die Methoden der Ökonomik müssen nicht als Dogmen dastehen. Sie können spezifische Zusammenhänge erklärbar machen.Sie sind nicht zwangsläufig die teuflische Saat, die in einer Krise wie der jetzigen unheilvolle Triebe schlägt.
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| John Maynard Keynes verfolgt im Gentleman's Economics Review die aktuelle VWL-Debatte: "Seriously guys, are you fucking kidding me?" |
Ich will eine Vermutung anstellen. Ich glaube, dass die Ökonomik, im Gegensatz zu anderen Sozialwissenschaften, doch mehr ist, als ihre wissenschaftlichen Vertreter zu glauben wagen. Ökonomik ist keine Wissenschaft: Sie ist eine Kunst. Wenn Ökonomen sich als Naturwissenschaftler verstehen, dann machen sie es sich mit ihrer Materie zu einfach. Ökonomen haben es mit dynamischen, vielschichtigen Prozessen zu tun, die sie, und das ist das Besondere, beeinflussen können! Ein Beispiel? Die Entfesslung der rational choice theory.
Das Modell des rational Agierenden ist zunächst nur ein Modell unter Vielen. Man versucht, gewisse Prozesse damit zu erklären, aber das gelingt nur teilweise. In den Bereichen, wo das Modell plausible Ergebnisse bringt, wird es mehr und mehr von ökonomisch gebildeten Menschen adaptiert: Plötzlich ist es ein handfestes empirisches Phänomen geworden.
Die Ökonomik hat einen entscheidenden Einfluss auf das Handeln von Individuen; und daran wird sie gemessen. Ökonomen sind Mechaniker. Die Substanz, mit der sie sich auseinandersetzen, ist zugleich ein Projekt, an dem sie herumwerkeln. Auch wenn sie gar nicht werkeln wollen. Sie untersuchen und modifzieren soziale Institutionen.
Zur Disziplin muss gehören, dass sich die Forscher dieser Verantwortung bewusst sind, anstatt nur die deskriptiven Aspekte ihrer Arbeit zu betonen, als sei man Biologe oder Physiker.
Diese Feststellung macht deutlich, woher die Kritik an der Disziplin und die Verwirrung der redlichen Ökonomen rührt: Aus der Zweideutigkeit eines Fachs, das streng zwischen ihren positiven und normativen Ansätzen unterscheidet - aber dies nur auf dem Papier.
Erinnern wir uns an den gut gemeinten Rat von Uncle Keynes: "If economists could manage to get themselves thought of as humble, competent people on a level with dentists, that would be splendid."
Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den Positionen, und entsprechend sollten sich alle, die mit der Materie in Berührung kommen, auch verhalten.


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