Unerkannt gebannt - Zur Anonymität im Netz
11.01.12
Am 22. Juli des letzten Jahres tötete der Norweger Anders Breivik durch zwei separate Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen. Auch wenn Konservative die Tat gerne mit der Schwachsinnigkeit des Täters erklären würden, ist sie im Kern ideologisch motiviert gewesen: Noch am selben Tag hatte Breivik im Internet ein wirres, aber kohärentes Kompendium von Texten veröffentlicht, in dem er seine Ansichten über den gesellschaftlichen Verfall Europas zum Ausdruck bringt.
Dies war der Aufhänger für Bundesinnenminister Friedrichs Forderung, die Anonymität im Internet abzuschaffen. Das Argument: Politische Extremisten, die anonym im Netz veröffentlichen, werden in ihrem bösen Werk gehindert, wenn man sie persönlich für bestimmte Publikation haftbar macht. Das gehe nur via Entanonymisierung der Nutzer. Damit reagierte der Innenminister auch auf die in den Medien durchsickernden Informationen, nach denen Breivik im Netz rechtsextreme Veröffentlichungen las und studierte. Die Debatte machte die Netzanonymität zum Politikum.
Ich möchte im Folgenden ein paar Fragen beantworten. Was bedeutete es eigentlich bisher, anonym im Netz zu publizieren? Wie sieht ein Prozess der Entanonymisierung eigentlich aus? Ist er wirklich nur ein Konzept für die Zukunft – oder schon Gegenwart? Wenn er Gegenwart ist, wer hat ihn in Gang gesetzt? Wer profitiert von der Entanonymisierung wirklich? Und abschließend: Was ändert sich für den im Netz Publizierenden, wenn er nicht mehr die Möglichkeit hat, anonym zu bleiben?
Anonymität: Schutz des Nutzers
Dass seine Nutzer überwiegend anonym bei ihren Tätigkeiten blieben, war lange Zeit das auszeichnende Merkmal des Internets. Seit der frühen öffentlichen Verwendung des Mediums verkehrte man untereinander üblicherweise in einer Kultur der Pseudonyme, die eine Schnittstelle zwischen der virtuellen und der analogen Persönlichkeit (1) des Nutzer darstellten. Das Pseudonym ist damit, um es metaphorisch zu verdeutlichen, eine Maske, hinter die für andere Nutzer nur schwer zu blicken ist.
Zu den Nachteilen dieser Abgrenzung gehört, dass Nutzer sich unter dem Mantel der Anonymität gerne wie die letzten Affen aufführen. Nutzer mit schädlichen Absichten, Betrüger jeglicher Couleur, konnten und können sich unerkannt in diesem Medium bewegen (2), denn die persönliche Identifikation ist optional und plattformabhängig – und darüber hinaus mit Nachteilen verbunden, die nicht nur Betrüger oder Trittbrettfahrer betreffen, sondern auch Nutzer ohne kriminellen Hintergrund. Aber dazu später.
Zuvorderst kann man die Anonymität oder das Pseudonym als wichtigen Schutz des Nutzers verstehen. Zumindest für den Publizierenden gilt, dass er sich im Netz Gehör verschaffen kann, ohne sich um seine analoge Reputation sorgen zu müssen. Auch bei sehr unbequemen und kontroversen Angelegenheiten – man stelle sich einen kritischen Polit-Blogger im Iran vor – nimmt die Anonymität eine schützende Funktion ein, sodass der Autor virtuell seine Meinung äußern kann, ohne dass er Sanktionen für sein Leben außerhalb des Netzes befürchten muss.
Dieser Mechanismus schwebt in den Köpfen derer, die das Internet albernerweise als "Demokratiemaschine" (Rainer Strzolka) bezeichnen, die eine Gegenbewegung zu den analogen politischen und wissenschaftlichen Diskursen darstelle. Neben der Unmittelbarkeit und fast weltweiten Erreichbarkeit von Netzinhalten ist also die Anonymität eine Kernkompetenz des Internets als Medium zur freien Meinungsäußerung – auch wenn sie bisweilen missbraucht werden kann.
Ist das entanonymisierte Netz bereits Realität?
| Offenbarungsindustrie, anyone? |
Ähnlich wie seinerzeit nicknames, mit denen die Nutzer virtuelle Repräsentanten ihrer Person schufen, fungieren die Profile der auf Plattformen wie facebook Vernetzten als fundamentaler Bestandteil der eigenen, im Netz gespiegelten Persönlichkeit. Einher geht dieser Trend mit einer peniblen Pflege des eigenen Profils, die über den eigentlichen Zweck der Vernetzung aus unmittelbar kommunikativen und koordinierenden Gründen hinausgeht. Der Unterschied zur Pseudonymkultur besteht darin, dass nunmehr vom Nutzer verlangt wird, sich zumindest namentlich im Netzwerk identifizieren zu lassen. Diese Identifikation stellt, für sich genommen, nichts Problematisches dar – schließlich ist der Zweck des sozialen Netzwerks der Aufbau einer Kommunikationsstruktur unter Menschen, die ohnehin einander beim Namen nennen können und sich in den Netzwerken finden lassen müssen.
Probleme ergeben sich erst dadurch, dass soziale Netzwerke nicht mehr allein der Vernetzung von Menschen untereinander dienen, sondern auch mehr und mehr eigentliche Netzinhalte wie Online-Artikel, Videos und dergleichen in den eigenen Koordinationsstrukturen teilen und etikettieren. Wenn ich schreibe, dass Inhalte etikettiert werden, so meine ich damit, dass es im Netz Publizierenden mittlerweile möglich ist, selbst geschriebene Artikel, selbst gedrehte Videos und Ähnliches mit dem eigenen Netzwerk-Profil zu verbinden, in die Plattformstrukturen des genutzten Netzwerks zu speisen und zugänglich zu machen. Anbieter wie Google oder facebook haben so erreichen können, dass eine Vielzahl von Publikationen sich in ihren Plattformen konzentrieren – sie übernehmen wichtige, zum Beispiel distributorische, oder ganz essentielle Teile des Publikationsprozesses. So vereint Googles Blog-Dienst Blogger das essentielle Bereitstellen einer Publikationsplattform mit der anschließenden Distribution dieser Inhalte, indem sie in der hauseigenen Suchmaschine besser gefunden werden können.
Zahlen aus dem Jahr 2010 geben an, dass 500 Millionen Menschen weltweit auf facebook vernetzt sind. Google verzeichnet 80 bis 90 Milliarden Sucheingaben monatlich, wobei die Zahlen zur Inanspruchnahme der zahlreichen Google-Dienste noch nicht verrechnet sind. Der Aufbau solcher Informations- und Kommunikationsgemeinschaften, die diese Strukturen teilen, hat damit auch ein engmaschiges Netz zwischen publizierten Inhalten und identifizierbaren Nutzern sozialer Netzwerke gewoben, das dadurch an Dichte gewinnt, dass die sozialen Netzwerke – allen voran das relativ neue Netzwerk Google+ – von ihren Nutzern verlangen, dass sie sich mit ihrem richtigen Namen registrieren. In diesem Kontext ist auch darauf hinzuweisen, dass Google im Juli 2011 mit der Entwicklung einer Gesichtserkennungssoftware, anwendbar auf Fotos und Videos, betraut wurde. Gerade bei Google+ wird das Missachten dieser Voraussetzung mit einer Sperre geahndet, also einem Ausschluss aus Kommunikationsstrukturen, die mehr und mehr an Bedeutung – natürlich auch außerhalb des Internets – gewinnen.
Wer kommunizieren, sich koordinieren und effektiv publizieren will, muss sich, langfristig gesehen, identifizieren lassen: Die Forderung Innenminister Friedrichs wird also in vielen Bereichen des Netzes bereits durchgesetzt.
Exkurs: Web 2.0 – Revolution der Netzkommunikation: Cui bono?
Es lohnt sich, an dieser Stelle über die Motive nachzudenken, die soziale Netzwerke zu einer Entanonymisierung ihrer Dienste bewegt haben.
Als wirtschaftlicher Faktor war das Internet aufgrund der Anonymität seiner Nutzer lange Zeit relativ unerschlossen. Mögliche Vorstöße im Bereich Marktforschung erschienen aufgrund mangelhafter Repräsentanz innerhalb des Mediums unfruchtbar. Mit zunehmenden Weiterentwicklungen im Web-Software-Bereich entwickelte sich aus älteren Strukturen eine neues, auf die Bildung von communities abzielendes Kommunikationskonzept, das üblicherweise Web 2.0 genannt wird.
Das Web 2.0 steht heute mehr denn je für eine Aneignung des Netzes durch den Nutzer. Das heißt, wo vorher noch IT-Dienste, IT-Unternehmen und internetbasierte Unternehmen Informationen bereitstellten, die lediglich von den Nutzern konsumiert wurden, erlaubt neuere Software vereinfachte Eigenproduktion und Publikation durch den User. Auch die ersten soziale Netzwerke und Dienste wie Wikipedia enstanden im Verlauf dieser Entwicklung, die offenbar bewirkte, dass der Nutzer zum entscheidenden Gestalter des Webangebotes wurde. Es gibt gute Gründe, diese Entwicklung als positiv und wegweisend einzuschätzen, da mit dem Web 2.0 die Grundlagen einer umfassenden Kommunikationserweiterung der Nutzer geschaffen wurden.
In der Tat ist aber – neben der nutzerorientierten – auch eine unternehmerische Komponente in dieser Revolution des Kommunikationssystems zu beachten, die die Entwicklung noch in besonderer Art und Weise steuert. Da verwundert es nicht, wenn zur betriebswirtschaftlichen Ausbildung mittlerweile auch der zweckgerichtete Umgang mit sozialen Netzwerken gehört: Sie sorgen dafür, dass Unternehmen umfassendes Marketing betreiben können: Indem man sich präsentiert und leichter an relevante Daten der Internetnutzer gelangt. Darüber hinaus findet eine zunehmende Vernetzung von Unternehmen und Privatpersonen statt. User oriented content, als weiterführende Software-Entwicklung im Bereich des Web-Marketing, werten Nutzerdaten aus und erstellen ihrerseits Werbeprofile, die einzelnen Nutzern spezifische Angebote offerieren. Google oder beliebige soziale Netzwerke gerieten aufgrund dieser Praktiken, die dem Nutzer nicht transparent erscheinen, desöfteren in Konflikt mit Datenschützern.
So müssen zwei Seiten der Medaille Web 2.0 betrachtet werden. Auf der einen Seite gewinnt der Nutzer an Publikationsmöglichkeiten. Interessengemeinschaften können sich koordinieren und artikulieren. Allerdings wird diese Entwicklung gleichzeitig von Interessen unterlaufen, die sich lediglich an Nutzerdaten und ihrer ökonomischen Verwertung orientieren. So erscheint die Publikationskonzentration durch Google und soziale Netzwerke, gerade über den Prozess der Entanonymisierung, auch als Kooperationsgrundlage gegenüber Interessenten aus dem kommerziellen Bereich – wohlgemerkt ohne dass die Nutzer wissen, wie ihnen geschieht. Aufgrund der immer differenzierteren Möglichkeiten, an relevante Daten zu kommen, Inhalte zu distribuieren und sie in immer dichtere Kontexte einzubetten, ist hier wohl berechtigterweise von Publikationsmacht zu sprechen. Wie frei sind durch Google vermittelte oder auf facebook geäußerte Gedanken dann wirklich?
Was bedeutet die Entanonymisierung für den Publizierenden?
Damit sind wir auch bei der abschließenden Frage, was es für die Publikation – oder weniger spezifisch: die freie Meinungsäußerung – des Einzelnen bedeutet, wenn sich die Barriere, die die Anonymität der Internet-Kommunikation darstellt, auflöst.
Zunächst ist festzuhalten, dass ein Publizierender, der mit seinem Namen an seine Produkte gebunden wird, tatsächlich für diese einstehen muss. Sehr kompakt hat es ein Kommentator der Online-Ausgabe der ZEIT formuliert, der feststellte, dass mit dem eigenen Namen für das Gesagte zu haften zwar nicht vor Irrtümern schütze, jedoch diszipliniere. Das heißt, jeder Publizierende muss sich mit der eigenen intellektuellen Redlichkeit und Genauigkeit auseinandersetzen, bevor er möglicherweise etwas publiziert, das seine Reputation, ob im Rahmen des Diskurses oder darüber hinaus, beschädigt. Das ist die positive Auslegung des Sachverhalts.
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| Repräsentative Belegschaft einer handelsüblichen Diskussionsplattform in Internet (Hier: PR-Board der Christlich Sozialen Union in Bayern) |
Für die Rezeption eines Textes ist beizeiten entscheidend, wieviel der Rezipient über die Biographie, Lebensumstände, Ideologie des Autors weiß. Einen Publizierenden anhand früherer Publikationen zu identifizieren, mag zum Einen ermöglichen, dass die aktuell vorliegende Publikation offener behandelt wird – ordnet man ihm und seiner Arbeit aus Erfahrung gewisse Bewegungen oder geistige Strömungen zu, kann die Offenheit, mit der man die Publikation behandelt, zurückgefahren werden: Die Rezeption wird durch Vorurteile möglicherweise verfälscht. Jede Publikation ist damit tendenziell vorbelastet. Der anonyme Verfasser dagegen kann sich relativ sicher wähnen, dass, wenn er Rezipienten erreicht, diese zunächst vorurteilsfrei an das Werk herangehen.
In einem entanonymisierten Kommunikationssystem sind die Rezeptionen, die ein Publizierender erfährt, zunehmend abhängiger von seiner "ideologischen" Einordnung, seiner Arbeitschronologie, seiner Methodik und dem Wohlwollen der mit ihm Kommunizierenden. Es ist offensichtlich, dass er sich zahlreichen Vorbehalten ausgesetzt und in seiner Meinungsäußerung eingeschränkt sehen muss, wenn er nicht länger die Möglichkeit hat, wenigstens unter einem Pseudonym Stellung zu beziehen. Stattdessen ist sein Name ein Etikett, das gewisse Kategorisierungen und Interpretationsschlüssel für seine Veröffentlichungen in sich vereint.
Die Konzentration von Publikationen in den einschlägigen Informations- und Kommunikationsgesellschaften üben zudem eine indirekte Vereinnahmung des Publizierenden und seiner Arbeit aus. Dadurch, dass der Publizierende facebook oder Google wählt, um sein Werk zu veröffentlichen und zu verbreiten, ist er auf die spezifische Technologie der Anbieter angewiesen und hat darüber hinaus deren Regeln und Etiquette zu achten. Wie wir bereits weiter oben festgestellt haben, hat die Dominanz dieser Plattformen eine langfristige Bedeutung für das Kommunikations- und Koordinationsverhalten von Individuen auch außerhalb des Internets. Wer sich ihren Regeln nicht fügt, Anonymität nicht ablegt oder seine Publikationen andernorts vornimmt, wird damit aus den spezifischen Systemen ausgegrenzt. Der Radius, in dem er mögliche Rezipienten erreichen kann, wird so erheblich eingeschränkt – möglich, dass der Publizierende niemals relevante Zielgruppen erreichen kann, weil diese sich in einem abgeschotteten Informations- und Kommunikationssystem befinden, zu dem er keinen Zugang (mehr) hat.
Gerade vor dem Hintergrund der neuesten Entwicklungen bezüglich Kommunikation und Koordination im Internet wird deutlich, dass die Anonymität wichtige Funktionen für den freien, offenen Austausch im Netz übernommen hat. Dies geschah oft zu Lasten einer verbindlichen Diskussionskultur und einer kriminellen Zwecken entgegenwirkenden Transparenz.
Die von Innenminister Friedrich geforderte Entanonymisierung würde diese Umstände womöglich beheben – extreme Positionen, die im Netz bezogen werden, könnte man ohnehin gezielt verorten und zensieren. Wenn man sich aber vor Augen führt, in welchen Strukturen und mit welcher Konzentration von Befugnissen und Einflüssen diese Veränderungen des Kommunikationssystems einhergehen, dann werden die offensichtlichen Vorteile der Entanonymisierung schnell von den Nachteilen eingeholt. Sie bestehen in der schleichenden Einschränkung der freien Meinungsäußerung über Ausgrenzungen vonseiten der Publikationsplattformen. Sie bestehen in der intransparenten Auswertung von Daten, die Publizierende und andere Nutzer in betreffenden Plattformen hinterlassen. Sie bestehen in der Einschüchterung derer, die etwas Richtiges und Wichtiges zu sagen hätten und Sanktionen fürchten, egal ob durch die die Kommunikationsgemeinschaft selbst oder Außenstehende.
Natürlich ist die Forderung des Innenministers abstrus – und solange in Print-Medien noch per Pseudonym geschrieben und veröffentlicht werden darf, wird sich kein Grund finden lassen, den Netznutzer dahingehend einzuschränken. Andererseits ist der Kern der Forderung auf dem besten Wege, Realität zu werden, und jeder Publizierende ist in irgendeiner Form von diesem Prozess betroffen, ob er nun anonym, per Pseudonym oder "mit offenem Visier" arbeitet.
Hier gilt es, die bestehenden Strukturen zu durchleuchten, ihre Mechanismen kennen und überwinden zu lernen. Es bietet sich an, Alternativen zu den bisherigen Arten des weitreichenden Publizierens zu finden und zu gestalten – um das Potenzial, das ein Medium, in dem auch anonym publiziert werden darf, weiterhin auszuschöpfen. Die Werkzeuge sind noch vorhanden, noch nicht ganz vereinnahmt:
Und so ist der Gedanke vielleicht doch noch frei.
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(1) Das Begriffspaar "virtuell" und "analog" soll die Grenze zwischen dem Medium Internet und dem, was wir "Realität" zu nennen pflegen, ziehen. Ich werde im Weiteren auf die Anführungsstriche verzichten, wenn ich die Begriffe aufgreife.
(2) Der illegale Austausch urheberrechtlich geschützten Materials kann allerdings per Identifikation des Nutzeranschlusses (IP-Adresse) nachvollzogen und strafrechtlich verfolgt werden. Eine völlige Anonymität gibt es also, gemessen am kriminellen Grad der Aktivität im Netz, nicht. Und damit ist das Internet auch kein rechtsfreier Raum, wie es ihm von seinen Kritikern desöfteren angedichtet wird.


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