'Spezielle' Gracián-Studien (XXX)
23.01.12
(281) Das Urteil der Masse ist wertlos. Das dahingemurmelte Lob eines einzigen Menschen, der weiß, worauf er zu achten hat, überlagert ganze Beifallsstürme.
(282) Manchmal glänzt man am Besten, wenn man gar nicht zugegen ist. Was fehlt, wird verlangt - was da ist, wird geringgeschätzt. "Durch Abwesenheit glänzen" ist damit gar nicht die ironische Phrase, die sie zu sein scheint: Mach dich rar!
(283) Es gehört eine Menge Grips dazu, mit dem Bestehenden zurecht zu kommen. In einer Welt aus Millionen Dingen ist es da um so auszeichnender, wenn du etwas Neues erfinden kannst. Das Neue, wenn es ausnahmsweise gelungen ist, ist die Frucht eines begünstigten Geistes. Wenn du dich dazu befähigt fühlst, schenk der Welt was Neues, du Langweiler.
(284) Aufdringlichkeit ist Gift. Egal, ob sie zuletzt gute oder schlechte Folgen hat: Alles ist mit dieser Stillosigkeit zu Abfall geworden. Nimm dich zurück - und alles wird besser laufen.
(285) Es ist bitter, am Scheißleben eines Anderen zu verrecken. Das Elend mag Rabatte, deswegen wird es dich gleich mit einkassieren, wenn du dich zu lang in der Grabbelkiste der Hoffnungslosen aufhältst.
(286) Durch die Gunst des Glücks ein feiner Mensch geworden? Coole Sache. Hier dein Wermutstropfen: Die weniger Begünstigten fordern jetzt deine Dienste ein. Achte darauf, dich nicht zum Mädchen Aller für Alles zu machen. Das beschneidet dein Potenzial.
(287) Leidenschaften machen viel kaputt, zuvorderst das vernünftige Urteil. Du solltest, aus weiser Voraussicht, immer Jemanden zur Hand haben, der dort Ruhe bewahrt, wo du an die Decke gehst. Er wird dich temporär durch den Ozean der Gefühle navigieren.
(288) Wer glaubt, er könne sich mit ein paar artifiziellen Vorsätzen oder anderen Ideologien die Welt untertan machen, wird durch sein kolossales Versagen berichtigt. Die Welt macht mit uns, was sie will, da können wir uns noch so willensstark geben. Lebe nach den Umständen und Gelegenheiten, die sich dir bieten, nicht nach starren und anmaßenden Prinzipien.
(289) Was ist menschlich? Das Arglose! Das zum Scheitern verurteilt sein! Wenn du dir öffentlich die Blöße gibst, erscheinst du menschlicher, als es dir lieb ist: Die Unnahbarkeit des Gottes entspringt aus seiner Zurückhaltung.
(290) Hingebung und Hochachtung vertragen sich nicht! Deswegen sagen kluge Leute, dass ein Mensch von Ansehen weder gehasst, noch geliebt sein dürfe. Ist damit der Liebe ganz auszuweichen? Nein - aber sie soll verehrend sein, nicht mitreißend.

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