'Spezielle' Gracián-Studien (XXVII)
05.01.12
(251) Man wende die menschlichen Mittel an, als ob es keine göttlichen, und die göttlichen, als ob es keine menschlichen gäbe. (Gracian und Schopi ließen diesen Spruch unkommentiert, deswegen übernehme auch ich ihn ohne Veränderung oder Ergänzung.)
(252) Manche Leute sind vollkommen von sich selbst eingenommen. Sehr einsame und primitive Kreaturen. Dann gibt es Leute, die jedem gehören, außer sich selbst. Sehr einsame und primitive Kreaturen.
(253) Mysteriöses Gebrabbel steht auch in unserer Zeit in absurd hohem Kurs. Wie oft ist geistiger Rotz schon als intellektueller Balsam verkauft worden? Es ist nett und spitzfindig, auch mal in Rätseln sprechen zu können, aber eigentlich auch nur dann, wenn man was verschleiern will.
(254) Die kleinen Unpässlichkeiten des Lebens sind gefährlich, weil man gerne über sie hinwegsieht: Dabei ist Unglück, egal wie verschwindend gering, ein Magnet für weiteres Unglück. Ohne Wachsamkeit findet man da schnell auf die schiefe Bahn.
(255) Jetzt zur Kunst des Gebens. Es ist wichtig, dass man vorsichtig mit denen umgeht, denen man einen Gefallen tut. Es ist insgesamt ratsamer, häufig zu geben, die Gabe aber nicht zu groß zu machen. Das kann zu tiefen Schuldgefühlen bei dem führen, dem gegeben wird. Beziehungen, die von Schuld gekennzeichnet sind, sind schlechte Beziehungen. Umsichtig und ökonomisch ist es, unscheinbare Gaben zu entrichten, die der Beschenkte aber besonders stark nachfragt.
(256) Spacken können den hellsten Kopf verdunkeln - es reicht nur ein Moment der Unaufmerksamkeit, und schon ist man von ihren Nebeln eingehüllt. Wie entgeht man diesen Fallen für den Geist? Indem man die Spacken dieser Welt auf Distanz hält und, wenn man doch an sie gerät, sich schnell und höflich ihrer schlechen Aura entzieht.
(257) Man sollte mit Menschen, mit den engsten bis entferntesten Freunden und Bekannten, nicht brechen. Je eruptiver das Ende der Beziehung, desto schmutziger wird die Feindschaft, und spätestens dann wird es stressig. Es kann natürlich sein, dass Menschen sich im Laufe der Zeit auseinanderleben - aber auch dann sollte man mit Rücksicht und Besonnenheit das Band, das einst einte, ablegen.
(258) Alles in dieser Welt allein zu schultern - das wird irgendwann das Rückgrat schreddern. Vertraute und Schicksalsgefährten können helfen, Fehltritte, Feindschaften, Fehden zu tragen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es. Wenn das Unglück merkt, dass es es sich gegen Koalitionen richtet, dann zieht es bisweilen den Schwanz ein.
(259) Ein Profi beugt dem potenziellen Spott eines Konkurrenten oder sonstiger übellauniger Wichser vor, indem er aus dem Feind einen Gefährten macht. Besser noch: Indem er dem Feind noch Gefallen zu erweisen weiß. So verhindert schon dessen Ehrgefühl, dass er sich zu Beleidigungen hinreißen lässt.Das, was einem den ganzen Scheißtag vermiesen könnte, wird so glatt zu einer Annehmlichkeit.
(260) Weder zwischen zwei Verwandten noch zwischen den zwei engsten Freunden wird alles geteilt. Vielleicht vertraut man dem Verwandten dieses Geheimnis an, jenes dem Freund. Aber zu keinem Zeitpunkt in unserem Leben wird ein Verwandtschafts- oder Freundschaftsband so eng geschnürt sein, dass wir mit dem Verbundenen EINS werden. Egal, wie ernst die Verwandtschaft genommen wird und wie gut es um die Freundschaft bestellt ist: Ganz zuletzt sind wir auf uns allein zurückgeworfen.

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