'Spezielle' Gracián-Studien (XXIX)

16.01.12

(271) Wenn du mit Dingen zu tun hast, von denen du kaum Ahnung hast, dann vertrau ausschließlich auf die mickrigen Basics, die dir zur Verfügung stehen. Deine Schritte mögen dann klein sein, aber du fällst nicht allzuleicht auf die Fresse. Dein Vertrauen auf Wissen zu bauen, das du offensichtlich nicht hast, wird immer üble Folgen nach sich ziehen.

(272) Die edle Gabe ist ganz anders zu bewerten als irgendein handelsüblicher Mist. Ihr Wert ist weitaus größer, sodass der Beschenkte, wenn er irgendeine Ahnung von Anstand hat, weiß, wie teuer er die Gabe bezahlt. Wenn der Preis einer Ware nach ihrem Gebrauchs- oder Tauschwert bestimmt wird, so ist sie leblos - erst die Wertbemessung über die Kategorien des Anstands machen eine Sache geschätzt. Zumindest solang, wie die Leute noch Sinn dafür haben.

(273) Um mit Menschen umgehen zu können, muss man sie verstehen lernen. Jedes Individuum hat einen spezifischen Charakter, der sich in mehr oder weniger unbedachten Momenten äußert. Der Trauerkloß ist Pessimist, die Hässlichen suchen Rache an der Welt und das Hübsche neigt zur Oberflächlichkeit. Menschen mögen nicht durch Klischees erfasst werden, aber sie können sich ihrer Treffsicherheit nicht entziehen. Wenn du hinter die Manieren und Visage eines Menschen blicken kannst, sodass du sein Innerstes erhaschst, bist du im Umgang mit ihm einen großen Schritt weiter.

(274) Zuletzt ist es immer der persönliche Nimbus, der über den Erfolg eines Menschen entscheidet, nicht seine Talente. Man sagt es ungern, aber everybody's darling zu werden ist zuvorderst eine Glückssache - die Kunst, sich in Szene zu setzen und genehm zu machen, fördert jedoch dieses Glück! Daher: Hab was auf'm Kasten und pack die Leute beim Herz damit.

(275) Sicher, deine Mitmenschen sind größtenteils Idioten. Und doch giltst du bald als ebensolcher, wenn du dich nicht auf ihre Spiele einlässt. Wer bei jeder Gelegenheit hervorheben muss, wie anders er doch tickt, macht sich der gleichen widerwärtigen Eitelkeit schuldig, die er sonst so gern verurteilt. Solange wir uns ihr Gehabe nicht zueigen machen, können wir auch mit den Wölfen heulen. Man muss die Grenze kennen, und diesseits ist alles erlaubt.

(276) Das alte Wissen sagt, ein Mensch verändere sich alle 7 Lebensjahre recht deutlich. Du solltest dich darauf einstellen, den Wechsel der Zeiten mitzugehen, gewissen Änderungen entgegenzukommen, kurz: Dich neu zu erfinden.

(277) Große Taten werden zu großartigen, indem man sie geschickt in Szene setzt. Das ist eine Frage des Timings und der äußeren Umständen, und natürlich abhängig von der Gemütslage desjenigen, der jetzt richtig auf die Kacke hauen will. Wie macht man das? Indem man seinen Mitmenschen gezielt beiläufig die bestausgebildeten Fähigkeiten präsentiert - als seien sie aus Versehen zutage getreten. Oder indem man mit kleinsten Häppchen die Leute um sich herum anlockt und hungrig macht. Es gibt viele Wege, um sich in Szene zu setzen. Oberster Grundsatz ist: Niemals als selbstherrlich und gespreizt dastehen! Eine diskrete Kunst.

(278) Pokale, Trophäen, Orden - das Alles ist zuletzt so erwachsen wie das Seepferdchen-Abzeichen. Ausgelagerte Ehrerweisungen dienen zuletzt nur als Brandmarken, dich dich als Sonderling kennzeichnen. Deine Würde muss aus dir selbst strahlen, nicht aus institutionell aufgeladenem Restmüll. Abzeichen machen dich angreifbar.

(279) Vorsicht, wenn dir jemand widerspricht! Man kann nie ganz wissen, ob der Widerspruch ausgesprochen wurde, weil dein Gegenüber bescheuert ist, oder weil er ein provokatives Arschloch, oder weil er sogar ein Spion ist. Wer dem Widerspruch widerspricht, verliert sich schnell in seinen Widerworten. Verflixt gefährliche Angelegenheit.

(280) Tja, worin sollte der echte Nutzen darin liegen, bieder zu sein? Ganz einfach: Du solltest ein Stückweit bieder sein, um nicht das übern Haufen zu werfen, was du dir mühsam erarbeitet hast: Das eigene, rohe Wesen kultiviert zu haben. Wenn die Gärtner von Versailles Gefallen am Wildwuchs gefunden hätten, wäre die Welt rasch wieder in dem Dschungel verschwunden, aus der wir einst mit fragender Fresse heraushumpelten. Überleg dir genau, ob du dich nicht über deine biedere Haltung vergissern willst, dass du eine Aufgabe hast: Herr im Dschungel zu sein, ohne seinen Gesetzen zu gehorchen.

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