Scheißt auf eure Träume!
21.01.12
In einer Welt, die die Enttäuschten mit allerlei nutzlosen Saint-Exúperismen einlullt, ist fester Halt teuer. Der Alltag oszilliert zwischen drögem Wertschöpfungsprozess und kleinen Injektionen aus wertlosem Hedonismus, grimmig in die Blutbahn geschossen. Wir wissen, dass uns Etwas durch die Welt trägt - ein unspezifizierter Wille, eine archaische Kraft, die den Organismus zusammenhält, und die diesem Organismus darüber hinaus den Luxus zugesteht, ein Ich-Gefühl herauszubilden. Und wo landen wir mit diesem Wissen? Bei Traum und Trugschluss und wieder beim Traum!
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| "Embrace the suck." (Bild: Brouwer: Der bittere Trank, photoshoppish verfremdet.) |
An Träume appelliert, wer Menschen bei der Achillessehne packen will. Die Arbeitgeber selektieren ihre Bediensteten neuerdings nach dem Grad an passion, dem sie ihrem Lebensentwurf widmen, unzweifelhaft und unwiderbringlich verwoben mit dem Ort, an dem sie zwei Drittel des Tages passion in Geld transformieren. Banken werben dafür, dass sie individuelle Träume und Wünsche ermöglichen. Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum! Das ist das fürchterliche Diktat, das uns post-nihilistische Rotzgören auf Facebook entgegenknirschen, aber auch süße Kalenderblätter im Tand-Shop - oder Feeling-Good-Experten in Ratgebern, auf Blogs, in Seminaren. Das Glück ist zum Greifen nahe, man müsse nur hoffen, man müsse es sich nur lang genug vorstellen, man müsse die Geschmacksknospen auf der Zunge nur lang genug bemühen, eine Illusion konstruieren, von der man dann getrost glauben kann, dass man sie Realität werden lasse. Ein ertragreicher Schamanismus. Das Geschäft mit dem Ideellen.
Scheißt auf eure Träume! Sie sind eine poetisch verkürzte Form des undankbaren Tieres in euch. Scheißt auf eure Leidenschaften! Sie gibt es nicht. Sie sind von Zufällen modifizierte Energie, lassen euch ohne Halt in einer Welt, die weit realer ist, als euch die Dampfplauderer rundum weismachen wollen. Wenn ihr arbeitet, um euch einen Traum zu erfüllen, dann seid ihr bereits im Nebel verlorengegangen: Einmal dreht sich die Welt, und fort ist einstige Klarheit des Traums. Sie lässt euch zurück mit den Schemen, die ihr geschaffen habt. Mit Arbeit, deren Frucht nicht eure ist. Mit Fähigkeiten, zum Fenster hinausgeworfen, in die nächste Grabbelkiste, zerfleddert und vergessen. Es gilt, den Träumen und Berufungen zu entsagen, um sich auf das zu konzentrieren, was ist. Es gilt, sich der Dinge zu bemächtigen, sie zu spüren, das Recht einzufordern auf das, was man tut - das Wissen einzufordern, warum man tut, was man tut! Ein Leben, das sich Träumen unterwirft, hat jede Form von Erfüllung abgeschoben. Es wird leer und selbstvergessen bleiben. Soll ich Glück nennen, was mir nur einen vagen Traumzustand an die Hand gibt? Oder nenne ich es Glück, wenn ich ausnahmweise wieder eins bin mit dem, was ich schaffe?
Träume gehören uns nicht. Aber das, was wir tun, das gehört uns.


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