Ranking in the Name of ...
02.01.12
Es heißt, der Unmut über Rating-Agenturen wachse. Wenn wir über Rating-Agenturen sprechen, meinen wir meist privatwirtschaftlich operierende Bewertungsinstanzen für den Kreditmarkt, deren Einfluss auf die Marktteilnehmer mittlerweile so enorm ist, dass sie ganze Kabinette regelmäßig in Angst und Schrecken versetzen. In einer Informationsgesellschaft™ mit ausgeprägtem Statistik-Fetisch sind die Kreditmärkte aber nicht der einzige Platz, an dem mit den verschiedensten Methoden be- und entwertet wird: So gibt es etwa für Hochschulen Rankings, in denen Universitäten und Fachhochschulen nach spezifischen Kriterien untereinander verglichen werden. Angeblich dienen sie als Entscheidungshilfe für Studienbewerber. Jetzt haben Kommunikationswissenschaftler der Uni Münster gezeigt, dass die Ergebnisse dieser Rankings vor allem bei der Drittmittelvergabe und bei interner Hochschulpolitik eine große Rolle spielen. Wer hätte das gedacht.
Unternehmen, die Forschungsmittel an bestimmte Universitäten vergeben, orientieren sich vor allem an der Reputation dieser Universitäten. Die Reputation wird ihrerseits aus den Hochschul-Rankings abgelesen, auch wenn, zumindest nach Meinung der Münsteraner Wissenschaftler, zu bezweifeln ist, dass Rankings adäquat die Forschungsreputation von Universitäten wiedergeben. Je nach Bewertungsmethode kann ein Ranking immerhin anders ausfallen. Wie kann man sich da auf dem Drittmittelmarkt richtig informieren? Wie objektiv sind diese Rankings, gemessen an dem Einfluss, den sie auf Abiturienten, Studenten, Hochschulräte und Wissenschaftler ausüben? Die Methoden der Rankings, sowohl in der Informationsaufarbeitung wie auch -bereitstellung, stehen nicht erst seit gestern in der Kritik. Dem bekanntesten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) etwa wird vorgeworfen, es setze die Stichprobengröße seiner Studien zu klein an. Parameter im Ranking wähle man willkürlich. Angesichts des Vertrauens, das man diesen Rankings entgegenbringt, ist das ein, sagen wir mal, ernüchternder Verdacht.
Und doch sind Rankings allgegenwärtig. Sie sind ein Phänomen unserer Zeit. Rankings bzw. Ratings verstehen sich als Instanzen der Informationsdiffusion, also der Streuung von Information auf Märkten, wobei der Begriff "Markt" hier sehr allgemein gefasst ist. Am Beispiel der Hochschule zeigt sich, dass Uni-Rankings vor allem in der besagten Drittmittelanwerbung und für potenzielle Bewerber bedeutsam sind. Die Wertungsinstanz soll gewährleisten, dass Marktteilnehmer genug Informationen haben, um effizient am Markt operieren zu können. Das ist aber solang nur ein feuchter Traum der Mikroökonomie, wie nicht gewährleistet ist, dass die Informanten wissenschaftlich, gewissenhaft und wissenschaftlich gewissenhaft arbeiten. Wie unangenehm ist da die Tendenz der Bewertungsinstanzen zur Technokratie – denn alle, die sich auf solchen Märkten bewegen, vertrauen blind ihren Informationsangeboten. Der Technokrat findet in sein Amt, indem er genug Leute findet, die an bestimmte Regeln glauben. Unter anderem an Regeln, die er selbst aufgestellt hat.
Im Wissenschaftsbereich führt diese Entwicklung dazu, dass man der Mechanik eines sogenannten „Wissensmarktes“ folgt, der selbst so undurchsichtig ist wie seine Bezeichnung. Wie unschuldig wirkt da der Wunsch nach Wissenszuwachs - nach Verstehen. Wer Unis und Institute publik bewertet, hat indirekt Macht über Millionen Euro Fördergeldern, über Schnittstellen von Wissenschaft und Wirtschaft, über die Verwirklichung von vielleicht bedeutsamen Forschungsprojekten – eine verantwortungsvolle Bürde. Sie verlangt nach Kompetenz. Sind aber Rating-Agenturen und Rankings, egal ob von Forschungsinstituten oder in zweitklassigen Magazinen veröffentlicht, kompetent in dem, was und wie sie bewerten und vergleichen? Wie unabhängig bzw. unbestechlich sind sie? Sind sie vor allem macht-kompetent?
Besonders interessant ist die Dynamik, in der solche Märkte entstehen, und wie ihre Teilnehmer gewisse Regeln internalisieren – um sich dann zu wundern, dass auf dem Weg dahin etwas vom früheren Wissenschafts- und Fortschrittsbegriff verlorengegangen ist. Wenn anerkannte Wissenschaftler zwielichtigen Rankings genauso hinterherlaufen wie verunsicherte Abiturienten und gewinnmaximierende Investoren, dann hat sich an der Motivation der Beteiligten, verglichen mit der Forschungswelt vergangener Epochen, etwas geändert.
Ich behaupte, dieser Trend greift in vielen Bereichen unseres Lebens drastisch durch. Sind wir kompetent genug, um seine Entwicklung so zu ändern, dass er nicht uns ändert?

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