Gracián und sein Oraculo - Ein Abschluss

30.01.12

Wird Zeit, das Projekt Gracián endlich abzuschließen. Die 300 Sentenzen des Oraculo sind übersetzt. In den folgenden Tagen werde ich noch die Projektseite überarbeiten - aus Gründen der Übersicht und so. Ansonsten fehlt nun eigentlich nur noch ein uninspirierter Essay über Graciáns kleine Spruchsammlung. Der folgt jetzt.

Gracián y son Oraculo - Ein vergessener Weltliterat und sein Poesiealbum

"Sentir con los menos y hablar con los más. El sentir es libre, no se puede ni debe violantar; retirase al sagrado de su silencio."
Das ist hochgradig gracianisch und rät dir sinngemäß: Sei ein diskreter Motherfucker. Der Leitspruch des Oraculo-Autors? Überprüfen wir's.

Wie auf dem Bild unschwer zu erkennen ist,
schrieb Gracián mit so viel Power, dass er sich
beim Schreiben kaum am Stuhl festhalten konnte.
Balthasar Gracián stammt aus dem aragonischen Zaragoza, Jahrgang 1601. Studiert in Toledo (letras, logica, filosofia). In Calatayud zunächst als Theologe, Priester und Lateinpauker aktiv, bindet er sich 1632 per Gelübde an den Jesuitenorden und wird Philosophiedozent. Der Orden versetzt ihn in den 1640er Jahren nach Valencia, wo er - wahrscheinlich aus Langeweile - Briefe aus der Hölle dechiffriert (kein Scheiß!) und als militanter Diener Gottes Angriffe auf das von den Franzosen besetzte Lerida koordiniert. 1647 veröffentlicht er sein Handorakel der Weltklugheit, im Laufe der 1650er Jahre folgt unter Anderem sein berühmter Kritikon, ein späthumanistischer Roman, der in seiner satirischen Schärfe an Erasmus von Rotterdams Lob der Torheit erinnert. Gracián bekommt wegen seiner unorthodoxen Publikationen Ärger mit den Jesuiten, die ihn bis zu seinem Tod (1658) nur teilweise rehabilitieren.

Gracián wird bis heute unter dem Etikett Moraltheologe geführt. Das wirft allerdings ein falsches Licht auf seine bemerkenswerte Gedankenfreiheit und lehafte Rhetorik. In der Tat ist er ein Bindeglied zwischen Europas großen Stilisten und Menschenbeobachtern, wozu auf der einen Seite Montaigne und Machiavelli gehören, auf der anderen Seite Charaktere wie Schopenhauer und Nietzsche. Vom Essayisten Montaigne erbt Gracián die unsystematischen Werkstrukturen. Was die Stilistik seiner Aphorismen betrifft, haben sich Schopenhauer, der die erste ernstzunehmende deutsche Übersetzung des Orakels vornahm, und vor allem Nietzsche bei ihm bedient. Mit Machiavelli verbindet Gracián vor allem die Art und Weise, wie er die eherne Tugend der prudentia (Klugheit) abhandelt. Während Machiavelli in seinen Werken die Klugheit zum Leitstern der Staatsräson erklärt, richtet Gracián sogar das einzelne Individuum, als Fürst seiner selbst, auf diesen Fixstern aus. Dazu gehört, hinreichend dargelegt im Orakel, eine disziplinierte Lebenstaktik humanistischer Prägung; sie mutet ganz und gar nicht moraltheologisch an. Gracián leitet nicht etwa aus theologisch fundierten Prinzipien seine Sentenzen ab: Er schöpft aus dem Erfahrungsschatz der antiken Meisterdenker – und eines Meisters namens Alltag. Dieser offener Blick wird auch der Grund für Konfrontationen zwischen Gracián und seinem Orden gewesen sein. Dass die Maximen des Oraculos allzu oft von der christlichen Ethik abweichen, dürfte nicht schwer zu erkennen sein.

Erwähnter Schopenhauer war es, der die bekannteste deutsche Übersetzung des Handorakels lieferte. Wer sich mit Schopenhauers Parerga und Paralipomena, moralischen Aphorismensammlungen, auskennt, wird sofort die Einflüsse Graciáns erkennen. Es heißt, Schopenhauer dämpfte in seiner Übersetzung die abenteuerliche Rhetorik des spanischen Originals; der charakteristische Aufbau der einzelnen Kleinstkapitel sei jedoch bewahrt worden. Im Original und in Schopenhauers Übersetzung beginnt jeder Paragraph mit einer komprimierten Maxime, die im Weiteren erläutert wird – ein Konzept, das ich bei meiner Übertragung nicht berücksichtigt habe. Auch die parataktische Struktur der Absätze, d.h. die Aneinanderreihung ähnlich aufgebauter Sätze zu stilistischen Zwecken, habe ich, wenn überhaupt, nur unbewusst übernommen. Mir ging es nur um eine Anpassung der Sentenzen an heutige Urteilsgewohnheiten - und um meine ungehaltene Schnauze.

Was ist also noch zum Orakel zu sagen? Es behandelt literarisch hochwertig eine Sonderform des stoischen Menschenideals: Graciáns Lehrsätzen liegt die Idee eines gesellschaftlichen Menschen zugrunde, der die eigene Persönlichkeit im bunten Durcheinander seiner (sozialen) Umwelt kultiviert; mit einem hohen Maß an Reflexion und Einfühlungsvermögen. Die wichtigsten Stichworte sind in diesem Zusammenhang Zurückhaltung, Vorsicht, Kalkül – Diskretion. Zweifelsohne zeigt sich auch am Oraculo, wie man Menschen manipulieren kann, seinen Vorteil wahrt, in der Gesellschaft schauspielert. Gracián zeichnet ein gleichzeitig interessantes, ehrliches, wie auch ernüchterndes Bild vom klugen Menschen.
Graciáns Ratschläge haben Generationen von Europäern geprägt. Reicht das, um sie als zeitgemäß erachten zu können? Ich halte es mit George Sand, die einmal in etwa sowas sagte: Der Mensch des Jahres 3000 wird uns zwar in mancher Hinsicht voraus sein, aber die idiotischen Probleme im Zwischenmenschlichen, die bleiben ihm erhalten. So erweist sich das Handorakel als hohe Literatur, zeitlos in seinen Beschreibungen und eindrucksvoll in seiner ambitionierten Arbeit am Menschen.

1 Anmerkungen:

Anonym hat gesagt…

Kannst du ein PDF-draus machen und mir schicken? gez wilken

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