Der Autor als Zombie? - Zur Rezeption von Texten in Weblogs
06.01.12
Als 2010 Helene Hegemanns Debütroman Axolotl Roadkill erschien und seinen Weg in die deutschen Feuilletons fand, wurden Werk und Autorin schnell und umfassend zur "Sensation" (FAZ) erklärt. Rezensenten feierten Hegemann für ihren authentischen und "wütenden Adoleszenzroman", der etwas "unerhört Neues" darstelle. Der Schriftsteller Kai Meyer stellte dazu fest: "Weiblich, jung, blond, aus dem hehren Umfeld des Berliner Kulturbetriebs – das hat ausgereicht, sie zum kleinen Genie zu stilisieren." (1) Der Genius war in den Literaturdiskurs zurückgekehrt. Hurra.
Dann stellte sich heraus, dass Hegemann Teile ihres Romans von einem Berliner Blogger namens Airen abgeschrieben hatte, was für Verlegenheit und Konfusion unter den Rezensenten sorgte. Eine Debatte über Hegemanns Motive und das "Plagiieren in der Literatur" ließ nicht lang auf sich warten. Das Feuilleton hatte so in sich ein neues, seitenfüllendes Thema induziert – nur Eines tat es daraufhin nicht: Sich auf Airen und sein Werk konzentrieren, auch dort den Genius suchen, die Sensation finden. Hatten die Passagen aus Airens Roman und Blog dadurch, dass sie Wort für Wort übernommen und in einen neuen Zusammenhang gebettet wurden, temporär an literarischer Bedeutung gewonnen? Scheint unwahrscheinlich.
Offenbar kann der Berufsrezensent nur mit einem Autor arbeiten, der mit vollem Namen und biographischen Versatzstücken dient, die eine Einordnung und Interpretation seiner Arbeit erheblich erleichtern. Ein Blog-Autor dient meistens nicht mit derartigen Angaben. Sind seine Texte damit undurchdringlich, bedeutunglos, wertlos?
Der Literaturtheoretiker Roland Barthes vertritt in seinem 1968 veröffentlichten Aufsatz Der Tod des Autors die These, dass Texte von den Lebensumständen und der vermeintlichen Intention ihres Autors abgelöst zu betrachten seien – als ein Gewebe, an dem der Autor nur insofern entscheidend mitgewirkt hat, als er es schlicht niedergeschrieben hat. Barthes' Fokus richtet sich auf den Leser als jene Instanz im Lektüreprozess, in dem der Text sich verständlich macht und offenbart. In einem weiteren Aufsatz – Vom Werk zum Text – stellt Barthes mehrere Thesen zum Prozess der Textrezeption und -interpretation auf, die Autor und Leser in ein ambivalenteres Verhältnis zueinander stellen als es in der klassischen Hermeneutik der Fall war.
Ist dieser Ansatz der Schlüssel zu in Weblogs zugänglichen Texten?
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| "Zeitvertreib für selbstverliebte Penner." (Sinngemäß: Anton Tchechov über das Bloggen.) |
Der Vergleich zur Publikation über einen Verlag zeigt eine erste und bezeichnende Eigenschaft des Bloggens: Der Autor arbeitet meist per Pseudonym, und auch bei den Orientierung gebenden Angaben zu Leben und Werk des Autors ist man auf eine Selbstdarstellung des Bloggers angewiesen, so es überhaupt derartige Angaben gibt. Interpretationen, die sich an der Autorintention orientieren, haben damit ein nicht allzu tragfähiges Fundament für ihren kommentierenden Überbau. Schließlich ist das einzig Handfeste, was man vorliegen hat, der Text, und der erschließt sich nicht ohne den "Schöpfer" – zumindest im traditionellen Verständnis. Hier innezuhalten, die Hoffnungslosigkeit des Textzugriffs festzustellen und sich abzuwenden, wäre mehr als unbefriedigend. Ich möchte daher auf weitere Charakteristika des Bloggens eingehen, die vielleicht fruchtbarere Zugänge zu diesen Texten offenbaren.
Charakteristisch für das Bloggen – im Gegensatz zum herkömmlichen Publizieren – ist eine erweiterte Rolle des Autors als Blogger. Während die Publikationsplattform eines Bloggers – üblicherweise ein Dienst wie WordPress oder Google Blogger – dem Autor auch eine direkte Publizierendenrolle zukommen lässt, ist diese Funktion bei einer (Offline-)Publikation über einen Verlag meistens bei einer weiteren Instanz zu verorten: dem oder den Verlegenden. So trivial es klingt. Die meisten Blog-Autoren sind auch Blog-Betreiber und haben damit auch Einfluss über die Distribution ihrer Inhalte – wichtiger aber ist die Tatsache, dass über die Publikationsplattform, die den Text zugänglich macht, auch unmittelbare Kontaktaufnahmen zwischen Autor (Betreiber) und Rezipienten möglich sind.
Die Art und Weise, wie auf den literarischen Text zugegriffen wird, ist damit offener. Ich möchte zeigen, dass diese Eigenschaft von Blog-Texten einen wichtigen Beitrag dazu leistet, den Autor aus dem Fokus der Interpretation – sprich: Aufnahme des Textes und Arbeit an ihm – nehmen zu müssen.
Üblicherweise ist ein Text in Weblogs über eine Kommentarfunktion (2) direkt anzusprechen, er ist aufzunehmen, er kann weitergetragen werden und man kann den Autor unmittelbar zu einer Reaktion bringen, indem man im "Subtext der Veröffentlichung", also im Kommentarbereich, den Text thematisiert. Es ist sogar möglich, dass der Autor seine Reaktion, wenn wir es mit nicht vollendeten oder bewusst offenen Texten zu tun haben, im fortlaufenden Prozess der Texterweiterung gibt. Der Leser ist auf diese Weise stärker in den Publikationsprozess eingebunden, macht den Autor damit zuerst nur zu einem Verwalter seines Textes, der sich nach seiner Veröffentlichung in einem Austausch mit der Leserschaft befindet. (3) (Außer er betreibt gerade die associated mess.)
Mit seiner Textveröffentlichung hat der Autor sich in einen Prozess begeben, der in seiner Unmittelbarkeit erst in einem Medium wie dem Internet ganz deutlich wird. Das Verstehen des Textes wird zu einer Form der offenen Kommunikation, in der es mindestens zwei relevante Pole gibt: Autor und Leser.
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| "Autorintention ist was für Faschos." (Sinngemäß as fuck: Roland Barthes) |
Diese Kompetenzen manifestieren sich, wenn auch in weitaus konkreterer Form als Barthes es meinte, in der Rezeption von Texten via Blogs. Dort gehen Autor, Betreiber, Plattform und Leser dieses Spiel ein und machen es darüber hinaus nachvollziehbar, indem sie sich – für jedermann sichtbar – austauschen. Autor und Leser betreiben gemeinsam und unmittelbar eine Textproduktion, die sich in den Funktionen und Strukturen der Publikationsplattform "Weblog" abzeichnet. (6)
Literarischen Texten, die in Blogs von einem nicht identifizierbaren Autor veröffentlicht werden, hermetischen Charakter zuzusprechen, ist der Ausdruck eines sehr eng gefassten Verständnisses von der Arbeit an und mit Texten. Das geschlossene Werk erweist sich gerade in einem Medium wie dem Internet als Fiktion, rückwärtsgewandter Bullshit. Die Pole von Leser und Autor interagieren auf Grundlage des Textes und mit ihm. Er verbindet sie und wird darin dynamisch.
Barthes' Verständnis des Textes als Feld der Methode, als nicht durch asymmetrische Filiation, sondern durch symmetrisches Netzwerken zustandekommenden Textzugang, als Idee des Spiels – das alles konkretisiert sich in Publikationen, die in Weblogs vorgenommen werden können. Dem Feuilleton kann das sicherlich nur ominös vorkommen, denn Platz für einen klassischen Kritiker ist in diesem Konzept nicht – dafür ist es zu sehr auf Kommunikation statt auf einfacher Exegese ausgelegt. Das macht die Methode, hinter dem Text weiterhin den Genius vorfinden zu müssen, ohne den ein Werk seine Bedeutung verliert, obsolet – allerdings muss der Tod des "Autorgottes", wie Barthes ihn nennt, auch mit dem Tod seines Pendants, des Kritikers, einhergehen, egal, ob der Kritiker ihm wohlgesonnen ist oder nicht: Und so hat der Feuilletonist durchaus das existenzielle Bedürfnis, aus dem Autor einen Zombie zu machen. Fälle wie der Helene Hegemanns nähren allerdings Zweifel an dieser Art der Textbehandlung.
Die Rezeptionsprozesse, die im Netz plastisch werden, brechen die Distanz zwischen Autor, Text und Leser und machen die Dynamik anschaulich, die dem Text innewohnt.
Dieser Prozess der Kommunikation, der sich am Text entwickelt, kann zu einem Maßstab der Textinterpretation gemacht werden, mit jedem neuen Zugriff, jeder neuen Rekursion.
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(1) Kölner Stadtanzeiger, Schriftsteller zum Fall Hegemann
(2) Unter den Voraussetzungen, dass der Autor/Blogger eine Kommentarfunktion aktiviert hat und auf seine kommentierenden Leser eingeht. Diese Voraussetzungen sind meistens erfüllt, denn die Publikation via Blog wird eigentlich gerade wegen des kommunikativen Aspekts gewählt.
(3) Es wäre sogar nicht abwegig, den Autor als gleichberechtigtes Mitglied in der Diskussion zu betrachten. Ihn grenzen lediglich seine funktionalen Rechte von den Kommentatoren ab. Sicherlich aber verliert er den Status des "Unnahbaren", der dem Autor bisweilen zugewiesen wird.
(4) Barthes, Roland. Der Tod des Autors. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Herausgegeben von Fotis Jannidis et al Stuttgart: Reclam, 2000, S. 192
(5) Barthes, Roland. Vom Werk zum Text. In: Kunsttheorie im 20. Jahrhundert. Bd. 2. Herausgegeben von Charles Harrison und Paul Wood. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2003, S. 1163
(6) Damit ist gemeint, dass Autor und Leser den bereits vorliegenden Text aufnehmen, internalisieren und ergänzen, d.h. ihn zur Diskussionsgrundlage machen, klären, ihn in neue Kontexte bringen und dergleichen mehr.



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