an associated mess verabschiedet sich - von 2011

24.12.11

Wie unschwer zu erkennen ist, halten mich gerade andere Dinge als die mess in Atem. Meine Pläne sind aber unverändert: Zum neuen Jahr wird das Gracián-Projekt abgeschlossen, worauf die große Umstrukturierung des Blogs beginnt. Bis dahin wünsche ich den Leuten, die zu dieser Jahreszeit in einem Anflug nervenzerfetzender Langeweile die mess aufsuchen und das hier lesen, exorbitante Feiertage und einen gelungenen Start in ein neues Jahr, das mit Ungewissheit beginnt und dennoch mit Ernüchterung zu enden wissen wird.

Ihr treu ergebener,
Milan Schwarz,
[Großmeister des Ordens der Dampfplauderei / Durch die akademische Philosophie zertifizierter Fabulant]

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'Spezielle' Gracián-Studien (XXV)

16.12.11

(231) Du bist ein schöpferischer Mensch? Glückwunsch. Dann konzentriere dich bitte auf die Fertigstellung deiner Werke, anstatt sie schon jetzt zu verklären! Die Schönheit des Schöpfungsprozesses - des Unvollkommenen - gehört allein dem Schöpfer. Erst das vollendete Ergebnis seiner Arbeit kann er mit legitimem Stolz unter die Leute bringen.

(232) Weise sein ist schon ganz nett. Aber zum Überleben ist wohl nur noch Dummheit hinderlicher. Wenn du also nicht ausgenommen werden willst, während du gerade in irgendwelchen erdfernen Sphären schwebst, dann erlerne die Geheimnisse der Trickster und Abzocker. Nicht, um ihren Charakter anzunehmen, sondern um ihre Methoden zu kennen. Erleichtert den Alltag.

(233) Jeder Mensch denkt und wertet anders. Klingt nicht nach der allergrößten Überraschung, zugegeben. Aber hast du dich je gefragt, warum du bei der einen Person ankommst, bei der anderen nicht? Weil du bei Letzterer nicht den Ton angeschlagen hast, der zur wohlwollenden Resonanz führt! Verstehe, wie der Andere tickt, und passe ihm deinen Tonfall, deine Worte, deine Gedanken und deine Präsenz im Gespräch an.

(234) Wenn du Spiele mit der Ehre treibst, so brauchst du Sicherheiten, ansonsten ist sie bald futsch. Sobald du mit jemandem zu tun hast, der durch irgendwelche Umstände über Teile deiner Ehre verfügt, musst du dafür sorgen, dass du wiederum über seine verfügst. Daher auch der Rat, nur mit Leuten von Ehre zu verkehren - weil ihr Gewissen die Fünf-Sterne-Garantie für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist.

(235) Du brauchst wieder was, um das du jemanden bitten musst? Dann lerne die Kunst der Bitte! Sie verfolgt simple Prinzipien: Nie bei schlechter Laune um Gefallen bitten! Nie um Gefallen bitten, wenn Andere kurz vorher mit der gleichen Bitte abgeblitzt sind! Nie um Gefallen bitten, wenn die Person gerade seine halbe Familie bei einem Kreuzfahrtunglück verloren hat! Alles notiert? Jetzt kannst du schnorren wie ein Profi.

(236) Du hast jemanden an der Angel, der dir einen spezifischen Gefallen erfüllen will? Jetzt ein anderer Trick: Zeige dem, der diesen Gefallen erbringen will, was für ein Hecht er ist - dass er einfach nichts falschen machen kann. Warum dieses Rumgedudel? Weil sich dein Gegenüber jetzt umso konzentrierter um die Ausführung dieses Gefallens bemühen muss. Schließlich will er nicht als überschätzt dastehen. Im Weiteren wird der Fokus von dir genommen: Es ist nicht mehr von Interesse, wie du den Gefallen einmal vergelten wirst, sondern, was dein temporärer Diener aus seiner Aufgabe macht!

(237) Wenn du in die Geheimnisse Mächtigerer eingeweiht wirst, stehst du mit einem Bein im Grab. Die Fürsten - auch die 'Fürsten' unserer Zeit - haben, eben weil sie auch nur Menschen sind, den Drang, irgendwem ihr Herz auszuschütten. Wenn der Zufall, der bekanntlich immer wieder mal ein Flachwichser sein kann, dich zu diesem Geheimnishüter macht, weißt du um pikante Informationen. Wirklich Mächtige werden das langfristig nicht zulassen, auch wenn sie sich aus freien Stücken bei dir um Kopf und Kragen geredet haben. Sie werden dich ausschalten. Daher: Es nie soweit kommen lassen. Taub werden für diese Art von Geheimnissen.

(238) Was jeden von uns menschlich macht ist unsere Unvollkommenheit. Auch du entbehrst einer spezifischen Eigenschaft, die dich zurückwirft. Vielleicht entbehrst du eines Knackarsches. Vielleicht hast du den Antrieb eines Findlings. Oder bist schlicht unterbelichtet. Diese fehlende Eigenschaft zu kennen, heißt, ihr durch Disziplin und Gewohnheit beizukommen. Ärsche können geformt werden, Findlinge verschoben - Lichter aufgedreht werden!

(239) Man kann an allem zu viel haben. Wer zuviel Verstand hat und nicht auf ihn aufpasst, wird zum Clown, indem er aus Allem einen lehrhaften oder sarkastischen Disput macht. Er selbst hält das für cool, aber jeder Andere wird ihn zum Kotzen finden.

(240) Klug zu Dummen zu sprechen ist, zumindest unter empathischen Kriterien, völliger Hirnschiss. Unter Dummen kommst du nur weiter, wenn du den Dummen spielst. Unter Klugen musst du differenzierter handeln. Je nachdem, was du beabsichtigst, wird es sich anbieten, klug mit den Klugen zu reden - oder auch dort den Dummen zu spielen. Denk daran: Wer den Dummen spielen kann, hat sich selbst ein befriedigendes Maß Klugheit bewiesen. Sag dir das, wenn du den Dummen mimst und dir deine Eitelkeit in den Text quatschen will.

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'Spezielle' Gracián-Studien (XXIV)

12.12.11

(221) Some men just want to watch the world burn. Die Gescheiterten können die größten Menschen mit sich reißen. Sie haben alles verloren, haben ihre Sach' auf Nichts gestellt. Sie sind zu meiden. Einer der Ihren zu werden ist wie ein Sprung in eine Gruft ohne Boden.

(222) Vom Herz zur Zunge ist es nicht allzu weit. Wer den Stoiker mimt und das ehrenwerte Stummsein beherrscht, der beherrscht auch, was er von sich preisgibt. Das geübte Fressehalten ist zuerst ein Mittel zur Selbstbeherrschung. Danach wird es zum Zeichen eines wachen Verstandes, der die Umtriebe der eigenen Innereien zu kontrollieren versteht.

(223) Die kleinen und niedlichen Eigenarten, die jeder Mensch an sich hat, sind meistens weder klein noch niedlich, sondern legitime Zielscheiben von Spott und Verachtung. Ob es nun das Bäuerliche im Betragen, die penetrante Visage oder sonstige 'Gaben' sind: Wenn sie nicht zu ändern sind, solltest du sie zumindest nicht öffentlich preisen. Bei Eigenarten, die man sich angewöhnen kann, gilt einfach, dass du sie dir schlichtweg nicht angewöhnst.

(224) Es klingt abgedroschen, aber es ist eine toughe Lebensregel: Erkenne in jeder Situation das Vorteilhafte. Du wirst sicher schon wegen Ereignissen herumgeplärrt haben, die dir im Endeffekt weitere Unannehmlichkeiten erspart - oder neue Möglichkeiten eröffnet - haben. Jeder Umstand hat zwei Seiten, und während es Leute gibt, die noch im Garten Eden über die Luftfeuchtigkeit jammern würden, gibt es Andere, die einfach grimmig hinnehmen, was da so kommt. Sie wissen um den Vorteil jeder Erfahrung, ohne sich dabei zwangsläufig Illusionen hinzugeben. Das sollte dein Ziel sein.

(225) Selbsterforschung ist beizeiten unangenehmer als in Abwassersysteme zu steigen. Das Ziel von Expeditionen in die eigenen Abgründe ist die Kenntnis der ureigensten dunkelsten Seite. Du willst blind in ihr wandern können, um sich ihrer zu bemächtigen. Du wirst aus diesen Untersuchungen gezeichnet zurückkehren, aber klüger und mächtiger.

(226) Wer klug und geschickt ist, der ist es meist auch in Gesellschaft. Er spielt dort bisweilen den entgegekommenden Diener, den Demütigen, den Behilflichen. Der Zweck dieses speziellen gesellschaftlichen Umgangs ist es, über ein Portfolio von Menschen zu verfügen, das in unterschiedlichsten Situationen Ertrag bringt: Wer sich bei allen genehm gemacht hat, hat sich ihrer Dienste und Fähigkeiten bemächtigt. Er beschafft sich helfende Hände, indem er ihnen zuvor Futter in die Pranken schmeißt.

(227) Um ein aktuelles Ereignis zu durchdringen, reicht es nicht, den ersten Bericht vernommen zu haben. Überprüfe alles, wovon du liest, oder was man dir sagt, oder was du aufschnappst: Das Erste, was man zu einer neuen Sache hört, ist meistens lächerlich unvollkommen. Darauf zu bauen ist dumm und zieht unangenehme Konsequenzen nach sich.

(228) Das Lästern ist eine durch und durch unwürdige Angelegenheit. Nicht nur beteiligt man sich an nicht allzu feingeistigen Jokes gegenüber Abwesenden - man gefährdet auch seinen eigenen Ruf. Wer sich zum Laster-Experten macht, wird bald nur noch mit Schmutz assoziiert. Ein guter Beobachter hat einmal protokolliert: 'Die gemeinsten Menschen reden meistens nur über ... Menschen.'

(229) Alles im Leben hat seine richtige Zeit. Man muss ein Feeling dafür bekommen. In jungen Jahren solltest du dir den Schwachsinn reingezogen haben, den die Toten dir hinterlassen haben. Wozu? Selbsteinsicht. In mittleren Jahren trittst du nun selbst in diese meschugge Welt und versagst dort kläglich. Wozu? Um es getan zu haben. Zuletzt, in den späten Jahren, kannst du zurückblicken, reflektieren, Ergebnisse verarbeiten, deine Meditationen weitergeben. Wozu? Damit dieser Kreislauf bestehen und immerhin irgendwas in der Welt der Menschen bleibt, das Konstanz ausstrahlt.

(230) Wir gehen durch dieses Leben, glauben es wahrzunehmen und einen Plan zu verfolgen. Ist das so? Hüpfen wir nicht von einer Seifenblase zur nächsten? Der Verständige ist sensibel gegenüber den kurzen Momenten von Wahrheit, der Wahrheit der sterilen, erdrückenden Art der Dinge, wie sie sind. Benutze deine Sinne, anstatt in ihren Strängen zu hängen, und du wirst ein bisschen Klarheit finden.

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'Spezielle' Gracián-Studien (XXIII)

08.12.11

(211) Die Welt ist Zyklen unterworfen, und wirklich Neues wird sie nicht mehr bieten. Du solltest mit einer gehörigen Portion Ausgeglichenheit durch diese wechselhaften Phasen wandern. Behalte den guten Ausgang im Blick; mache dich nicht abhängig von den Launen der Ereignisse!

(212) Wenn du Zeit deines Lebens tatsächlich mal ein Meister irgendeines Fachs werden solltest, wäre es reine Verschwendung, deine Befähigungen maßlos unter die Leute zu schmeißen. Der ökonomische Einsatz großer Taten und Werke dient immer dazu, deine Überlegenheit zu wahren und den bisweilen lehrreichen Effekt deiner Werke bei den Menschen zu sichern. Wer das Kaninchen aus dem Hut zaubert, ist ein Magier. Wer allzu schnell seine Tricks preisgibt, ist kein Magier mehr.

(213) Vielleicht kennst du diese Menschen, die unlautere Absichten hinter verschwurbelten Worten verstecken - hinter Andeutungen und schwer verständlichen Thesen. Der schlaue Mensch - der du ja bist - bedient sich des methodischen Zweifels, um die ominösen Geheimnisse seines Gegenübers offenzulegen. Hake bei irgendwelchen Behauptungen einfach nach, verwirf sie nach Belieben! Gib dich nicht mit Symbolen, die keine sind, zufrieden, auch wenn du ihren Zweck längst durchschaut hast. An der richtigen Stelle gestichelt, kannst du sicherlich einige Verlogenheiten entlocken.

(214) Jeder von uns fuckt hin und wieder gehörig ab. Kommt in den besten Familien vor. Zu einer ausgemachten Blödheit wird's erst, wenn du den Fehler begradigen willst und dabei gleich den nächsten ingangsetzt. Noch schlimmer ist es, den Fehler schönzureden, als sei er gar keiner gewesen: Das ist einfach nur armselig. Darum nimms gelassen, wenn dir im Eifer des Gefechts ein Maleur passiert - halte dich nicht damit auf!

(215) Wir haben bereits dargelegt, dass das Spiel mit fremden Absichten ein kunstvolles Mittel ist, heimlich eigene Interessen zu bedienen. Jetzt ist darauf hinzuweisen, dass du all deine Aufmerksamkeit dafür aufwendest, derartige Listen zu durchschauen - du bist ja nicht der/die Einzige mit dem Wissen um sie. Verinnerliche ihre Methodik, um sie bei Anderen wiederfinden zu können.

(216) Verbessere deinen sprachlichen Ausdruck - mündlich wie schriflich. Versuche dich klar und lebendig auszudrücken. Wo es passt, kannst du auch mal herumorakeln, denn das ist originell, und die Leute stehen auf Originalität. Zu viele Rätsel sollten dir allerdings nicht über die Lippen kommen: Entweder rühmt man dich dann für Zigeunertalente - oder man hält dich für jemanden, der seine fehlenden Kenntnisse über einen Sachverhalt durch milchige Botschaften verschleiert.

(217) Ewigkeit ist keine Referenz für das Menschliche - und erst recht nicht fürs Zwischenmenschliche. Freunde können Feinde werden, Feinde können Freunde werden! Reite dich nicht mit mythischen Gelöbnissen und Pakten in eine Scheiße, deren Volumen du nicht kalkulieren kannst.

(218) Egomanie wird mal zur großen Krankheit, mal zur großen Philosophie des 21. Jahrhunderts erklärt. Fest steht nur, dass egomanisches Verhalten gehörig auf die Nüsse gehen kann und nicht von der allergrößten Einsicht zeugt. Lass' dir also nichts von deinem Ego diktieren. Es klingt komisch, aber es will nicht immer das Beste für dich. Zwing' dich, den (zugegebenermaßen) käsigen Sentenzen der Einsicht zu lauschen: Sie schleusen dich an bösen Abgründen vorbei.

(219) Wie wir gesehen haben, tust du gut daran, Verstellung zu üben. Der Haken: Die Verstellung darf nicht offenbar werden. Wichtige Regel: Die Verstellung einsetzen, um dich vor irgendwelchen abgekarteten Spielen zu schützen, nicht aber, um damit selbst auf die Pirsch zu gehen. Sie ist also 'n bisschen so zu handhaben wie Kampfsport. Du solltest zuletzt als ein Mensch gelten, der einsichtig ist und weiß, wovon er redet und was er tut. Der Ruf des Intriganten mag speziellen Persönlichkeiten schmeicheln ... Aber ganz ehrlich? Auch der charmanteste Intrigant bleibt in den Augen der Öffentlichkeit ein Wichser.

(220) Zwei Kraftstoffe tragen dich durch die Welt: Der Saft der Cojones und die Grütze unter der Schädeldecke. Oder weniger ominös: Mut und Cleverness! (Wobei Letztere noch ein Stückchen zweckdienlicher ist.)

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Spiele und Bildung

Das "Schach-Wunderkind" Magnus Carlsen habe ich vor Kurzem in einem Interview aussagen sehen, dass es für den Erfolg im Schachspiel darauf ankommt, die größtmögliche Menge an Mustern, Bildern und Motiven in den Spielsituationen erkennen zu können. Ich ergänze ihn um die These, dass diese Fähigkeiten in ausnahmslos jedem Spiel zum Erfolg führen. Jetzt wird mancher sagen, dass Schach ein Spiel ist, bei dem es nicht auf Zufall (Glück) ankommt, sodass die Vertrautheit mit der Spieldynamik natürlich wichtig ist - muss man aber, so wird er weiterfragen, Muster kennen, um etwa beim Glücksspiel zu gewinnen?
Hängt etwas ganz und gar vom Zufall ab, so ist es kein Spiel. Die trivialste Regel - und Regelmäßigkeit - reicht, um eine Spielsituation zu konstituieren, und auch sogenannte Glücksspiele sind Spiele, weil sie, egal wie rudimentär, Regeln zur Grundlage haben. Wo das Spiel erstmal initiiert ist, kommt man als Mitspieler nur weiter, wenn man einen Sinn für das Wiederkehrende im Spiel hat. Für seine spezifischen Sequenzen und Konsequenzen.
Spiel' zwanzig Mal Doppelkopf und du hast einen ersten Einblick in die Spielmechanik. Nach 200 Runden kannst du ordentliche Soli spielen, treffsicher ansagen, kennst gängige Taktiken, hast Sicherheit in Bezug auf die Richtung, in die eine Spielrunde einschlägt. Nach 2000 Partien spielst du quasi mit Maximalausbeute deines Blatts; du kannst Spielzüge sehr genau lesen. Und so ab 20000 Partien spielst du das Spiel nur noch mit dir selbst: was immer deine Mitspieler - ob Anfänger oder Profi - spielen, du wirst die gesamte Tragweite der Züge verstehen und adäquat darauf reagieren können. Wie der Protagonist in Zweigs Schachnovelle tauchst du dann in die Tiefen des Spiels hinab. Und wo spielt sich das ab? Im Bewusstsein!
So verhält es im Grunde mit allen Handlungen unter Spielbedingungen. Wo gewisse Regeln und Regelmäßigkeiten ein kohärentes Ganzes bilden, internalisieren wir ganz von selbst die Kenntnis seiner spezifischen Muster und Motive. Gewinnen werden wir meistens erst dann, wenn wir uns bewusst mit ihnen auseinandersetzen. Wichtiger noch ist das Bewusstsein dann, wenn wir über ein Spiel hinauswollen: Indem wir über umfassendste Kenntnis der Spieldynamik Distanz zur Spielsituation gewinnen. Das beginnt in der Art und Weise, wie man 'sich selbst im Spiel' betrachtet und versteht.

Wenn man dieses Verfahren des Distanzierens konsequent weiterführt, Spielebene um Spielebene, von Monopoly bis zur Menschheitsgeschichte und weiter, und das, ohne zwangsläufig aus dem Ganzen auszusteigen, so nennt man das Ergebnis Bildung.

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Wissensmanagement

06.12.11

In einem Zeitalter der Information wähnen wir uns als Manager des Wissens. Unser Wissensbegriff ist ein pathologischer, funktionalistischer. Unter den Gesichtern deiner Nächsten sind keine wissenden Mienen. Ihre Mienen sind voller Sorge um die Unwissenheit, die sie nicht verdrängen können.

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Besatzung vorerst vertagt

Zugegeben, oft war ich nicht im Protestcamp der Occupy-Bewegung, Münsteraner Abteilung. Seit dem 12. November kampieren die Aktivisten jetzt am Servatiiplatz; zum kommenden Sonntag wollen sie ihr Lager freiwillig räumen. Die Meldung wird erst morgen die Runde machen - und, was eigentlich bedauerlich ist, kaum für Aufsehen sorgen. Die meisten Münsteraner haben wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt, dass es dieses Camp gibt. Will man es ihnen verdenken? Schließlich haben die Synapsen der Leute auch allerhand zu tun, wenn sie in der Innenstadt Weihnachtsgeschenke - für sich und ihre (zwangsläufig) Lieben - aus den Läden reißen.

Einmal war ich aus reiner Neugier im Camp. Das war ganz am Anfang der Geschichte, abends in einer Scheißkälte. Man trank Tee, sie hatten einen irischen Protestsänger dabei. In anderen Städten ging Occupy derweil auf die Barrikaden, in Münster besann man sich auf einen sanften, fast warmen Protest. Wohlfühl-Agitation. (Trotz Scheißkälte.)
Letzte Woche war ich wegen meiner Tätigkeit beim Campusradio noch einmal vor Ort: Es war wenig los, aber die Leute wirkten zuversichtlich. Der Aktionismus war sehr offen, fast herzlich. Wurde ihnen das berechtigterweise zum Vorwurf gemacht? Vielleicht ist es dieses gelassene Vertrauen gewesen - Vertrauen in die Verantwortung der Aktivisten, in ihren Glauben an die Sache und in die Solidarität innerhalb der Bewegung -, das ihr Ende einleitete. Offiziell wird es heißen, denke ich, dass die Aktivisten das Lager auflösen, weil die Unterstützung fehlt, die nötig ist, um so ein Camp zusammenzuhalten. Aber ich kenne andere Geschichten, fast erbärmliche, die ich nicht veröffentlichen will. Es wird heißen, die Bewegung wolle auch in Münster präsent bleiben, auch ohne Camp, wolle weiterhin Bewusstsein stiften, Austausch anregen, Alternativen zu den politischen Verhältnissen diskutieren. Scheiße, sollen sie ihr Ding doch durchziehen!

Wenn ich das Thema bei Kommilitonen anspreche, blickt mir die personifizierte Irritation entgegen. Die meisten halten die Protestierenden für Penner, Bummler, Junkies oder Spinner. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, wofür Occupy sich einsetzt. Ich weiß nicht, ob ich es schon verstanden habe. Ich weiß nicht, ob Occupy es versteht. Die Synapsen, die Synapsen ...

Heute lese ich auf Telepolis von neuen Neurosen jen- und diesseits des Rheins. Jeden Tag sausen mir neue Spalten und Protokolle entgegen, in der Ideologien und gekränkte Selbstbilder miteinander ringen, panische Kraftmeierei betreiben - Protokolle, die ein politisches Scheitern in Europa offenbaren. Wann folgt das menschliche Scheitern, keine hundert Jahre nach der letzten großen Katastrophe? Denke ich über das Gelesene nach, so werde ich zornig, denke dann für mich: Warum bist du kein Okkupant? Im Radio plaudern sie derweil über die Ökonomik, und geben dort die einfachsten Zusammenhänge falsch wieder, weil sie sich an der Nase herumführen lassen, oder sich zumindest darauf einlassen, Andere an der Nase herumzuführen.

Zuletzt flüchte ich doch nur zur Feder, in die Bücher, zu den Aufgaben und Pflichten, dort protokolliere ich die Umstände selbst, arbeite auf die Möglichkeit hin, irgendwann selbst ins ganz große Spiel einzusteigen, um das Kartenhaus, das sie uns als öffentliche Ordnung über die Köpfe gebaut haben, mit dem sachten, aber gezielten Federstreich auseinanderfallen zu lassen. Vielleicht, um das Spiel zu beenden, vielleicht, um die Karten nur neu zu mischen. Aber das sind Träume - Träume, die eher eines Gymnasiasten würdig sind, der eitel ist und es nicht besser weiß. Wahrscheinlich sinds auch nur die Synapsen.

So ist die Besatzung vorerst vertagt. Gibt Occupy Münster damit den Trend für seine weltweiten Ableger vor? Hoffen will ich es nicht, aber der Ahnung kann ich nichts entgegnen. Wo die Aktivisten selbst nicht schlappmachen, hauen die öffentliche Ordnung oder ein paar Wüteriche die Camps auseinander.
Die Ahnung raunt mir nur zu: Age quod agis, und zu tun wird es genug geben.

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Meine 50 ct zum Shareholder Value

02.12.11

Wer Wertpapiere eines Unternehmens hält und so als Anteilseigner (Shareholder) fungiert, verspricht sich davon zuvorderst die nette Dividende: Was man dem Unternehmen an Kapital zur Verfügung stellt, soll mit einem kleinen Batzen obenauf zurückfließen. Das primäre Interesse des Anteilseigners ist damit der Profit, und das ist legitim. Und problematisch.
Der Vermögenswert eines Unternehmens errechnet sich aus den Werten seiner Aktienkurse, die mit der Anzahl gehaltener Aktien multipliziert werden. Wer also der betriebswirtschaftlichen Unternehmensstrategie des Shareholder Value huldigt, konzentriert sich damit auf eine Maximierung der Aktienkurswerte - indem so auch der Wert des Unternehmens erhöht wird. Diese Form des Wirtschaftens ist in der Welt der Großen Fische trotz aller Krisen - auch des eigentlichen Werts der Unternehmerschaft an sich - der Standard. Sie hat enorme Energien in Unternehmen freigesetzt, da profitorientierte Anteilseigner Unternehmen zu Kapital verhalfen, das auf anderem Wege kaum zu erreichen gewesen wäre. Die gegenseitige Abhängigkeit von Kapitalgeber und Unternehmen hat die Welt, wie wir sie kennen, zu dem gemacht, was sie ist.
Insbesondere in der Unternehmenspolitik hat diese Entwicklung zuletzt zu einer strengen Hörigkeit gegenüber dem Anteilseigner geführt. Je fetter der Eigner, desto mehr bekocht man ihn; Stakeholder - Parteien, die in anderer Weise an eine Unternehmung gebunden sind, d.h. Arbeitnehmer, aber auch Leute, die von der Luftverschmutzung einer Firma betroffen sind - spielen nur eine untergeordnete Rolle in der Politik solcher Unternehmen. Der Erfolg des Prinzips Shareholder Value hat zu einem Ungleichgewicht zwischen dem Einfluss der Kapitalgeber und dem der Stakeholder geführt; und zu einer Kurzsichtigkeit, die nur die zwischenzeitliche Befriedigung des Anteilseigners sieht, aber den Blick für die langfristige Unternehmensentwicklung - das big picture, wenn man so will - verloren hat.

Diese Kurzsichtigkeit hat jetzt auch das Handelsblatt zum Thema gemacht. Der dazugehörige Artikel zitiert auch Alfred Rappaport, den geistigen Vater des Prinzips vom Shareholder Value. Er erkennt in den Managern die Ursache für die verbreitete Kurzsichtigkeit in den Führungsreihen der großen Unternehmen. Oder: Manager, die seine Idee des Shareholder Value nicht verstanden hätten. Ich glaube, dass Rappaport es sich da zu einfach macht. Ich glaube, dass das Prinzip des Shareholder Value schlichtweg zu einseitig ist und der Konsensus sich wieder dem Stakeholder Value nähern sollte.

Aus einer unternehmenspolitischen Sicht, so lernte ich in der BWL, sei das Prinzip des Shareholder Values dem des Stakeholder Values vorzuziehen, weil die Partei der Anteilseigner a) homogener und damit effektiver auf die Unternehmensführung einwirken könne und b) bei ihr das monetäre Risiko der Unternehmung liege. Vorausgesetzt wird dabei, dass die Stakeholder vertraglich ausreichend abgesichert seien, und so unterm Strich alles Übrige dem Shareholder Value 'unterworfen' werde. Abgesehen davon, dass Stakeholder nur in Modellwelten vertraglich adäquat abgegolten werden, ist die vertragstheoretische Argumentation nicht überzeugend.
Dass das monetäre Risiko der Anteilseigner in irgendeiner Weise gewichtiger als das Risiko der Stakeholder - zum Beispiel durch mögliche Entlassung von Arbeitnehmern in wirtschaftlich schwierigen Zeiten -, erscheint nicht einleuchtend. Und dass Anteilseigner ein gemeinsames Ziel - die Erhöhung des Kurswertes eines Unternehmens - verfolgen und damit gezielt den Vorstand kontrollieren können, ist ein funktionalistisches Argument ohne irgendeinen sinnvollen Inhalt, außer dem stillen Bedürfnis, Managern nicht allzuviel Wahlfreiheit zuzustehen. (Und obwohl sie diese de facto kaum haben, stehen sie immer wieder als Sündenböcke da.)

Dass Shareholder eine wichtige Funktion übernehmen und einem Unternehmen zum Erfolg verhelfen, indem sie längerfristig durch ihre Anteile investieren, bleibt unbestritten. Aber das Goldene Kalb des Aktienkurses führt dazu, dass Anteilseigner - nicht nur, aber gerade die großen Fische, die Großaktionäre - oft nur kurz und sprunghaft in Anteile investieren, um möglichst schnell Profit anzuhäufen. Sie können Unternehmen gar als Geißel nehmen, üben Druck auf und über den Aufsichtsrat aus, geben vor, ein Unternehmen wettbewerbsfähiger machen zu wollen, ruinieren es aber langfristig gesehen. Manager, die ebenso wie das Unternehmen selbst unter diesem Einfluss stehen, werden so zu Gehetzten eines Kultes, der das aufbauende Element der Investition gegen das destruktive Element rücksichtsloser Profimaximierung eingetauscht hat.

Und das ist ein Problem.

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'Spezielle' Gracián-Studien (XXII)

01.12.11

(201) Zu wissen, dass man einen Scheißdreck weiß: Das ist das Wissen des Weisen.

(202) Ordne zuerst deine Gedanken; du wirst Ordnung benötigen, um sinn- und ruhmvolle Sätze zu sprechen. Dein ganzes Augenmerk muss aber deinen Taten gelten. Sie wirken länger als deine Worte, bestätigen sie aber, gewichten sie - und zeugen zuletzt von deinem gesunden Verstand: Denke viel, rede gut, und handle danach!

(203) Jede Zeit hat ihre vollendeten Persönlichkeiten. Meistens sind das Leute, die nur für eine Qualität gerühmt werden; aber das reicht ja für mittelfristigen Ruhm. Du solltest einen scharfen Sinn für dasjenige entwickeln, was den Großen einer Zeit vom Durchschnitt abhebt. Vielleicht wirst du selbst das Große anpeilen - zumindest aber wirst du dich nicht von Anmaßungen und aufgeplusterten Mittelmäßigkeiten verarschen lassen.

(204) Auch die leichteren Aufgaben des Lebens verdienen unsere Aufmerksamkeit. Zu denken, sie erledigten sich von selbst, deutet darauf hin, dass du sie vermasseln wirst. Wirklich schwierige Aufgaben sollte man degegen ungezwungen angehen, ansonsten erdrücken sie dich.

(205) Du solltest Ignoranz kalkuliert einsetzen können. Es ist nicht erst seit gestern ein Sport der Ehrgeizigen, allem Großen hinterherzulaufen - oder es wenigstens vehement zu bekämpfen -, um an seiner Größe teilzuhaben. Geschenkt, dass das ein widerlicher Sport ist. Wer Dinge, die unerreichbar sind, oder widerwärtige Rivalen zu missachten weiß, demonstriert eine grimmige Überlegenheit, die nicht ohne Wirkung bleibt.

(206) Wer glaubt, Spacken nur in der Gosse antreffen zu können, oder im Mittagsprogramm von RTL, der ist wahrscheinlich selbst ein Spacken. Spacken sind klassenlos, du wirst auch im Buckingham Palace allerhand Spacken vorfinden. Schlimmer als einfache Spacken sind die Bekämpfer der Spacken - man kann sie Konter-Spacken nennen -, die die Verhaltensweisen der Spacken adaptieren, um sie bloßzustellen und sich selbst als Anti-Spacken darzustellen. Du siehst also: Spack ist allgegenwärtig. Man muss ihn zu ertragen wissen.

(207) Erhabene Gleichgültigkeit und ein maßvolles Verhalten schützen vor den Unachtsamkeiten, die aus Leidenschaften herrühren. Das ist eine Frage der Disziplin, und diese Disziplin darf niemals vernachlässigt werden: Eine emotional bedingte Unbedachtheit kann eintausend genau kalkulierte Schritte über den Haufen werfen.

(208) Die größte Gefahr des klugen Menschen ist seine Klugheit. Gedankenreiche Menschen überleben das Volumen ihres Geistes oft nicht: Sie sterben wie Idioten, mit dem Unterschied, dass Idioten wenigstens arglos dahinleben können. Und so leben die Einen, weil sie Trottel sind, und andere sterben wie Trottel, eben weil sie keine sind.

(209) Neben persönlich-privaten Eigenheiten, denen man so verfallen kann, gibt es auch gefährliche allgemeine Hirnrissigkeiten. Sie sollte man natürlich meiden wie das Weihwasser. Was ist so eine allgemeine Hirnrissigkeiten? Vergangenes unverhältnismäßig loben. Neid. Sich Illusionen hingeben. Und dergleichen mehr.

(210) Die Lüge ist keine Option - das haben wir jetzt ein paar mal herausgestellt. Wie geht man nun mit einem Arschloch wie der Wahrheit um? Sie kann, wenn man sie mitteilt, sehr wehtun. Daher ist es unabdingbar, sie in Worte, Andeutungen, vielleicht sogar in Stummheit einzubetten. Auf diese Weise kann die Wahrheit, je nachem, wie man sie einsetzen möchte, Menschen adeln oder in den Dreck ziehen.

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