'Spezielle' Gracián-Studien (XXIV)
12.12.11
(221) Some men just want to watch the world burn. Die Gescheiterten können die größten Menschen mit sich reißen. Sie haben alles verloren, haben ihre Sach' auf Nichts gestellt. Sie sind zu meiden. Einer der Ihren zu werden ist wie ein Sprung in eine Gruft ohne Boden.
(222) Vom Herz zur Zunge ist es nicht allzu weit. Wer den Stoiker mimt und das ehrenwerte Stummsein beherrscht, der beherrscht auch, was er von sich preisgibt. Das geübte Fressehalten ist zuerst ein Mittel zur Selbstbeherrschung. Danach wird es zum Zeichen eines wachen Verstandes, der die Umtriebe der eigenen Innereien zu kontrollieren versteht.
(223) Die kleinen und niedlichen Eigenarten, die jeder Mensch an sich hat, sind meistens weder klein noch niedlich, sondern legitime Zielscheiben von Spott und Verachtung. Ob es nun das Bäuerliche im Betragen, die penetrante Visage oder sonstige 'Gaben' sind: Wenn sie nicht zu ändern sind, solltest du sie zumindest nicht öffentlich preisen. Bei Eigenarten, die man sich angewöhnen kann, gilt einfach, dass du sie dir schlichtweg nicht angewöhnst.
(224) Es klingt abgedroschen, aber es ist eine toughe Lebensregel: Erkenne in jeder Situation das Vorteilhafte. Du wirst sicher schon wegen Ereignissen herumgeplärrt haben, die dir im Endeffekt weitere Unannehmlichkeiten erspart - oder neue Möglichkeiten eröffnet - haben. Jeder Umstand hat zwei Seiten, und während es Leute gibt, die noch im Garten Eden über die Luftfeuchtigkeit jammern würden, gibt es Andere, die einfach grimmig hinnehmen, was da so kommt. Sie wissen um den Vorteil jeder Erfahrung, ohne sich dabei zwangsläufig Illusionen hinzugeben. Das sollte dein Ziel sein.
(225) Selbsterforschung ist beizeiten unangenehmer als in Abwassersysteme zu steigen. Das Ziel von Expeditionen in die eigenen Abgründe ist die Kenntnis der ureigensten dunkelsten Seite. Du willst blind in ihr wandern können, um sich ihrer zu bemächtigen. Du wirst aus diesen Untersuchungen gezeichnet zurückkehren, aber klüger und mächtiger.
(226) Wer klug und geschickt ist, der ist es meist auch in Gesellschaft. Er spielt dort bisweilen den entgegekommenden Diener, den Demütigen, den Behilflichen. Der Zweck dieses speziellen gesellschaftlichen Umgangs ist es, über ein Portfolio von Menschen zu verfügen, das in unterschiedlichsten Situationen Ertrag bringt: Wer sich bei allen genehm gemacht hat, hat sich ihrer Dienste und Fähigkeiten bemächtigt. Er beschafft sich helfende Hände, indem er ihnen zuvor Futter in die Pranken schmeißt.
(227) Um ein aktuelles Ereignis zu durchdringen, reicht es nicht, den ersten Bericht vernommen zu haben. Überprüfe alles, wovon du liest, oder was man dir sagt, oder was du aufschnappst: Das Erste, was man zu einer neuen Sache hört, ist meistens lächerlich unvollkommen. Darauf zu bauen ist dumm und zieht unangenehme Konsequenzen nach sich.
(228) Das Lästern ist eine durch und durch unwürdige Angelegenheit. Nicht nur beteiligt man sich an nicht allzu feingeistigen Jokes gegenüber Abwesenden - man gefährdet auch seinen eigenen Ruf. Wer sich zum Laster-Experten macht, wird bald nur noch mit Schmutz assoziiert. Ein guter Beobachter hat einmal protokolliert: 'Die gemeinsten Menschen reden meistens nur über ... Menschen.'
(229) Alles im Leben hat seine richtige Zeit. Man muss ein Feeling dafür bekommen. In jungen Jahren solltest du dir den Schwachsinn reingezogen haben, den die Toten dir hinterlassen haben. Wozu? Selbsteinsicht. In mittleren Jahren trittst du nun selbst in diese meschugge Welt und versagst dort kläglich. Wozu? Um es getan zu haben. Zuletzt, in den späten Jahren, kannst du zurückblicken, reflektieren, Ergebnisse verarbeiten, deine Meditationen weitergeben. Wozu? Damit dieser Kreislauf bestehen und immerhin irgendwas in der Welt der Menschen bleibt, das Konstanz ausstrahlt.
(230) Wir gehen durch dieses Leben, glauben es wahrzunehmen und einen Plan zu verfolgen. Ist das so? Hüpfen wir nicht von einer Seifenblase zur nächsten? Der Verständige ist sensibel gegenüber den kurzen Momenten von Wahrheit, der Wahrheit der sterilen, erdrückenden Art der Dinge, wie sie sind. Benutze deine Sinne, anstatt in ihren Strängen zu hängen, und du wirst ein bisschen Klarheit finden.

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