'Spezielle' Gracián-Studien (XXIII)

08.12.11

(211) Die Welt ist Zyklen unterworfen, und wirklich Neues wird sie nicht mehr bieten. Du solltest mit einer gehörigen Portion Ausgeglichenheit durch diese wechselhaften Phasen wandern. Behalte den guten Ausgang im Blick; mache dich nicht abhängig von den Launen der Ereignisse!

(212) Wenn du Zeit deines Lebens tatsächlich mal ein Meister irgendeines Fachs werden solltest, wäre es reine Verschwendung, deine Befähigungen maßlos unter die Leute zu schmeißen. Der ökonomische Einsatz großer Taten und Werke dient immer dazu, deine Überlegenheit zu wahren und den bisweilen lehrreichen Effekt deiner Werke bei den Menschen zu sichern. Wer das Kaninchen aus dem Hut zaubert, ist ein Magier. Wer allzu schnell seine Tricks preisgibt, ist kein Magier mehr.

(213) Vielleicht kennst du diese Menschen, die unlautere Absichten hinter verschwurbelten Worten verstecken - hinter Andeutungen und schwer verständlichen Thesen. Der schlaue Mensch - der du ja bist - bedient sich des methodischen Zweifels, um die ominösen Geheimnisse seines Gegenübers offenzulegen. Hake bei irgendwelchen Behauptungen einfach nach, verwirf sie nach Belieben! Gib dich nicht mit Symbolen, die keine sind, zufrieden, auch wenn du ihren Zweck längst durchschaut hast. An der richtigen Stelle gestichelt, kannst du sicherlich einige Verlogenheiten entlocken.

(214) Jeder von uns fuckt hin und wieder gehörig ab. Kommt in den besten Familien vor. Zu einer ausgemachten Blödheit wird's erst, wenn du den Fehler begradigen willst und dabei gleich den nächsten ingangsetzt. Noch schlimmer ist es, den Fehler schönzureden, als sei er gar keiner gewesen: Das ist einfach nur armselig. Darum nimms gelassen, wenn dir im Eifer des Gefechts ein Maleur passiert - halte dich nicht damit auf!

(215) Wir haben bereits dargelegt, dass das Spiel mit fremden Absichten ein kunstvolles Mittel ist, heimlich eigene Interessen zu bedienen. Jetzt ist darauf hinzuweisen, dass du all deine Aufmerksamkeit dafür aufwendest, derartige Listen zu durchschauen - du bist ja nicht der/die Einzige mit dem Wissen um sie. Verinnerliche ihre Methodik, um sie bei Anderen wiederfinden zu können.

(216) Verbessere deinen sprachlichen Ausdruck - mündlich wie schriflich. Versuche dich klar und lebendig auszudrücken. Wo es passt, kannst du auch mal herumorakeln, denn das ist originell, und die Leute stehen auf Originalität. Zu viele Rätsel sollten dir allerdings nicht über die Lippen kommen: Entweder rühmt man dich dann für Zigeunertalente - oder man hält dich für jemanden, der seine fehlenden Kenntnisse über einen Sachverhalt durch milchige Botschaften verschleiert.

(217) Ewigkeit ist keine Referenz für das Menschliche - und erst recht nicht fürs Zwischenmenschliche. Freunde können Feinde werden, Feinde können Freunde werden! Reite dich nicht mit mythischen Gelöbnissen und Pakten in eine Scheiße, deren Volumen du nicht kalkulieren kannst.

(218) Egomanie wird mal zur großen Krankheit, mal zur großen Philosophie des 21. Jahrhunderts erklärt. Fest steht nur, dass egomanisches Verhalten gehörig auf die Nüsse gehen kann und nicht von der allergrößten Einsicht zeugt. Lass' dir also nichts von deinem Ego diktieren. Es klingt komisch, aber es will nicht immer das Beste für dich. Zwing' dich, den (zugegebenermaßen) käsigen Sentenzen der Einsicht zu lauschen: Sie schleusen dich an bösen Abgründen vorbei.

(219) Wie wir gesehen haben, tust du gut daran, Verstellung zu üben. Der Haken: Die Verstellung darf nicht offenbar werden. Wichtige Regel: Die Verstellung einsetzen, um dich vor irgendwelchen abgekarteten Spielen zu schützen, nicht aber, um damit selbst auf die Pirsch zu gehen. Sie ist also 'n bisschen so zu handhaben wie Kampfsport. Du solltest zuletzt als ein Mensch gelten, der einsichtig ist und weiß, wovon er redet und was er tut. Der Ruf des Intriganten mag speziellen Persönlichkeiten schmeicheln ... Aber ganz ehrlich? Auch der charmanteste Intrigant bleibt in den Augen der Öffentlichkeit ein Wichser.

(220) Zwei Kraftstoffe tragen dich durch die Welt: Der Saft der Cojones und die Grütze unter der Schädeldecke. Oder weniger ominös: Mut und Cleverness! (Wobei Letztere noch ein Stückchen zweckdienlicher ist.)

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