Meine 50 ct zum Shareholder Value

02.12.11

Wer Wertpapiere eines Unternehmens hält und so als Anteilseigner (Shareholder) fungiert, verspricht sich davon zuvorderst die nette Dividende: Was man dem Unternehmen an Kapital zur Verfügung stellt, soll mit einem kleinen Batzen obenauf zurückfließen. Das primäre Interesse des Anteilseigners ist damit der Profit, und das ist legitim. Und problematisch.
Der Vermögenswert eines Unternehmens errechnet sich aus den Werten seiner Aktienkurse, die mit der Anzahl gehaltener Aktien multipliziert werden. Wer also der betriebswirtschaftlichen Unternehmensstrategie des Shareholder Value huldigt, konzentriert sich damit auf eine Maximierung der Aktienkurswerte - indem so auch der Wert des Unternehmens erhöht wird. Diese Form des Wirtschaftens ist in der Welt der Großen Fische trotz aller Krisen - auch des eigentlichen Werts der Unternehmerschaft an sich - der Standard. Sie hat enorme Energien in Unternehmen freigesetzt, da profitorientierte Anteilseigner Unternehmen zu Kapital verhalfen, das auf anderem Wege kaum zu erreichen gewesen wäre. Die gegenseitige Abhängigkeit von Kapitalgeber und Unternehmen hat die Welt, wie wir sie kennen, zu dem gemacht, was sie ist.
Insbesondere in der Unternehmenspolitik hat diese Entwicklung zuletzt zu einer strengen Hörigkeit gegenüber dem Anteilseigner geführt. Je fetter der Eigner, desto mehr bekocht man ihn; Stakeholder - Parteien, die in anderer Weise an eine Unternehmung gebunden sind, d.h. Arbeitnehmer, aber auch Leute, die von der Luftverschmutzung einer Firma betroffen sind - spielen nur eine untergeordnete Rolle in der Politik solcher Unternehmen. Der Erfolg des Prinzips Shareholder Value hat zu einem Ungleichgewicht zwischen dem Einfluss der Kapitalgeber und dem der Stakeholder geführt; und zu einer Kurzsichtigkeit, die nur die zwischenzeitliche Befriedigung des Anteilseigners sieht, aber den Blick für die langfristige Unternehmensentwicklung - das big picture, wenn man so will - verloren hat.

Diese Kurzsichtigkeit hat jetzt auch das Handelsblatt zum Thema gemacht. Der dazugehörige Artikel zitiert auch Alfred Rappaport, den geistigen Vater des Prinzips vom Shareholder Value. Er erkennt in den Managern die Ursache für die verbreitete Kurzsichtigkeit in den Führungsreihen der großen Unternehmen. Oder: Manager, die seine Idee des Shareholder Value nicht verstanden hätten. Ich glaube, dass Rappaport es sich da zu einfach macht. Ich glaube, dass das Prinzip des Shareholder Value schlichtweg zu einseitig ist und der Konsensus sich wieder dem Stakeholder Value nähern sollte.

Aus einer unternehmenspolitischen Sicht, so lernte ich in der BWL, sei das Prinzip des Shareholder Values dem des Stakeholder Values vorzuziehen, weil die Partei der Anteilseigner a) homogener und damit effektiver auf die Unternehmensführung einwirken könne und b) bei ihr das monetäre Risiko der Unternehmung liege. Vorausgesetzt wird dabei, dass die Stakeholder vertraglich ausreichend abgesichert seien, und so unterm Strich alles Übrige dem Shareholder Value 'unterworfen' werde. Abgesehen davon, dass Stakeholder nur in Modellwelten vertraglich adäquat abgegolten werden, ist die vertragstheoretische Argumentation nicht überzeugend.
Dass das monetäre Risiko der Anteilseigner in irgendeiner Weise gewichtiger als das Risiko der Stakeholder - zum Beispiel durch mögliche Entlassung von Arbeitnehmern in wirtschaftlich schwierigen Zeiten -, erscheint nicht einleuchtend. Und dass Anteilseigner ein gemeinsames Ziel - die Erhöhung des Kurswertes eines Unternehmens - verfolgen und damit gezielt den Vorstand kontrollieren können, ist ein funktionalistisches Argument ohne irgendeinen sinnvollen Inhalt, außer dem stillen Bedürfnis, Managern nicht allzuviel Wahlfreiheit zuzustehen. (Und obwohl sie diese de facto kaum haben, stehen sie immer wieder als Sündenböcke da.)

Dass Shareholder eine wichtige Funktion übernehmen und einem Unternehmen zum Erfolg verhelfen, indem sie längerfristig durch ihre Anteile investieren, bleibt unbestritten. Aber das Goldene Kalb des Aktienkurses führt dazu, dass Anteilseigner - nicht nur, aber gerade die großen Fische, die Großaktionäre - oft nur kurz und sprunghaft in Anteile investieren, um möglichst schnell Profit anzuhäufen. Sie können Unternehmen gar als Geißel nehmen, üben Druck auf und über den Aufsichtsrat aus, geben vor, ein Unternehmen wettbewerbsfähiger machen zu wollen, ruinieren es aber langfristig gesehen. Manager, die ebenso wie das Unternehmen selbst unter diesem Einfluss stehen, werden so zu Gehetzten eines Kultes, der das aufbauende Element der Investition gegen das destruktive Element rücksichtsloser Profimaximierung eingetauscht hat.

Und das ist ein Problem.

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