Spiele und Bildung
08.12.11
Das "Schach-Wunderkind" Magnus Carlsen habe ich vor Kurzem in einem Interview aussagen sehen, dass es für den Erfolg im Schachspiel darauf ankommt, die größtmögliche Menge an Mustern, Bildern und Motiven in den Spielsituationen erkennen zu können. Ich ergänze ihn um die These, dass diese Fähigkeiten in ausnahmslos jedem Spiel zum Erfolg führen. Jetzt wird mancher sagen, dass Schach ein Spiel ist, bei dem es nicht auf Zufall (Glück) ankommt, sodass die Vertrautheit mit der Spieldynamik natürlich wichtig ist - muss man aber, so wird er weiterfragen, Muster kennen, um etwa beim Glücksspiel zu gewinnen?
Hängt etwas ganz und gar vom Zufall ab, so ist es kein Spiel. Die trivialste Regel - und Regelmäßigkeit - reicht, um eine Spielsituation zu konstituieren, und auch sogenannte Glücksspiele sind Spiele, weil sie, egal wie rudimentär, Regeln zur Grundlage haben. Wo das Spiel erstmal initiiert ist, kommt man als Mitspieler nur weiter, wenn man einen Sinn für das Wiederkehrende im Spiel hat. Für seine spezifischen Sequenzen und Konsequenzen.
Spiel' zwanzig Mal Doppelkopf und du hast einen ersten Einblick in die Spielmechanik. Nach 200 Runden kannst du ordentliche Soli spielen, treffsicher ansagen, kennst gängige Taktiken, hast Sicherheit in Bezug auf die Richtung, in die eine Spielrunde einschlägt. Nach 2000 Partien spielst du quasi mit Maximalausbeute deines Blatts; du kannst Spielzüge sehr genau lesen. Und so ab 20000 Partien spielst du das Spiel nur noch mit dir selbst: was immer deine Mitspieler - ob Anfänger oder Profi - spielen, du wirst die gesamte Tragweite der Züge verstehen und adäquat darauf reagieren können. Wie der Protagonist in Zweigs Schachnovelle tauchst du dann in die Tiefen des Spiels hinab. Und wo spielt sich das ab? Im Bewusstsein!
So verhält es im Grunde mit allen Handlungen unter Spielbedingungen. Wo gewisse Regeln und Regelmäßigkeiten ein kohärentes Ganzes bilden, internalisieren wir ganz von selbst die Kenntnis seiner spezifischen Muster und Motive. Gewinnen werden wir meistens erst dann, wenn wir uns bewusst mit ihnen auseinandersetzen. Wichtiger noch ist das Bewusstsein dann, wenn wir über ein Spiel hinauswollen: Indem wir über umfassendste Kenntnis der Spieldynamik Distanz zur Spielsituation gewinnen. Das beginnt in der Art und Weise, wie man 'sich selbst im Spiel' betrachtet und versteht.
Wenn man dieses Verfahren des Distanzierens konsequent weiterführt, Spielebene um Spielebene, von Monopoly bis zur Menschheitsgeschichte und weiter, und das, ohne zwangsläufig aus dem Ganzen auszusteigen, so nennt man das Ergebnis Bildung.

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