Besatzung vorerst vertagt
06.12.11
Zugegeben, oft war ich nicht im Protestcamp der Occupy-Bewegung, Münsteraner Abteilung. Seit dem 12. November kampieren die Aktivisten jetzt am Servatiiplatz; zum kommenden Sonntag wollen sie ihr Lager freiwillig räumen. Die Meldung wird erst morgen die Runde machen - und, was eigentlich bedauerlich ist, kaum für Aufsehen sorgen. Die meisten Münsteraner haben wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt, dass es dieses Camp gibt. Will man es ihnen verdenken? Schließlich haben die Synapsen der Leute auch allerhand zu tun, wenn sie in der Innenstadt Weihnachtsgeschenke - für sich und ihre (zwangsläufig) Lieben - aus den Läden reißen.
Einmal war ich aus reiner Neugier im Camp. Das war ganz am Anfang der Geschichte, abends in einer Scheißkälte. Man trank Tee, sie hatten einen irischen Protestsänger dabei. In anderen Städten ging Occupy derweil auf die Barrikaden, in Münster besann man sich auf einen sanften, fast warmen Protest. Wohlfühl-Agitation. (Trotz Scheißkälte.)
Letzte Woche war ich wegen meiner Tätigkeit beim Campusradio noch einmal vor Ort: Es war wenig los, aber die Leute wirkten zuversichtlich. Der Aktionismus war sehr offen, fast herzlich. Wurde ihnen das berechtigterweise zum Vorwurf gemacht? Vielleicht ist es dieses gelassene Vertrauen gewesen - Vertrauen in die Verantwortung der Aktivisten, in ihren Glauben an die Sache und in die Solidarität innerhalb der Bewegung -, das ihr Ende einleitete. Offiziell wird es heißen, denke ich, dass die Aktivisten das Lager auflösen, weil die Unterstützung fehlt, die nötig ist, um so ein Camp zusammenzuhalten. Aber ich kenne andere Geschichten, fast erbärmliche, die ich nicht veröffentlichen will. Es wird heißen, die Bewegung wolle auch in Münster präsent bleiben, auch ohne Camp, wolle weiterhin Bewusstsein stiften, Austausch anregen, Alternativen zu den politischen Verhältnissen diskutieren. Scheiße, sollen sie ihr Ding doch durchziehen!
Wenn ich das Thema bei Kommilitonen anspreche, blickt mir die personifizierte Irritation entgegen. Die meisten halten die Protestierenden für Penner, Bummler, Junkies oder Spinner. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, wofür Occupy sich einsetzt. Ich weiß nicht, ob ich es schon verstanden habe. Ich weiß nicht, ob Occupy es versteht. Die Synapsen, die Synapsen ...
Heute lese ich auf Telepolis von neuen Neurosen jen- und diesseits des Rheins. Jeden Tag sausen mir neue Spalten und Protokolle entgegen, in der Ideologien und gekränkte Selbstbilder miteinander ringen, panische Kraftmeierei betreiben - Protokolle, die ein politisches Scheitern in Europa offenbaren. Wann folgt das menschliche Scheitern, keine hundert Jahre nach der letzten großen Katastrophe? Denke ich über das Gelesene nach, so werde ich zornig, denke dann für mich: Warum bist du kein Okkupant? Im Radio plaudern sie derweil über die Ökonomik, und geben dort die einfachsten Zusammenhänge falsch wieder, weil sie sich an der Nase herumführen lassen, oder sich zumindest darauf einlassen, Andere an der Nase herumzuführen.
Zuletzt flüchte ich doch nur zur Feder, in die Bücher, zu den Aufgaben und Pflichten, dort protokolliere ich die Umstände selbst, arbeite auf die Möglichkeit hin, irgendwann selbst ins ganz große Spiel einzusteigen, um das Kartenhaus, das sie uns als öffentliche Ordnung über die Köpfe gebaut haben, mit dem sachten, aber gezielten Federstreich auseinanderfallen zu lassen. Vielleicht, um das Spiel zu beenden, vielleicht, um die Karten nur neu zu mischen. Aber das sind Träume - Träume, die eher eines Gymnasiasten würdig sind, der eitel ist und es nicht besser weiß. Wahrscheinlich sinds auch nur die Synapsen.
So ist die Besatzung vorerst vertagt. Gibt Occupy Münster damit den Trend für seine weltweiten Ableger vor? Hoffen will ich es nicht, aber der Ahnung kann ich nichts entgegnen. Wo die Aktivisten selbst nicht schlappmachen, hauen die öffentliche Ordnung oder ein paar Wüteriche die Camps auseinander.
Die Ahnung raunt mir nur zu: Age quod agis, und zu tun wird es genug geben.

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