Warum studierst du das, Wirtschaftswissenschaft und Philosophie?
09.11.11
Eine Frage, die man mir oft stellt, und, wenn man mir sie nicht stellt, mit einer Miene vermeintlicher Ahnung verschweigt.
Ich habe mir vor meiner Immatrikulation einmal eingeredet, in ein elektrisierendes Reich verborgener Synergieeffekte zwischen dem leichtfüßig Geistigen der Philosophie und dem geerdeten Kalkül der Ökonomie einzutreten. Das war vielleicht etwas poetisch ausgemalt. Das Elektrische bleibt: Nur zuckt es mich an anderen Arealen des Frontallappens.
Viele Studenten halten es für ein Unding, dass man ihre Studien stets vor dem Hintergrund des späteren Berufsfelds einschätzt. Lästiger ist es, als Person über das Studienfach identifiziert zu werden. Das wird schon dadurch fehlerhaft, weil die Leute nicht wissen, womit etwa Mathematiker oder Sozialpädagogen sich eigentlich auseinandersetzen, aber sehr genau zu wissen glauben, was sein Fach mit dem Menschen gemein hat und umgekehrt.
Daher erkläre ich immer, dass ich sowohl Wirtschaft als auch Philosophie aus pragmatischer Motivation studiere, und nicht etwa, weil ich ein Kaufmann, politischer Reformer oder Weiser unterm Feigenbaum bin. Das bringt mich natürlich in Misskredit bei den speziellen Philistern, die das Bohéme für sich entdeckt haben, sich vormittags aber vor irgendwelche Institutionen stellen und skandieren, dass die Universität ihr Bedürfnis nach Bildung nicht befriedige.
Also: Ich ward Student aus Pragmatik. Was heißt das?
Bei der Wirtschaft beginne ich. Hier ist der Fall klar. Seit jeher gilt das Studium der Wirtschaft – sogar an den Universitäten – als der Fachbereich der praktischen Vernunft. Das ist natürlich eine Provokation für jeden, der sich mit Vernunft und ihrer Anwendung einmal ernsthaft auseinandergesetzt hat. Doch die ökonomische Methode birgt einfache Vorzüge, beizeiten sogar clevere Züge, und das in Verbindung mit ihrer Allgegenwärtigkeit macht es so wichtig, sie ernstzunehmen und genau zu studieren. Das universitäre Krämerwesen (und ihre Philosophie, die Ökonomik) hat seit den letzten großen Klüngeleien der 68er deutlich an Einfluss gewonnen. Nicht nur in der Universität. Unternehmer regieren die materielle Welt – Ökonomen machen sich an den übrigen Qualitäten zu schaffen.
Der Vorteil dieser Studien, der jetzt nicht nur in den Berufen, sondern sogar in den Diskursen zum Tragen kommt, spielt für mich die entscheidende Rolle. Aufgrund des Primats der Ökonomie und sich verschiebender Deutungshoheit in Politik und Wissenschaft fällt es leicht, auch intellektuell in dieses Fach zu investieren. Zumindest leichter als in die x-te Kulturtheorie.
Und Philosophie? Auch diese Studienfachwahl war pragmatisch, so seltsam der Satz klingt. Gerade unter pragmatischen Gesichtspunkten rät man jemandem, mit dem man es gut meint, von der akademischen Philosophie meist ab.
Ich will eigentlich nur analytisches Denken trainieren. Mehr steckt hinter dem Studium nicht. Argumentieren lernen. Strukturiertes Denken, das ich nach Belieben wieder verwirbeln kann. Vor allem ist das Philosophiestudium ein Studium des Stils – in mündlichem und schriftlichem Vortrag – und damit ein Studium der Form, das seine Inhalte nicht aus den Büchern, sondern aus dem wirklichen Erlebnis bezieht. Philosophie handelt, tobt und rumort überall - mit Recht! Tot und damit zu sezieren ist sie nur in der Universität. Und da zerrüttet sie einem auch nicht das Gemüt.
Der Philosophiestudent ist selten ein Liebhaber der Wahrheit, ganz gleich, was er als Motivation für seine Studien angibt. Er ist ein verschollener Sentimentalist, der nach einem Resonanzraum für seine verkopfte Daseinsinterpretation sucht. Das ist erstmal nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Allerdings sind Seminardiskussionen somit meistens ein Austausch von Vorurteilen - heißer Luft, die als schneidende Böen intellektueller Redlichkeit verkauft wird. Viel Wind um nichts, und das beschränkt sich nicht einmal auf die unteren Semester. Da bläst einem noch in den Fußnoten des besten Gelehrten ein eitler Furz nach dem Anderen entgegen.
Ich habe per se nichts gegen diese luftigen Debatten. Manchmal fächern sie einem wirklich interessante Gedanken zu. Aber die Anmaßung einer unvoreingenommenen, vernünftigen Darlegung der Dinge, die manche Studiosi - und manchmal auch ihre Dozenten - für sich beanspruchen: die ist lau und peinlich.
Es ist nicht so, dass ich die philosophische Betätigung nicht liebte und mich nur aus Kalkül ihrer annähme. Das Kalkül umfasst nur die Vorzüge der akademischen Philosophie. In ihr lernt man Sophistik. Erkenntnis stellt sich, wenn überhaupt, erst jenseits der Mauern eines Methoden-Irrgartens ein, nicht jedoch zwischen heckenhohen Eitelkeiten und einem Rasenschnitt aus Minderwertigkeitskomplexen gegenüber den harten Wissenschaften.
Und mehr verbirgt sich nicht hinter meiner Studienmotivation.

3 Anmerkungen:
Die Dinge, die du über die Philosophie an der Universität schreibst, werfen ein lustiges Licht auf die tatsächliche Situation. Der Philosophiestudent ist tatsächlich nur ein verkopfter Sentimentalist, der einen Raum sucht. Das ist es. Ich musste sehr lachen. Das ist genau wie mein Buch - sentimental.
Fantastisch!
Lukas, ich möchte einen Blog mit Dir zusammen aufmachen, wo jeder - nach Eignungsfeststellung - schreiben kann.
Meld Dich doch, wenn Du lust dazu hast. Deinen Blog kann man da ja drauf verlinken.
gez. Wilken
hey wilken,
da sage ich natürlich nicht nein.
hab dir 'ne mail geschickt. alles weitere verlagern wir besser dahin.
gruß,
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