'Spezielle' Gracián-Studien (XXI)

27.11.11

(191) Du bist natürlich nicht der Erste, der erkannt hat, dass man mit einem Mindestmaß an Manieren etliche eitle Idioten umgarnen kann. Höflichkeit allein ist nur Schauspiel, das den Anderen betört, um sich seine Gunst zunutze zu machen. Vergiss das nicht, egal ob du gerade Darsteller, Regisseur oder Zuschauer bist.

(192) Es ist schon 'ne verflucht sinnige Sache, das zur Herzensangelegenheit zu machen, was dir wichtig ist. Wichtiger aber noch: Gib auf das einen Scheiß, was dich ebenselben interessiert. Gehe bedacht und schweigsam durch diese Welt. Versuch dich nicht aus Launen heraus an Dingen zu reiben, die dich sonst nie tangierten. Das macht es einfacher, nachts erholsamer zu schlummern.

(193) Bei der Auswahl an naiven Vollpfosten da draußen kann man Betrügern fast keinen Vorwurf machen.  Leute, die sich zum Advokaten des Anderen berufen fühlen, wissen genau, dass hinter dem Ganzen nur ihr eigener Vorteil liegt. Jeder, der in irgendeiner Sache eine bestimmte Absicht vorgibt, hegt nicht zwangsläufig diese Absicht. Ein hohes Maß an Erfahrung und Menschenkenntnis ist nötig, um in diesem Absichtenspiel den Überblick zu behalten.

(194) Nicht nur junge Menschen neigen zu Selbstverliebtheit und unseriösen Erwartungen an die Zukunft. Diesen Infekten begegnet das Leben, indem es den Erkrankten ganz ganz bittere Pillen verschreibt. Der Kluge beugt vor und impft sich: Er weiß realistisch einzuschätzen, was er erreichen kann - was die Umständ ihm bieten werden. Enttäuschungen werfen ihn nicht aus der Bahn. Sie sind das Ergebnis kleiner Kalkulationsfehler. Illusionen sind, wenn sie nicht völlig träumerisch sind, natürlich wichtig und nützlich. Der Sinn für das Machbare ist aber zuletzt entscheidend.

(195) Dumme hassen und polemisieren gegen Alles und Jeden - in keinster Weise verstehen sie sich selbst und das, was vor ihren Augen geschieht. Weise behandeln Alles und Jeden mit Güte und Respekt - in jedem Ding, jedem kleinsten Sachverhalt haben sie eine Eigenart, einen Weg, eine Schönheit entdeckt, und das Alles nährt ihre Einsicht in die Welt.

(196) Wir sind abhängig vom Glück, gar keine Frage. Ist es damit legitim, sein Junkie sein? Junkies dienen ihrer Droge, anstatt sie für sich selbst einzusetzen. Es ist wichtig, dass du bei dir die eine Gabe auszumachst, die dir der verdammte Kosmos einst hat zukommen lassen. Jeder hat so eine Gabe. Und wenn sie nur darin besteht, verdammt gut in Tennissocken auszusehen. Wer um diese Gabe weiß - wer weiß, wie das Glück damit verbunden ist -, wird sie zu nutzen wissen.

(197) Trottel macht man sich nicht zu Freunden und Vertrauten. Sie dienen als Erfahrungsgegenstand für die Weisheit. Ansonsten meide man den Umgang mit ihnen.

(198) Das Fremde ist überall von gleichem Reiz. Schrott, der in Land A als Schrott erkannt wird, gilt in Land B als Gold, nur weil er über drei Viertel des Planeten gekurvt ist. Zuhause weiß man, als wer und was du angefangen hast, wie grob du einst warst. In der Fremde bist du hundert Stufen weiter, genießt den Ruf des Neuen und Weitgereisten. Hier ist es ein Leichtes, vollendeten Ruhm zu ernten.

(199) Mit hübschen Manieren kannst du vielleicht im Zirkus des Zwischenmenschlichen bestehen. Aber sie sind beim besten Willen nicht hinreichend für hohes Ansehen. Auch reicht es nicht, wie ein Bauer zu ackern, sich aber entsprechend wie ein besoffener Redneck zu benehmen. Der Weg der Mitte führt zum Ziel: Harte Arbeit und sanfter Umgang!

(200) Wer schmal denkt, sieht ein Himmelreich im Leben ohne Wünsche. Aber Wünsche sind die treibende Kraft im Leben. Wünsche befeuern unseren Körper, beflügeln unseren Geist. Sie verantworten die faszinierende Dynamik allen Strebens, allen Leistens, allen Schöpfens. Wenn der verballhornte Asiate sagt, der Weg sei das Ziel, so erweist er sich da nicht etwa als Realist, der die Unerreichbarkeit des Vollkommenen konstatiert. Er hat erkannt, dass das Wunschlos-sein erst gar nicht wünschenswert ist.

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