'Spezielle' Gracián-Studien (XX)
23.11.11
(181) Lügen ist immer ein Scheißspiel, vom Standpunkt der Moral wie auch vom Standpunkt der Vernunft. Also immer die Wahrheit sagen? So viel erträgt keiner. Verschweig, was du nicht durch Lüge ersetzen willst.
(182) Menschen von Herz sind untrennbar verbunden mit den Enttäuschungen, die ihnen das Leben und die Menschen bereiten. Wer das mitmacht, antwortet den Dingen irgendwann mit Zaghaftigkeit, vielleicht auch mit Resignation. Sicher ist, dass die Welt nicht allein dem Herz gehört, aber ohne Herz alles in sich zusammenfällt. Die Naivität dieses Organs ist ein unverzichtbarer Motor. Wenn er stottert, setze alles daran, ihn wieder auf Vordermann zu bringen.
(183) Fest und unverrückbar am eigenen Standpunkt festzuhalten gilt als Zeichen von Rückgrat. Der Sensiblere aber erkennt darin Stillosigkeit. Selbst wenn du die Wahrheit auf deiner Seite hast - wer kann das schon von sich behaupten? - solltest du nicht auf die Kacke hauen. Auch du solltest dich anzuschmiegen verstehen an die Argumente seines Gegenübers. Hier geht es nicht mehr um die Wahrheit, sondern um den Takt, in dem man sie erklingen lässt.
(184) Wer aus jeder Kleinigkeit 'ne Show macht, zeigt, dass er das Event beherrscht, nicht aber die Stille. Blas' dich nicht auf. Versuch' nicht, Eindrücke zu erwecken, die du nicht bedienen kannst.
(185) Wir alle scheitern bisweilen in unseren Versuchen, irgendwas gebacken zu bekommen. Wenn auch du einmal mehr scheiterst, unternimm auf jeden Fall einen engagierten Zweitversuch. Mag er dir gelingen oder nicht: Du hast bewiesen, dass du nicht beim ersten Hindernis das Handtuch wirfst. Und der Rest liegt ohnehin in den Händen einer Göttin namens Zufall.
(186) Wie wir gesehen haben, sind auch die Menschen von Weltruhm nicht ohne ein Gebrechen, eine dunkle Seite. Es wäre unachtsam, sich von ihrem strahlenden Ruhm blenden zu lassen - denn den Fehler im Großen zu suchen und zu erkennen, heißt, einen aufschlussreichen Blick hinter seine Fassade zu fassen. Zu sehen, unter welchen widrigen Umständen dieser Mensch bewerkstelligen konnte, etwas aus sich zu machen!
(187) Du solltest Drecksarbeit auszulagern verstehen. Den großen Gönner spielen - und diese Rolle auch meinen - sollte dein Metier sein. Aber man kann in dieser Welt nicht nur Schönes und Gutes unter die Leute bringen - woanders verteilt man Zurechtweisungen ... Fausthiebe ... was dir so einfällt. Genau diese Aktionen, die notwendig sind, aber in keinem guten Ruf stehen, muss man Anderen übertragen. Denn diese werden die Ersten sein, die die Reaktion zu spüren bekommen.
(188) Besinn dich darauf, keinen hinterfotzigen Scheiß zu reden. Wenn du dich über jemanden unterhältst, der nicht zugegen ist, dann tauch deine Erzählungen über ihn in Wohlwollen. Opportunisten schmeicheln ihrem Gegenüber, indem sie beliebig die Haltungen und Meinungen abwesender Mitmenschen lächerlich machen, oder gar verurteilen. Sie spielen ein unwürdiges Spiel. Du solltest sie durchschauen lernen, ansonsten findest du dich bald selbst in ihrem Spiel wieder.
(189) Eine elegante Art und Weise, nützliche Leute an sich zu binden: ihre Sehnsüchte kennen. Wer Motivation und Leidenschaften eines Menschen kennt, kann ihn und seine Dienste für sich gewinnen; indem man die Sehnsucht bedient und die Energie, die dieser Mensch aufbringt, um sie zu erreichen, für die eigenen Ziele anzapft.
(190) Es heißt, wer ein Nichtsnutz sei, könne immerhin auf ein langes und glückliches Leben hoffen. Sein Pendant dagegen - der Wichtige - hat gleich zwei Gegner, die ihm das Wichtigsein madig machen: Das Glück scheißt ihm vor die Füße, und der Tod zieht ihn ein- bis zweimal durch eben jenen Haufen, ehe er ihn in aller Frühe mit sich nimmt.

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