'Spezielle' Gracián-Studien (XIX)

17.11.11

(171) Was hilft dir der mächtigste Gönner, wenn du seine Dienste nicht zu nutzen weißt? Richtig, 'nen Scheißdreck! (Angesichts dessen muss man sich eigentlich gleich fragen, wie du überhaupt erst zu so einem Gönner gekommen bist.) Man sagt es ungern, aber Beziehungen sind meist wichtiger als hübsche Talente. Daher ist umso wichtiger, mit Vitamin B so strategisch umgehen zu können wie mit den ganz eigenen Fähigkeiten.

(172) Alte Regel, die für alle Spiele - inklusive das Spiel des Lebens - gilt: Niemals gegen den antreten, der nichts mehr zu verlieren hat.

(173) Mitunter lohnt es sich, keine weinerliche Sissy zu sein. In übertriebenen Reaktionen auf die Mitmenschen hat sich noch jeder unglückliche Narziss entblößt. Wer dieses Verhalten mit seiner vermeintlichen Sentimentalität entschuldigt, weiß nicht, was das ist. Wer sie bei sich findet und erkennt, der trägt sie mit Ausdauer, Güte und Geduld.

(174) Entschleunigen. Unser Zeitalter zeichnet sich dadurch aus, dass immer mehr Dinge und Eindrücke immer schneller und umfangreicher verfügbar werden. Das führt naturgemäß zu einem Overload der Nerven: und so bringt uns der schönste Genuss früher oder später doch zum Kotzen. Zuletzt sind dann die Sinne stumpf. Sparsamkeit und Muße sind damit nicht einfach Tugenden. Sie sind Gebrauchsanleitungen für den eigenen Körper.

(175) Persönlichkeiten, die aus Täuschung und Betrug sprießen, sterben allzu leicht ab. Es ist eigentlich ein stilistischer Fehler, bei ihnen von "Persönlichkeiten" zu sprechen. Verschrumpeltes Unkraut ist ja auch kein gescheiterter Rosenstrauch. Der grüne Daumen lehrt: Sät Wahrhaftigkeit und ihr werdet lang und reich ernten.

(176) Nirgendwo Rat zu holen, weil man sich dabei dumm vorkommt, zeugt in der Tat von erdrückender Schwachsinnigkeit. Sich von Leuten, die was auf dem Kasten haben, auf die Sprünge helfen zu lassen: das ist kein Unvermögen. So geht man klug mit der Dummheit um!

(177) Alkohol steht in keinem hohen Kurs bei den Bedachten, weil er die Zunge lockert. Charmante und vertraute Menschen haben die gleiche Wirkung. Sie kehren Gedanken nach außen, und das ist ganz ungünstig für die Reputation. Niemand sollte sein Innenleben und damit seine Würde verscherbeln.

(178) Der beste und sicher weiseste Berater, den man ergattern kann, ist das eigene Herz. "Hör auf dein Herz!" heißt es in den Schnulzen, und zwischen dem zähen Kitsch verbirgt sich manifeste Wahrheit. Dieses Organ, das erwiesenermaßen einen eigenen Verstand besitzt, hat dich überallhin begleitet; hat mit dir gelitten und triumphiert. Es kennt dich besser als du selbst, der sich wohl bisweilen von seinen anderen Organen - besonders vom Hirn - vernebeln lässt. Hör hin! Da spricht jemand treu und klug zu dir.

(179) Schweigen ist Herrschen. Die Zunge hast du im Zaum, die Vorsicht behältst du im Blick, dein Urteil nicht zu eilig ausgesprochen. Jeder verehrt und fürchtet die Tiefen eines wirklich ruhenden Gewässers.

(180) Trick für's Spiel: Deine eigenen Züge nicht nach dem konzipieren, was dein Gegner erwidern dürfte. Schlichtweg dumme Gegner erkennen gar nicht den Zug, der jetzt geboten wäre. Kluge führen diesen Zug ebensowenig aus - eben weil sie wissen, dass du in deiner Klugheit diesen Zug von ihnen erwartest. Setz' am Besten keine absoluten Erwartungen. Öffne deinen Geist für alle möglichen Spielzüge und treffe für alle Vorbereitungen.

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