'Spezielle' Gracián-Studien (XVIII)
11.11.11
(161) Ob Jesus, Gandhi oder der Typ, der den Anti-Kater-Cocktail entwickelt hat: Auch die vermeintlich Heiligen haben mindestens einen großen Makel. Es ist eine Meisterleistung der Selbstformung, diesen Power-Makel irgendwie zu nivellieren. Altes Hausmittel: In allen anderen Qualitäten zu was taugen. Hilft garantiert!
(162) Schlechte Verlierer stehen in keinem guten Ruf - schlechte Gewinner ebenso. Das britische Ideal der Fairness gilt als altbackener Mist für Pseudo-Aristokraten, aber wie es nunmal mit altbackenem Mist ist, stellt er für den Einsichtigen früher oder später einen wertvollen Rohstoff dar. Fairness heißt nicht allein, seinem Gegner Respekt zu zollen. Sie geht darüber hinaus: Der Faire ist sich der Tatsache bewusst, dass das Leben ein Spiel ist, und es sich einfach nicht lohnt, in dieses Spiel ungezügelte Gefühle zu investieren. Zeig die steife Unterlippe und gib' den sportsman. Oder die sportswoman.
(163) Der Nazarethener ist vielen Vorbild. Wem Gott ein Scheißblatt gedealt hat, ist also bald auf dem Mitleid der Edelmütigen gebettet. Mitleid ist edel, Hilfe tapfer - aber gefährlich. Denn das Unglück ist, wie wir vorher schon einmal festgestellt haben, ansteckend. Handle also mit Bedacht, wenn du nicht auch an ein paar Latten genagelt werden möchtest. Außer du stehst drauf. Aber das ist eine andere Sache.
(164) Es kommen Zeiten, da muss man sich an Andere wenden. Vielleicht, weil man einen Gefallen ersucht; oder Liebe. Soll ja vorkommen. Die Natur dieser Anfragen ist prekär, da sie, wenn sie abgeschlagen werden, böse wehtun können. Daher sollte der Umsichtige den Erfolg seiner Anfrage vorher genau prüfen, z.B. durch Andeutungen in einem Gespräch. Zeichnet sich Erfolg ab, kann man konkret werden. Wenn nicht, kann man die Sache immer noch ohne weitere Folgen abbrechen.
(165) Bricht die Welt zusammen, sind die Menschen verkommen, Ehre und Anstand auf alle Zeit verloren? Kein Problem, denn du hast das, was der Welt abgekommen ist, in Brust und Herz eingeschlossen. Und von dort aus kannst du das All wieder füllen.
(166) Eine Erkenntnis, auf der alle Politik fußt: Die Menschen überschätzen Worte. Worte ohne Taten sind ein wurmbefallener Apfel: Von außen ist er ansprechend, beißt man jedoch rein, springt einem ein verfaulter Kern entgegen. Man bleibt hungrig.
(167) Wer klug ist, stemmt das Schicksal leicht. Sollte dennoch einmal das große Shit-Sandwich grüßen, helfen Ausdauer, unterdrückter Ekel und guter Magen der Klugheit aus. Wer bei den kleinsten Hinderlichkeiten einknickt, wird zu keinem höheren Dasein gelangen als dem des Grashalmes. Beeindruckende Bäume sind gleichsam biegsam und stark verwurzelt.
(168) Idioten gelten insofern als Verbrecher, als sie auf eigenwillige Art und Weise die Schönheit vergewaltigen. Während sie äußerlich nicht unbedingt unappetitlich aussehen müssen (nur vielleicht dümmlich), vergehen sie sich aufs Schwerste an der Schönheit des Geistes und des Gemüts. Daher hat auch der, der das Gesicht eines Filzlappens sein Eigen nennt, solange seine Pflicht getan, wie sein Geist aus Kashmir gewoben ist.
(169) Wer das Haar in der Suppe findet, wird nicht dadurch getröstet, dass der Rest der Schüssel tatsächlich mit Brühe gefüllt ist. Was das für dich heißen soll? Wenig falsch zu machen ist wichtiger als in den meisten Dingen glänzen zu wollen.
(170) Du solltest in Allem einen Plan B haben. So windest du dich aus jeder Situation. Darüber hinaus beeindruckst du jeden, der nicht einmal über A nachgedacht hat.

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