Plattenfokus (4)
26.10.11
Seit meinem letzten Plattenfokus sind viele Monate ins Land gegangen. In dieser Zeit haben sich Oasis aufgelöst, Amy Winehouse trat dem Club 27 bei, während Johnny Cash aus dem Grab stieg. There ain't no grave that holds his body down ...
Heute geht es mir um die Neuveröffentlichungen dreier bekannterer Interpreten. Den Anfang machen Noel Gallagher und seine High Flying Birds, deren Debütalbum zuerst in den Fokus rückt. Danach lasse ich mich kurz über das neue Coldplay-Machwerk aus, um zuletzt beim großen Tom Waits innezuhalten und zu sinnieren.
Wie gesagt: Oasis sind Geschichte, zumindest vorübergehend. Aus der Kernspaltung der Gallaghers haben sich zwei neue Gruppen entwickelt: Liams Beady Eye und Noels High Flying Birds. Erstere sind leider bisher vollends an mir vorbeigegangen, dafür wanderten Letztere so schnell in meine Gehörgänge, wie ich an Material herankam.
Noel war seit jeher der musikalisch relevantere Part von Oasis. Die Hoch Fliegenden Vögel machen mit dem weiter, was er - damals noch in Oasis gebunden - mit "Dont Believe the Truth" (2005) begann. Noels Songwriting ließ dort zunehmend die härtere Gangart schleifen und besann sich auf launigere, kompositorisch und instrumentell reichhaltigere Stücke. Genau das beschreibt seine Arbeit mit den Birds: Die Opener "Everybody's On the Run" und "Dream On" kommen geladen, und doch ungezwungen daher, ehe sie in die erste Single-Auskopplung münden, "If I Had a Gun": Eine der eingängigsten und schönsten Balladen, die Noel seit langem auf einen Tonträger gehauen hat. Von dort ausgehend gäbe es noch viel mehr zu sagen. Zu den erfrischenden Blues- und Country-Anklängen im Albumverlauf, dem Stilelement gewordenen Trompeteneinsatz, und dergleichen mehr. Da ich aber nur einen kleinen Einblick gewähren möchte, soll mein Fazit an dieser Stelle reichen. "Noel Gallagher's High Flying Birds" ist eine große Platte, die lediglich dadurch etwas enttäuscht, dass Gallagher in ungewohnter Art und Weise sein Ding einfach durchziehen kann und ihm ein Gegengewicht fehlt. Das seines Bruders zum Beispiel.
Coldplay sind mittlerweile ebenso in aller Munde wie Oasis. Die ersten Alben "Parachutes" und "A Rush of Blood to the Head" rotieren bei mir immer noch regelmäßig.
Spätestens seit 2005 sind die Klänge der Anfangsphase allerdings einer rabiaten Entwicklung unterzogen worden. Mit dem Album "X & Y" wurde der Sound seinerzeit auf Stadionresonanz getrimmt, die stille Melancholie wich den großen Gefühlen und das Elektronische fand mehr und mehr Zugang zu den Kompositionen von Chris Martin und Anhang. "Mylo Xyloto" heißt der neue Langspieler. Um den Namen des Albums ranken sich sagenumwobene Geschichten, die mich alle einen feuchten Dreck interessieren. Was taugt das Neue? In vielen Teilen gar nichts, in manchen Teilen zur Erweckung von Nostalgiegefühlen. Coldplay fahren seit ihrem dritten Album eigentlich einen festen Kurs: Der große Pathos wird mit einigen Reminiszenzen an vergangene Bescheidenheit garniert, das Ganze bekommt ein geschmacklos buntes Cover – und schon steht der Wanderung in das Jamba-Sparabo nichts mehr im Wege. Daher birgt das Album Schatten und Licht. Anspieltipps sind definitiv "Us Against the World", "Major Minus" (das doch coldplay-untypisch klingt) und "U.F.O". Alles Weitere – und das betrifft im Besonderen die Kollaboration mit der allgegenwärtigen Rihanna – sind lediglich pompöse Fußnoten auf die aufgeplusterten Sounds aus "X & Y". Es hätte zu mehr reichen können.
Zuletzt die Bezugnahme auf den Gottkönig. Tom Waits veröffentlichte im Laufe dieses Monats "Bad As Me", und meldet sich damit nach knapp sieben Jahren andauernder Veröffentlichungsabstinenz zurück. Es fällt auf, dass der Meister der Gassen-, Kneipen- und Jahrmarktsmusik die Ohrmuscheln anno 2011 nicht mehr so sehr auf Spannung legt wie durch Werke à la "Real Gone". Der Sound ist smooth, in der ersten Hälfte sehr energetisch, groovy und von mysteriösen Voodoo-Zaubern belegt, die eine Parallele zu Waits Blues-Schaffensphase im exemplarischen "Heartattack and Wine" ziehen. Der Eröffnungstrack "Chicago" setzt ein rapides Tempo für Waits-Verhältnisse an, das sich aber spätestens zu "Pay Me" wieder in dem Schunkelrhythmus des Waits-Genres Katermusik angleicht, natürlich nicht ohne das obligatorische Schifferklavier. Und schon kann man wieder unerreichbaren Paralleluniversen nachweinen. Richtig rau wirds dann nur noch wieder bei "Hell Broke Luce", das mit Schmiergelpapier-Riff und besoffenem Blasmusikorchester den Weg zum Albumausgang weist. Mit "New Year's Eve" schließt Waits das Jahr akkordeonisch-besinnlich ab, und der Hörer stellt rückblickend fest, dass sieben Jahre sehr zügig vorbeigehen können. "Bad As Me" ist eine Karussellfahrt im irrlichtigen Zustand, unterhaltend, bisweilen tranig, dann wieder durchrüttelnd – Waits in wohliger Essenz.
Und damit gehen wir aus dem Fokus. Eine wunderschöne Zeit wünscht,
Milan Schwarz

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