"Manchmal, vielleicht mal nachts, ..."

19.10.11

"Manchmal, vielleicht mal nachts, wenn sich die Gedanken erlauben, da geht es mir durch den Kopf:
Vielleicht ist die Großspurigkeit des Deutschen ja doch erlaubt. Wer auf den europäischen Kontinent des Jahres 1900 zurückschaut - auf dem Zenit seiner Macht -, der wird da ein Deutschland wie aus dem Märchen vorfinden, wo, wenn böser Wolf und gute Großmutti sich Gutenacht sagten, zwischen Schrebergärten, hinter Paradeplätzen und rostigbraunen Schornsteinen das Automobil, Aspirin, Senfgas und das Zündnadelgewehr an die Welt überreicht wurden.
Ich denke an das Diktum, dass wir Deutschen es ja gewesen seien, die Europa nach '45 wieder groß gemacht hätten.
Und das kann man kaum verleugnen, ja, das haben wir schon sehr gründlich gemacht.
Gründlich haben wir diesen Kontinent in die Katastrophe geritten, haben ihn bluten lassen und zermalmt, haben uns dann selbst dann vor den Trümmerkarren gespannt und unser manisch-depressives Spiel weitergetrieben. Denn es gibt ja immer was zu tun, Ärmel hoch und bloß kein Blick zurück!
Manchmal, vielleicht mal nachts, wenn sich die Gedanken erlauben, da erlaub ich manch Deutschem seine Großkotzigkeit. Denn der Wahnsinn hat viele, sehr legitime Grimassen."

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