Gauguin, die Ethik und die conditio humana

23.10.11

Das "Gauguin-Problem" ist ein exemplarisches Problem der Ethik und bezieht sich lose auf das Leben des bekannten Malers Paul Gauguin. Darin ist es aber wohl keine Rekonstruktion einer historisch verbürgten Situation, in der Gauguin sich tatsächlich befand: Es ist eher ein Gedankenexperiment. In dieser Form hat es der Moralphilosoph Bernard Williams bekannt gemacht, zuvorderst in seiner Aufsatzsammlung mit dem Titel Moral Luck.
Worum gehts dabei? Gauguin ist Maler, und dazu kein unfähiger – allerdings kann er, solange er seine Familie zu versorgen hat, seine Kunstfertigkeit nicht voll entfalten. Vielleicht kein alltägliches Problem, wenn man nicht gerade in der mid-life-crisis steckt. Für Gauguin besteht das Problem in einer Entscheidung zwischen zwei Handlungsoptionen, die einander ausschließen und vollständig sind. Vollständig heißt hier, dass nur aus diesen beiden Optionen gewählt werden kann. Eine dritte lässt die Logik der Situation nicht zu. Daher ist auch eine Vertagung der Entscheidung verboten.
Heruntergebrochen sieht das Ganze folgendermaßen aus: Entweder verlässt Gauguin Frau und Kind, um sich auf einer Südseeinsel ganz der Malerei zu widmen, oder er unterdrückt seine Begierde nach künstlerischer Vollendung und kümmert sich pflichtbewusst um das, was er sich kurzerhand selbst eingebrockt hat.

Das Gauguin-Problem wird relevant, wenn der exemplarische Moralphilosoph nach allgemein verbindlichen und bestenfalls rational begründeten moralischen Maßstäben sucht. Solche Maßstäbe kann zum Beispiel der Utilitarismus liefern, durch den man sich stets am größten Glück der größten Zahl Menschen orientiert. Dieser Ansatz ist in der Moralphilosophie – auch in der politischen Philosophie – sehr umstritten. Oft führen seine Kritiker an, dass eine Entscheidung – wie die Gauguins – durch die irgendwie abstrakte ulilitaristische Haltung gar nicht erleichtert wird, und zwar in der Hinsicht, dass man zwar weiß, was im Allgemeinen moralisch richtig ist, aber eben nicht, welche konkrete Handlung dahin führt. Daher tut man den Utilitarismus immer als etwas trottelig und naiv konzipiert ab. Wir werden nachher noch sehen, dass sein erster Ansatz plausibel ist, auch wenn der Rest tatsächlich nicht so recht weiterbringt.
Auch ein transzendentaler Bezugsrahmen – "Gott will es so" – bietet sich bei derartigen Problemen an. Es wird jedoch schnell klar, warum dieser Ansatz fragwürdig ist. Der transzendente Bezugsrahmen mag in seiner inneren Logik durchaus einen moralischen Maßstab formen - in irgendeiner Übereinstimmung mit einem göttlichen Ideal -, aber den Bezugsrahmen überhaupt erst einmal zu fassen ist eine Angelegenheit, die auf rationalem Wege unmöglich erscheint. Das wird zu einer Frage des Glaubens: und damit zu einer Verschiebung des Problems in rational nicht greifbare Sphären. Eine bestenfalls unbefriedigende Lösung.

Es ist also durchaus sinnvoll, in einer nicht-transzendenten Bezugnahme auf den Menschen und seinen Wesensmerkmalen den gesuchten Maßstab auszumachen. Weil auch der Utilitarismus auf den transzendenten Bezugsrahmen verzichtet, habe ich ihn als vom Ansatz her legitim bezeichnet. Lediglich seine von dort aus erfolgende Konzeption ist etwas unglücklich verlaufen.
Bereits Aristoteles hat eine bis in den heutigen ethischen Diskurs sehr ernstzunehmende Eigenschaft des Menschen ausgemacht, die sich auch zum moralischen Maßstab ummodeln lässt: Das ist die menschliche Vernunftbegabung. Zweitausend Jahre später hat die Aufklärung sie wiederentdeckt.
Wie wir alle wissen, ist Begabung was Schönes, aber ungemein wertlos, wenn sie nicht angewandt und gefördert wird. Und darin offenbart sich bereits die Problematik der aristotelischen Konzeption, denn es gibt so etwas wie praktische und theoretische Vernunft, und damit plötzlich zwei Formen moralisch legitimer Gebrauchsweisen der Vernunft.
Das illustriert Gauguins Problem. Die praktische Vernunft, die im wesentlichen die Gesellschaft moralisch zusammenhält, flüstert in sein linkes Ohr, dass er gefälligst für seine Familie sorgen solle. Ins rechte Ohr flüstert die theoretische Vernunft, dass Gauguin seine Anlagen ausschöpfen und so zum Fortschritt der Gesellschaft und seines eigenen Wesens beitragen müsse. Plötzlich ist das Gauguin-Problem nicht mehr ein einfaches moralisches Problem: Es führt in den meta-ethischen Bereich. Und - als wenn das nicht genug wäre - in den Bereich der philosophischen Anthropologie, also zu Fragen, was der Mensch eigentlich sei.

Aber alles nach der Reihe. Überlegen wir uns, warum sich Gauguin vor dem Hintergrund der "Vernunft als moralischer Maßstab" in einem Dilemma befindet.
Optimalerweise hätte ihm dieser Maßstab die Entscheidung von einem moralisch-ethischen Gesichtspunkt aus erleichtert. Davon kann hier keine Rede sein. Welche Option ist denn nun moralischer? Wählt er die praktische Vernunft, bleibt sein Potenzial unausgeschöpft und die Gesellschaft stagniert. Wählt er die theoretische Vernunft, begünstigt das zwar die Entfaltung seiner künstlerischen Fähigkeiten, aber er untergräbt und zersetzt die Verbindlichkeit praktischer Vernunft. Was er auch tut, er scheint moralisch fragwürdig zu handeln, ist entweder Biedermann oder Brandstifter. Für seine Entscheidung hat er keine Unterstützung bekommen, keine Verbindlichkeit.
Der Fehler liegt wohl in der ethischen Strategie. Ein Wesensmerkmal des Menschen zu einem begründeten moralischen Maßstab zu machen verfolgt eine ziemlich zirkuläre Argumentationslinie. Warum? Also: Wir wollen den Wert der Werte finden. Wir gingen davon aus, dass ein Wesensmerkmal des Menschen uns dahinbringt. Wenn wir jetzt ein Wesensmerkmal des Menschen als das auszeichnende ernennen, messen wir diesem Merkmal bereits einen Wert bei, obwohl wir das Auswahlkriterium für derartige Wahlen noch suchen. Wir kommen also durchaus zu Konklusionen, aber in einer zirkulären und damit wertlosen Argumentation.

Wo liegt der Fehler? Natürlich in unserer Engstirnigkeit. Schauen wir uns doch die Entscheidungssituation selbst an. Werfen wir kurzerhand den philosophischen Ballast ab: Schauen wir hin!

Konkret ist: Wir haben eine Entscheidung zu treffen. Und wir wollen die richtige, wir wollen eine gute Entscheidung treffen. Treffen wir diese Entscheidung unter Berücksichtigung unseres Intellekts? Unserer Augenfarbe? Unserer Herkunft? Vermutlich nicht. Wir verfolgen meistens einen Impuls, der der Kulminationspunkt einer unüberschaubaren Menge von ausschlaggebenden Faktoren ist. Wenn wir rational in Sackgassen geraten und in blindem Vertrauen diesen Impulsen folgen, wird uns vielleucht klar, dass jede dieser Entscheidungen, die wir treffen müssen, unsere Impulse und uns als Menschen verändert. Jede Entscheidung ist in Ermangelung eines verbindlichen und rational begründeten moralischen Maßstabs immer erst ein Schritt ins Unbekannte. Wie richtig wir gehandelt haben, darüber urteilen die Umstände nach der Entscheidung. Zum kritischen Zeitpunkt selbst sind wir nur mit Dilemmata konfrontiert, mit Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit.
Plötzlich erscheint es als ein auszeichnendes Merkmal des Menschen, dass er Entscheidungen treffen muss, und im Grunde keinen Plan hat, wie und warum er eine Handlung wählt. Er findet, bildet und versteht sich erst in der Entscheidung. Damit sind die moralischen Maßstäbe, die er für sich ausmacht, zuerst ein Produkt der Erfahrung, und nur teilweise ein Projekt der reinen Vernunft.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral?

Das Ganze wirft natürlich mehr Fragen auf, als es beantwortet. Haben wir überhaupt Fragen beantwortet? Nicht viele. Wir haben vielleicht erkennen können, dass Ethik und Moral sehr viel genauer auf die conditio humana Rücksicht nehmen müssen. Darin liegt auch das Spannende des Bereichs, und er bleibt wichtig und spannend, obwohl die Naturwissenschaften akribisch die unbestimmten Impulse zu analysieren versuchen, zu denen unsere Beobachtungen geführt haben. Ein mytseriöses x, das uns zum Menschen und damit auch zum Moralisten macht.
Gauguin muss erst einmal diesem Impuls folgen und hoffen oder erwarten, dass er das Richtige tut. Ob er nun Meisterkünstler, vorbildlicher Familienvater, Sklave des Konsenses oder ein kolossales Arschloch ist. Sein Leben ist ein Projekt ohne erkennbaren Ausgang. Ob das jemals anders sein wird, bleibt bis hierhin zweifelhaft.

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