Gescheiterte Persönlichkeiten: Diogenes von Sinope
12.09.09
Wilhelm Buschs Diogenes-Tribut vollzieht sich in folgender Geschichte. Der griechische Philosoph Diogenes, der in einem Fass wohnt, wird von zwei Korinther Jungs auf böswillige Weise belästigt. In einem Taumel asozialer Kreativität rollen die beiden den Philosophen-Hobo in seinem Fass schließlich herum, verfangen sich aber in ein paar Nägeln und werden von dem selbst angestoßenen, rollenden Fass mitgezogen und plattgewalzt. Triumphierend steigt ein duseliger Diogenes heraus und geht wieder dazu über, sein sorgenloses Gammlerleben zu führen. Man kann diese Geschichte als dämlichen Spaß verstehen, andererseits aber auch in Bezug auf Diogenes' Rolle in der abendländischen Philosophie: ein "Gammler-Philosoph" wie er brachte alle Voraussetzungen mit sich, aufgrund seiner Lebensweise kontinuierlich von den Mitmenschen verarscht zu werden. Dafür vermochte er durch seine Praktische Philosophie die Konventionen seiner Landsleute in ihrer Eindimensionalität bloßzustellen. Und das übrigens, obwohl sein historisches Pendant offenbar niemals in einer Tonne lebte.
Diogenes von Sinope hat in seiner gesamten Lebenszeit keine Schriften hinterlassen. Das ist dahingehend nachvollziehbar, weil er schon Schriftrollen als verzichtbaren Bullshit deklariert haben dürfte, so wie er heute die in fancy Szene-Cafés allgegenwärtigen, von seelenlosen Espressoschlürfern malträtierten Notebooks beanstandet hätte. Diogenes ist relativ sokratisch, wenn man das so sagen kann: im Gegensatz zu den seinerzeit etablierten Philosophen, wie vielleicht Aristoteles, lag ihm nichts an der Theorie, an Abstraktion. Sein Leben war seine Philosophie, und sie verlangte absolute Natürlichkeit vom Menschen. Diogenes sprach sich gegen den Stadtstaatennationalismus, wie auch gegen alle konventionalistischen und materialistischen Veranlagungen seiner Mitgriechen aus. Für ihn sollte die Erweiterung des Menschenwesens auf Statussymbole, Lustobjekte und Gruppen-/Standesbewusstsein umgehend rückgängig gemacht werden, bis der Mensch buchstäblich wieder ein Tier sei. Diogenes selbst wurde oft als Hund (griechisch: Kyon) bezeichnet, weil er heimatlos war, verwahrlost wirkte. Entsprechend sind seine Anhänger Kyniker, aus denen im Laufe der Philosophiegeschichte gewisse Zyniker hervorgingen, die in der Postmoderne bedauernswerterweise von Dr. House beerbt wurden und heute deren Leute Lifestyle bereichern, die Diogenes noch umfassend kritisiert hatte. Markenzeichen der diogenesischen Ur-Gruppierungen waren ihre unverblümte Benennung der Tatsachen, ihre Gesellschaftskritik und auch ihr schamloser Umgang mit dem Leben, wie es nunmal ist: sie mögen als Exzentriker und Perverse angesehen worden sein, dennoch verbarg sich doch ein humanistischer Idealismus hinter ihrem animalen Gehabe, eine Rückbesinnung auf das Glück, das in ihren Augen durch die Anstalten des modernen, sich dumm denkenden Menschen gefährdet schien. Ohne Zweifel, hätte es 325 v.Chr. bereits Weltverbesserer-Shirts gegeben: die Tonne des Diogenes wäre das Guevera-Konterfei der Klassischen Antike gewesen.
Wir kennen Diogenes und seine Philosophie über Anekdoten, die, weil sie so witzig und skandalös wirken, die Jahrhunderte überdauert haben. Im Übrigen unterstreicht diese Form der Überlieferung auch den sokratischen Charakter seines Philosophendaseins. Welche Anekdoten kennen wir? Jeder hat vielleicht davon gehört, dass der Kyon auf öffentlichen Markplätzen onanierte oder mit einer Laterne Menschen suchte, die er nie fand, oder dass gar den Superstar seiner Zeit, einen gewissen Aléxandros ho Mégas, daran erinnerte, ihm doch gefälligst aus der Sonne zu gehen. Diese Geschichten - und sein Dasein als freiester Bettlerphilosoph - machen Diogenes von Sinope zu einem kompromisslosen Verächter des Establishments, einem konsequenten Exilanten der Gesellschaft und Vorgänger aller sozialphobischen Romantiker.
Heute würde man diesen Herrn als durchgeknallten Hartz-4-Proleten oder verwilderten Performance-Künstler betrachten. Und es ist irgendwie bezeichnend, dass er schlussendlich als Anekdotenlieferer - sozusagen als charmanter Kulturschatz - in das verlogene System, gegen das er mit seinem Kulturpessimismus anging, integriert wurde. Der Fluch eines jeden wirklichen Dissidenten.
Wenn wir nun sagen, dass die Achse Sokrates – Platon – Aristoteles die abendländische Philosophie begründet hat, so mag Diogenes uns als Begründer des bissigen Kommentars, des bitteren Individualismus und philosophisch erwirkter, asozialer Gammelei gelten, die an vielen Stellen in ethischer Opposition zur Philosophie des "Abendland-Establishments" steht. Wir sagen Danke, Diogenes, und hoffen, dass die T-Shirt-Industrie keinen Gebrauch von deinem Erbe machen werde! Denn das wäre nun wirklich mal zynisch.
Ein Zitat aus Ciceros disputationes zum Ende:
Als man den Diogenes fragte, wo er nach seinem Tode begraben sein wolle? antwortete er: "mitten auf das Feld." Was, versetzte jemand, willst du von den Vögeln und wilden Tieren gefressen werden? "So lege man meinen Stab neben mich«, antwortete er, "damit ich sie wegjagen könne." Wegjagen! rief der andere; wenn du tot bist, hast du ja keine Empfindung! "Nun denn, was liegt mir dann daran", erwiderte er, "ob mich die Vögel fressen oder nicht?"


1 Anmerkungen:
Sehr interessante Ausführungen..wie ich dir glaub ich mal geschrieben hab' ich auf eher spaßeshalber Art von den großen Philosophen gehört ( Ich denke, also bin ich verwirrt).
Mich persönlich würde es sehr freuen, wenn du dir zum Ziel gemacht hättest, noch weiter antike Philosophie oder auch spezielle philosophische Grundideen in die Moderne zu übertragen. Ist sicherlich denkenswert, wie ich finde.
Beste Grüße
Campisi
http://il-filisofo-di-viaggio.blog.de/
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