Ein Rinnsal zerfahrenden Gesteins glotzt ihn von draußen an, während die unwirkliche Sphärenmusik der Gleise in den Tunneln, Tiefen und Höhen Gezeiten spielt. Draußen türmen sich Schrottberge, graue Waldansammlungen, Blattlandebahnen und Skylines auf, verzieren den Horizont in einem selten wiederkehrenden, aber artverwandten Muster, über dem hin und wieder die blässliche Sonne auf- und abschwappt. Die Suppe, die sich Himmel nennt, verliert sich in einer matten Ewigkeit.
Da ist immer etwas Einlullendes, Haltgebendes in diesem dämlichen Zugreisen gewesen. So ziellos es immer war, so sehr der Geist des terminlichen Dranges in dein Ohr flüstert und dich zurückbeordert zur Teilnahme am Menschsein, so wenig doch scheint das für dich von Belang. Du kannst nicht zurück. „Du musst hierbleiben, um dein Ziel zu erkennen!“ ist es, was du dir denkst. Wenn du einen Schritt nach draußen tatest, damals, da waren die Eindrücke und Ausdrücke von so erschlagender Intensität, dass dein kleiner, armer Geist gar nicht hinterherkam, sie zuzuordnen, sie nach Realität und Illusion abzuwägen, sie einzufrieden und deiner Sprache, deinem Denken beizeiten wieder zugänglich zu machen. Du kannst nicht oft Mensch sein. Erst dieses ewige Reisen, dieses Fahren und Fahren und Fahren, ohne wirklich voranzukommen, das hat dich immer besänftigt und Zeit für dich herausgeholt. So traurig es im Grunde auch ist. Irgendwann dann konntest du nicht mehr ohne das Unterwegssein, das dich vor den außerweltlichen Versteckspielen bewahrte. Erst jetzt zeigt es sich als eine … ja, als was? Eine Pilgerfahrt?
Er denkt zurück an die Zeit vor seinem Beschluss, ewig mit dem Zug im Kreis zu fahren. Er ist nie hilfloser gewesen als jetzt, aber damals war sicherlich alles noch unrealer und unbekannter. Er lernt über die Dinge, die kommen können, von seinen Mitreisenden. Das sind seine Bullaugen in eine andere Welt, viel durchsichtiger und leuchtender als die Abteilfenster, deren verregnete Scheiben nur auf graue Landschaften und beschmierte Tunnelwände blicken lassen. Von Mienen hat er gelernt, von Stimmen, von Geschichten und Dialogen, die er sich von seinem sicheren Platz aus Detail für Detail gemerkt hat, mit allen gestischen und lautmalerischen Ausschmückungen. Er hat Menschen in einer Sprache reden hören, die sich überhastete in Grunzlauten, hat Geheimcodes geknackt, die sich in dicken Jacken, Handtaschen, Klingeltönen oder den Liedern eines Besoffenen versteckt haben. Überall kryptische Zeichen, trivial von außen, bedeutend erst unter näherer Betrachtung, für die sich kein Platz besser angeboten hätte als der seinige. Es ist ein Blick, der in die Ewigkeit geht, ein Duft, der sich aus tausenden Quellen speist, ein Geschmack, der erst in seinem Gehirn zu etwas Markantem wird.
Er beugte sich manchmal sogar leicht in die entsprechende Richtung, wenn er meinte, von irgendwelchen Kopfhörern eines jungen Mädchens oder Jungens im Abteil das leise, kratzige Rauschen von Musik zu hören, nur um mal wieder zu erahnen, wie das ist. Wie das ist, von draußen zu kommen, als Mensch, und alles offen mit sich zu tragen, ohne über den brennenden Gedanken verrückt zu werden, alles an andere zu verlieren – sich selbst zu verlieren. Irgendwann muss er es verlernt haben, diesen leichten Habitus anzunehmen. Vielleicht hat er es nie wirklich gelernt.
Aber so groß seine Sehnsucht auch sein mag, in dieses Leben einmal zurückzukehren, so schwach ist sein Wille, so krankmachend die Angst davor, seine rettende Idee vom Beobachten aus der endlosen Distanz aufzugeben. Er lebt mit Sicherheit schon eine halbe Ewigkeit in solchen Zügen. Er weiß nicht mehr, welcher Arbeit er einst nachgegangen ist. Welche Freunde er möglicherweise gehabt hat. Wo er wohnt. Wo er zur Schule ging. Welchen Namen sein Hund trägt - wenn er überhaupt je einen besessen hat. Sein ganzes früheres Leben, so kurz es bisher gewesen sein mag, verabschiedete sich von ihm mit diesem ersten, selbstbewussten Gedanken, das zu finden, was sich in seinem Innern vor ihm verbarg. Also war da nur noch ein gestriger Nebel. Ihm blieb nichts als eine Aktentasche und ein zu großer Anzug mit schief gebundener Krawatte. Verhältnismäßig wenig, um ein Ich daraus zu formen.
Im Verlaufe der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wieso er so ohne dieses gewisse Bewusstsein hinleben konnte, lieblos und selbstlos und gedankenlos, wieso er ohne eine Identität und von ihm akzeptierte Eigenschaft hinleben konnte, im Verlaufe dieser Fragerei gedachte er hier Antworten zu finden – und verblasste trotz des heroischen Aufbruch ins Menschsein zunehmend. Er sitzt hier wie ein Schatten, eine verschlissene Idee vom Wesen Mensch, das sich in Zügen, auf Teerstraßen, zwischen barocken Musiktönen, wummernden Bässen und dem kalten Stahl hoch aufgereckter Bahnen und Gebäude verstecken kann, ohne die wahre, unabdingbare Wurzel seiner selbst zu kennen. Irgendwas auch nur zu ahnen. Auf den Grund einer so ganz unsinnvollen Konstruktion zu gehen, die sich sein Leben, sein Bewusstsein, Fakt seiner Existenz nennt.
Aber auch das hat der junge Mann ganz aus den Augen verloren. Er sieht manchmal wimmernd aus, wenn er da so sitzt in seinen zerknitterten Klamotten, hinausstarrt, und das eigene Ich die größten Taten vollbringen lässt, die ihm im Hier und Jetzt bis dato nicht gelingen wollten. Traumsequenzen, kleine Spielfilme mit prekärem Gehalt, pathetisch und befriedigend. Und erst im Zuge dieser Träumereien brechen auch sie Erinnerungen an sein altes Leben aus dem Strom des Unterbewussten – kleine, aber angreifende Gefühlsrückstande, die aus Situation entstanden, als er sich selbst nicht unter Kontrolle hatte und als sein Bemühen, sich bestmöglich den Mitmenschen zu präsentieren, vor ihnen und allem anderen zunichte gemacht wurde. Erst diese Träumereien, wo er sein gedachtes Ich allerseits Bewundern und Akzeptanz, Beachtung hervorrufen sieht, dienen ihm als vermeintlicher Kompass, so fern ihm dieses Ich auch sein mag. Ein roter Faden, an dem sich das Leben theoretisch entlangziehen könnte – aber wie es eben so ist, kommt alles ganz anders.
Der grinsende Götze des Unwirklichen zerfällt immer in den falschen Momenten zu Staub, sodass die Angst davor sich mit jeder neuen Niederlage exponentiell vervielfacht. Erkenntnisse, Staub und Schatten. Der Gesichtsverlust lässt sich nun mal auch dann nicht aufhalten, wenn man das eigene Spiegelbild uminterpretiert.
Er ahnt das nur in seltenen Momenten. Menschen wissen viel und vergessen aus Bequemlichkeit. Er vergisst, ohne dass es ihm sonderlich angenehmer wird, also haucht er auch weiter an die Scheiben des Abteils, verschränkt die Arme und fragt sich beständig, wie er das werden konnte, was er ist. Welchen Part der eigenen Anthropologie er wohl versäumt hat. Der ganze Film ergibt keinen Sinn mehr.
Das ist also die Exposition seiner Reise, von der er an diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wohin sie führen mag, ob sie eine bleibende, vielleicht zeitlose Erkenntnis bringt.
Er erinnert sich an die Worte, die er mit seinem kritischen Ich geführt hat.
„Ich fürchte“, sagte er damals dem unsichtbaren Rätselmeister. „dass ich niemals zu der Entscheidung kommen könnte, ob ich aus dem Zugzyklus aussteige oder nicht.“
„Jetzt erkenne ich dich wieder“, sagte man ihm dann. „Weil du Möglichkeiten wie diese nie ergriffen hast, bist du der, der du bist. Ein fahrender Ritter mit unsichtbarer Ritterlichkeit, gebunden in den Tiefen, die sich deiner Laune nach in weite Felder oder Höllen verwandeln können. Ein Phantast, weit weg von den asphaltierten Wegen, die der Mensch sonst geht. Ein Wächter von einer nahezu einfühlsamen Einsamkeit bist du, unentschlossen in der Entscheidung für dich selbst, ob du es riskieren magst, deine Seele zu verschleiern und dem Dschungel beizuwohnen.
Du sagst übrigens immer, erst in der Einsamkeit deines Herumfahrens empfindest du etwas wie ruhiges Glück. Oder, sagen wir, eine gewisse Erträglichkeit. Du weißt genau so gut wie ich, dass dieses Warten genau dann in suboptimale Verzweiflung umschlägt, wenn der Zweifel an allem irgendwann eine fundamentale, traurige Bestätigung findet. Dass du der missverstandene Fremde bleibst, ein immer wiederkehrender Fremder, nicht mehr als nur ein Statist. Warte nur, bis sogar dein Fräulein wieder vergessen hat, wer du bist, und du bemerkst, dass du vergessen wurdest. Weil du dich jetzt so darin labst, kannst du bald nicht mehr ohne das Gefühl, nicht vergessen zu sein.“
Und das ist es letztendlich, was ihn am meisten zermartert. Seine Rolle als Statist in einer grotesken Seifenoper, die er erst durchbrochen sah, als er auf sein „Fräulein“ traf, jene junge Bürosekretärin, deren Sanftheit und Einfühlsamkeit ihn, wenn sie mit ihm sprach, dermaßen verblüffte, dass sich von nun an jedes Mal eine unsichtbare Luke in ihm auftat, wenn er nur an sie dachte. Sie setzte sich desöfteren mal zu ihm, während sie zur Arbeit fuhr. Nur für einen kleinen Smalltalk. „Smalltalk“ - das nahm er immer äußerst genau. Er hat nie etwas zu erzählen gehabt. Die Landschaft ändert sich schließlich nicht oft. Die Probleme, Schlägereien und Musikgeschmäcker anderer Mitfahrer haben sich bisher auch nie als Gesprächsthema angeboten. Aber jeder Wortfetzen, der zwischen ihnen gewechselt wurde, trivial wie er war, stammte für ihn von einer anderen Welt, wie der verlockende Duft eines Andersseins, ein Ticket nach Hause, ohne planlos und heimatlos durch die Weltgeschichte zu pilgern - in diesen Zügen.
Sie ist wieder hier. Heute in einem unscheinbaren, anthrazitfarbenen Hosenanzug, einem vom Regen durchnässten, dünnen Mantel, die langen, dunklen Haare zu einem Zopf geflochten, das Gesicht jenseits aller Ausdrücke. Es scheint mehr als ein freundliches Lächeln zu sein, mit dem sie sich ihm gegenüber auf einen der Vierersitze niederlässt, die Aktentasche auf den Knien ruhend, den Kopf leicht gedreht. Er merkt gar nicht, dass er zurückgrinst.
„Bescheidenes Wetter heute, oder?“, fragt er und weicht mit dem Blick wieder nach draußen aus.
„Und es ist kühl, das macht alles noch viel unangenehmer“, ergänzt sie ihn nur. „Ich bin gestern schon fürchterlich nass geworden, weil ich meinen Bus verpasst habe.“
Busfahren, so merkt er gerade, hat ihn nie wirklich gereizt. Es ist alles viel enger als im Zug, beinahe bedrängend. Und selten ist die Zeit, da man nicht neben dem massigen, schwitzenden Körper eines weiteren Staatsdieners sitzen muss, der röchelnd vor sich hindünstet.
„Hoffentlich erkälten Sie sich nicht“, sagt er ohne herüberzuschauen und in einem Ton, der eher neckisch wirkt als alles andere.
„Ja, hoffentlich. Würde mir gar nicht in den Kram passen.“
Und während er den Blick weiter in die Wassertropfen an den Scheiben vergräbt, wühlt sie in ihrer Tasche herum. Putzt sich die Nase. Wackelt ein wenig mit dem Fuß. Schlägt das eine Bein über das andere. Wartet. Zieht sich in Gedanken zurück.
Er hat sie, seinem Verständnis von physiognomischer Schönheit nach, nie für eine umwerfend hübsche Frau gehalten, aber was ihn so sehr an ihr fasziniert, liegt fernab einer oberflächlichen Gesichtssymmetrie, eines ansprechenden Körperbaus. Sei es die einfache Tatsache, wie dieser Mensch den Kopf dreht und dabei lächelt, das zurückhaltende Kramen in ihrer Tasche, der ganz kleine Moment, in dem das Gespräch offiziell beiseite gelegt wird und sie sich wieder mit sich selbst und dem schlechten Wetter draußen beschäftigt – der Gesamteindruck aus diesem Zusammenspiel eines Kunstwerkes menschlicher Eigenarten hat ihn immer an etwas erinnert, von dem er selbst nicht zu behaupten wagt, es zu besitzen. Das liebliche Profil, mit dem Sein und Zeit den Menschen wie einen Marmorblock bearbeitet.
Es schmerzt ihn immer, nach so wenigen, dummen Sätzen ins Stocken zu geraten, sich nicht zu trauen, nach ihrem Befinden zu fragen oder eine Geschichte zu erzählen, die er irgendwo aufgeschnappt hat und auf sich beziehen könnte. Vorerst reicht es ihm nur, ihr gegenüber zu sitzen, diesem feinen Menschenbild, das in einer unwissenden Anmut von den kargen Elementen der Umwelt umgeben ist. Vergleiche zu finden, die sich nicht nach Kitschromanen anhören, fällt ihm dabei immer schwer. Er fürchtet, das heilige Gefühl, das er ihr entgegenbringt, in Worten zu erdrosseln, sie zu einer Farce zu machen, sodass aus der Empfindung nicht als ein reproduzierbares, ja, konsumierendes Objekt wird.
Er denkt über so etwas immer nach, wenn beide schweigend so dasitzen, und zwar so dasitzend, als wüsste jeder von ihnen, was der andere an Problemen und Gedanken mit sich trägt. Gerade das, denkt sich der junge Mann dann, macht es so ungemein schwierig, bei ihr Eindruck zu machen, erneut ein Lächeln zu entlocken, das der hohlen Leere in seinem Kopf etwas Lebendiges zurückgäbe. Er weiß nur nicht, wie er, als Fremder hoch zum Rosse, in diesen Situationen als Lanzenträger davonziehen kann, mit bei sich die Fahnenwimpel im Wind und im Aufbruch befangen, seiner Angebeteten kostbare Taten zukommen zu lassen. Denn das ist es letztlich, wozu er sich verpflichtet fühlt, ein Urwunsch gewissermaßen. Das Gefühl zu haben, in der edlen, feinen Größe seiner Taten für jemanden existent zu sein.
Es sieht bei anderen Menschen so einfach aus. Aber sie denken auch nicht wie er.
„Ich wollte Sie einmal fragen, ob wir gleich an der Station einen Kaffee trinken sollen“, sagt sie ungewöhnlich formell. „Zum Aufwärmen.“
„Gern.“
Und so neutral er es herausbringt, so explosiv ist die Wirkung der Vorgänge in seinem Inneren. Eingeladen hat ihn noch keiner, zumindest seit einer langen Zeit nicht mehr.
„Aber wir holen uns besser einen vom Café an der Marktstraße, ein paar Meter weiter“, witzelt er, ohne zu wissen, wie er dazu kommt. „Der an der Station schmeckt wie mit Zeitungspapier gefiltert.“
Und natürlich lachen sie beide, worauf er nur in einer plötzlich angeflogenen Schamwelle stockt und wieder in die graue Landschaft flüchtet, über der gerade zwei Flugzeuge, das eine im Landen, das andere im Abfliegen, in der Luft aneinander vorbeisegeln. Dass er überhaupt noch weiß, dass der Kaffee an der Marktstraße geschmacklich von dem an der Station seines Fräuleins zu unterscheiden ist, überrascht ihn. Verärgert ihn.
Er muss schon ein seltsames Etwas sein.
Read more...