The Day That 2008 Went Kaputt

30.12.08

Herrschaften, es ist mal wieder soweit. Am morgigen Abend leiten wir das Anno diaboli 2009 ein, ein Schreckensjahr, wie die meisten jetzt schon zu behaupten wagen. Ich kann nicht ganz widersprechen, wird es doch aller Voraussicht nach das Jahr sein, in dem ich mein Abitur mache und daraufhin meine Zukunft als versoffener Taxifahrer besiegle, indem ich in Münster ein Philosophiestudium aufnehme.

Aber genug von mir, mehr vom anderen!

Ich werde dieses ODL-Jahr (ein produktives aber sinnloses wohlbemerkt) mit folgenden Worten abschließen, die ich einst irgendwo niederschrieb und dann vergaß.

"Ein intelligenter, nachdenklicher Blick. Ein paar zusammenhangslose Worte zusammengepappt und schweren Herzens ausgespuckt. Festgestellt, dass du den Sternenhimmel ganz faszinierend findest. Und presto! Jetzt fühlst du dich als Poet. Jetzt kannst du dich wieder auf die Straße trauen, Glückwunsch!"

Man sieht sich, schätze ich. Wahlweise befürchte ich es auch.

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Xokonoschtletl Gomora zum Sonntag

28.12.08

"Keine Revolution und kein Krieg kann uns retten, sondern nur ein neues Bewußtsein."

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Ein hübsches, besinnliches Gedicht, um den Stephanus zu erschlagen

26.12.08

Das hier ist eins meiner typischen Vortragsgedichte. Deswegen dürfte der Leser zu Recht den nahezu fehlenden Rhythmus bemängeln. Nur ich weiß, wie dieses Stück Chaotenlyrik vorzulesen ist, was wiederum eine recht innovative Art ist, das Urheberrecht geltend zu machen.

Titel: „Jetzt mal unter uns-zurechnungsfähigen.“

Bei Mose steht geschrieben
Ich glaub Kapitel Nr. 7
Der Mühe Lohn braucht seine Zeit

Hab keine Freundin, keine Karre,
rauch billige Zigarren
und weiß auch über nix bescheid

Mein Vokuhila ist auf myspace
Schade, keiner weiß es,
gehöre zum Prekariat.

Ein Wort wie eine Krankheit,
rhetorischer Gewandtheit,
die einfach nun nicht jeder hat!

Mein erstes Pils trink ich um Neune,
mit allen meinen Freunden,
Playboy, Hustler, Bussibär

Ich bin dichter noch als Denker,
wie ein Investmentbanker,
ich bin nur angesehener.

Glück, Gesundheit, Liebe,
liebevolle Hiebe
für uns, das deutsche Bürgertum

Dank Wirtschaftsinteressen
Hirn- und Magenwand zerfressen
von allzu viel Tablettkonsum

Und im Fernsehen läuft nur Scheiße,
weiß schon nicht mehr wie ich heiße,
denn ich hab davon zuviel gesehn.

Von Dschungelcamp und Bohlen
Die ham’ mein Hirn gestohlen
Ich wills auch nicht zurückhaben

Ich bin chronisch knapp bei Kasse,
arbeitslos und hasse
regelrecht den BVB-

Sterb ich heute, sterb ich morgen,
bin ja glücklich, ohne Sorgen,
in diesem Land vergeht man angenehm

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Heiligabend-Ansage Nr. 2

24.12.08

Fuck! Es ist nachher Weihnachten, obwohl ich gedanklich nach wie vor im September verweile. Ich verweile im Grunde alle 365/366 Tage im Jahr im September, also ist das nicht überraschend.

Das ODL wünscht euch einen Scheißdreck. Und frohe Weihnachten vielleicht!

Wo wir ohnehin gerade dabei sind.

Diesjahr ist Weihnachten irgendwie anders als sonst. Nennet es Einbildung, aber ich habe das Gefühl, die zurückliegenden und bevorstehenden Phasen der Krise tauchen dieses Fest mehr und mehr in ein anderes Licht. Selbst stupide Zyniker meines Schlages sehnen sich nach etwas, das nur Weihnachten transportiert, sei es noch so sehr ummantelt von Wirtschaftsinteressen, scheinheiliger Festliebe und Kitsch.

Ich wünsche euch wirklich ein paar gute Weihnachten.

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Eagles of Death Metal - Wanna Be in LA

22.12.08

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Paul zum Sonntag

21.12.08

"Mancher wird ein freier Diogenes, nicht wenn er in dem Fasse, sondern wenn dieses in ihm wohnt."

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Kulturrezession

20.12.08

Ich bin eigentlich kein Fan von Wolfram Weimer, dem Chefredakteur des "Cicero"-Magazins. Der Mann ist mir manchmal zur werteorientiert. Was er aber in einer seiner neuen Kolumnen festgestellt und formuliert hat, geisterte auch mir als kulturinteressierten Menschen seit langem durch den Schädel.

Portale verkappter Hirnschmelze wie stern.de oder SPON zeigen ganz deutlich diese Entwicklung - eine geistige Verödung gewissermaßen. Oder sagen wir "Reduzierung". Diese Reduzierung impliziert die rückläufige Entwicklung auf wenige, institutionelle Zeitphänomene, die heutzutage die "Kultur"-Ressorts der Zeitungen abdecken. Boulevard-Schmand, Rezensionen des Belanglosen und Nichts-Debatten, die mit wenigen pawlow'schen Phrasen und Worten die erlahmten Hirnwindungen des einst denkenden Menschen ankratzen und wie Fast Food befriedigen.

Deswegen sind die Krisen, die wir derzeit durchlaufen, eine Chance, wie Weimer richtig feststellt. Nach meiner Einschätzung macht aber keine bedeutende Figur der "geistigen Szene" den Ansatz, einen neuen Kurs einzuschlagen.

Da hilft auch das beste Armageddon nicht.

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Saturnsnacht

18.12.08

Dekadendekadenz deklariert. Ein Rhythmus suggeriert im Balsam eines öligen Films die bunten Freuden des Lebens, vereint, schlägt Wurzeln im dreckigen Dancefloor. Lackstiefelchen trifft auf den großen bösen Wolf, der im pinken Polohemd verkleidet wartet, der Geist des unnahbar Untangierten, manifestiert sich wie ein Schemen unter den rauchenden Trümmern der Welt, die mal reflektiert war. It’s gettin’ hot in heeeere … Selbstwertgefühl auf Blingbling reduziert, auf Photoshop-Schönheit im Aushang. Dekaden der Freiheit missbrauchen sich nun selbst, vergewaltigt in den Wirbeln Saturdaynight’s im verzerrten Basswummern ihrer Zeit, mitgespült auf Wodkafluten zwischen Scylla und Charybdis, zwischen Selbstverlust und verdrängtem Zweifel. Und Sirenen locken Weib und Kerl zur Auftakelung und zum Lifestyle, zum brachialen Konsum, der einem Abgrund mit McDonalds-Emblem auf der unerreichbaren anderen Seite entgegenstrebt – in unserer persönlichen Odyssee. Unserer persönlichen kleinen Vernichtungsfahrt. Diese Samstagnacht wieder, Ulysses. Ahoi dann! Anker lichten und PARTY HARD!

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Siebtklässlerkapitalismus - Vortragsversion

16.12.08

Sie fragen sich, wie sich verhaltensgestörte Schmuddelkinder entwickeln, wenn statt Eltern eine Institution namens RTL 2 die erzieherische Vollmacht hat? Steigen Sie morgens in meinen Schulbus. Wir kennen die Namen dieser ganzen kleinwüchsigen Dämonen dort mittlerweile bestens – weil sie sich zuvorkommender Weise mit der Lautstärke eines startenden und kurz darauf explodierenden Düsenjets gegenseitig beim Namen „nennen“. Es sind faszinierende Namen. Kein Kevin darunter. Interessanterweise. Der Trend geht neuerdings in Richtung Süden, denn wer heute was auf sein Kind hält, nennt es „Fabio“ … oder „Ramon“! RAMON! Können Sie sich einen 13-jährigen, verpickelten Pygmäen mit versabbertem Iron Maiden-T-Shirt vorstellen, der ALLEN ERNSTES RAMON HEISSEN SOLL? Ich bin glücklicherweise Abiturient und muss mir nächstes Jahr nicht mehr anhören, wie die neuen Fünftklässler alle so heißen. Was hätte mich dann erwartet? Wie Silvio, Juan Carlos, Calvin Ciaran, Santiago de Compostela und Filztapete ihre Mütter gegenseitig als Huren bezeichnen?

Ja, sowas tun Ihre Kinder nämlich, wenn sie morgens im Bus sitzen. Diese freundlichen, kleinen Wiesel.
Vor einer Woche passierte etwas Ungewöhnliches bei den Siebtklässlern. Zu einem normalen Ritual gehörte es morgens im Bus bisher immer, dass zwei oder drei Mitglieder dieser Pavianversammlung jemanden aus ihren Reihen „Döner“ nannten und daraufhin fragten, ob sie seine Hausaufgaben abschreiben dürften. Mit Erfolg meistens, schließlich ist man als Kind, speziell wenn man Döner tituliert wird, immer etwas naiv und sozial. Aber das sollte sich noch ändern!
Eines unheilvollen Tages dann erdachte eines der fleißigen Kinder die fantastische Idee, seine Hausaufgabendienstleistung preisgebunden an die Kameraden zu bringen. Der Vorschlag fand großen Anklang, in erster Linie wohl, weil man die ausgemachten 10 mickrigen Cent als Entlohnung für die Fleißtragenden immer mal locker hatte. Jeder schien zufrieden.
Diese Narren ahnten gar nicht, was ihnen so bevorstand.
Bald darauf schon spaltete sich der Mob in zwei Lager auf: jene, die immer brav ihre Hausaufgaben daheim auf Wikipedia machten und die Ergebnisse weiterverkauften, und diese, der größere Teil übrigens, die brav ihr Geld zahlten und so von Denkleistung befreit waren. Dieses System lief zwei Tage lang ganz hervorragend. Die Kleinen schienen sichtlich stolz auf ihre marktorientierte und doch soziale Intelligenz zu sein.
Nach drei Tagen war der Tarif aufgrund steigender Nachfrage und Gewinnmaximierungsbestreben der Fleißigen auf 12,50 Euro gestiegen. Da waren nicht mehr alle zufrieden. Die Zahlenden merkten allmählich die Lücken in ihrem eigenen und Mamas Geldbeutel, sodass sie sich unlängst keine lehmziegelgroßen Karamellriegel mehr in die aufgedunsenen Kindervisagen stopfen konnten. Inzwischen hatten die Dienstleister, die mittlerweile nur noch in Armani zur Schule kamen, zudem untereinander Absprachen getroffen, was die Preisregulierung anbetraf – der Festpreis, nur unter Sonderkonditionen noch variabel, wurde auf 10 Euro gesetzt, Fächer wurden aufgeteilt und „Hausaufgabenkredite“ eingeführt, die sich fachmännisch das Phänomen zunutze machten, dass es auf diesem Planeten immer kleine Idioten gibt, die sich aus Bequemlichkeit finanziell ruinieren lassen. Natürlich wirkte sich die neu eingeführte Zinspolitik fatal auf die Reibungslosigkeit des geschäftlichen Treibens aus: die „Konsumenten“ verloren die Finanzen gänzlich aus den Augen, weil sie unter anderem seit geraumer Zeit einen neuen Flummi hatten. Sie mussten jedenfalls bald bei einem Hausarbeitskapitalisten Schulden auf sich laden, um alte Schulden beim jeweils anderen Anbieter abzubezahlen, ohne dass sie noch irgendwie etwas zum Abschreiben benötigt hätten.
Aber nicht nur bei den Konsumenten lief nichts mehr rund: inzwischen hatte sich die Koalition der Fleißigen an der Streitfrage zerbrochen, ob eine Preis- oder Zinserhöhung zu besserem Absatz führen werde, wobei bei all dem Chaos, die die schludrigen Patschehändchen als „Finanzführung“ auf karierten Blättern hinterlassen hatten, unklar blieb, welcher Geschäftspartner dem Anderes etwas schuldete usw.
Der Lautstärkepegel im Bus quoll aufs Unerträgliche an, überall gefrustete Blagen ohne Karamellriegel, die sich auf der Seite des Rechts wähnten und sich untereinander beschimpften, indem sie ihre Mütter gegenseitig nicht nur als Huren bezeichneten, sondern u.a. als Zigeuner, Homos, Hexen und Arschpiraten. Die Stimmung stand unmittelbar vor einer Explosion.
Die Eskalation ließ nicht lang auf sich warten: eines Tages entwickelte sich eine Spaßrangelei zu einer handfesten Kinderschlägerei zwischen Faulen, Fleißigen und abtrünnigen Fleißigen, die sich plötzlich auf ihr „soziales Gewissen“ berufen hatten und munter – je nach Aussicht auf einen Sieg – jemandem aus der einen oder der anderen Fraktion eine ins Gesicht zimmerten. Der erbitterte Kampf ging mit einem Sieg der Faulen zu Ende. Weil sie die Überzahl ausmachten.
Zwei Tage später begannen Friedensverhandlungen. Sie wurden mit einer weisen und weitsichtigen Maxime vonseiten der Faulen eingeleitet: „Demnächst werden wir lieber versuchen, unsere Hausaufgaben selbst zu machen.“ Da kann man nur sagen: Glückwunsch zu dieser Erkenntnis, ihr Spinner. Wenn man sich unsere FInanz- und Wirtschaftswelt heute so anschaut, kommt man zum Schluss, dass die Verantwortlichen dort wohl immer mit dem Fahrrad zur Schule gefahren sein müssen.

Dankeschön!

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Eno zum Sonntag

14.12.08

"I've always thought that art is a lie, an interesting lie. And I'll sort of listen to the "lie" and try to imagine the world which makes that lie true... what that world must be like, and what would have to happen for us to get from this world to that one."

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In freundschaftlichem Einvernehmen

11.12.08

In freundschaftlichem Einvernehmen schossen wir uns ab, ein Trugschluss, dass man denke, viel mehr sei da noch gewesen als das, was man sich hinter die Binde hatte gekippt – die Worte zerflossen in einem Strom aus Wein und das Lachen erstickte das Röcheln, und unter den bimmelnden Klängen dieses warmen Moments verbarg sich doch das monotone Kalkül, eine Anpassung, ein Zweck, dessen Maxime heimlich über uns herrschte, uns freundschaftlichen Parteien. Ich sah in den Schlieren meines Bierflaschenbodens mehr als ihr alle, die von den schönsten Orten der Welt zu sprechen glaubtet, Gedanken wie Kartoffelbrei, den man zu würzen vergaß. Ich kritisiere euch nicht länger, denn dann habe ich das Gefühl, erst anerkannt-menschlich zu sein, zertifikatsgeprüft. Bestimmt sie, zeichnet die Metrik dieser Abende und Morgen ab, in denen wir glaubten, in freundschaftlichem Einvernehmen miteinander zu sprechen, zu handeln und auseinanderzugehen, aber letztlich sprachen wir doch nur zu uns selbst, tauschten hohle Phrasen aus, die auch dieselben geistlosen Paragraphen des freundschaftlichen Umgangs bilden, wenn wir schon lange auseinandergegangen sind – und allmählich erkennen, dass wir uns erst jetzt erkennen. Wenn das Kalkül ruht. Die Metrik des Sprechens uns nicht länger tangiert. Und etwas in unserem Kopf schwirrt, von dem wir wahrlich behaupten können, ja, es könnte vielleicht zu echtem freundschaftlichem Einvernehmen beitragen.

Unglücklich der Mensch, der so manch eine dieser Freundschaften nötig hat.

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The Gaslight Anthem - Old White Lincoln

08.12.08

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Werfel zum Sonntag

07.12.08

"Fremdsein ist eine gewaltiges Handwerk, das Fleiß und Fertigkeit erfordert."

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Siebtklässlerkapitalismus

02.12.08

Sie fragen sich, wie sich halbentwickelte menschliche Entitäten verhalten, wenn statt Eltern eine Institution namens RTL 2 die erzieherische Vollmacht hat? Steigen Sie morgens in meinen Schulbus. Die kleinwüchsigen Dämonen, die uns dort in aller Herrgottsfrühe mit ihrem infantilen Gebrüll den Tagesbeginn versüßen, sind uns mittlerweile alle namentlich bestens bekannt – weil sie sich zuvorkommender Weise mit der Lautstärke eines startenden und kurz darauf explodierenden Düsenjets gegenseitig beim Namen „nennen“. Es sind faszinierende Namen. Kein Kevin darunter. Interessanterweise. Der Trend geht anscheinend neuerdings in Richtung Süden, denn wer heute was auf sein Kind hält, nennt es „Fabio“ … oder „Ramon“! RAMON! Können Sie sich einen 13-jährigen, verpickelten Pygmäen mit Iced Earth auf dem versabberten T-Shirt vorstellen, der ALLEN ERNSTES RAMON HEISST? Wie froh ich doch bin, Abiturient zu sein, denn ich kann die Lehranstalt, an der ich noch mein inhaltsloses Schülerdasein friste, bald verlassen. Die Flucht ergreifen, wenn man so will. Vermutlich würde ich es ohnehin nervlich nicht aushalten, im nächsten Jahr 260 Mal in der Minute die Namen der neuen Fünftklässler ins Ohr geschrieen zu bekommen.

Eine Geräuschkulisse des Grauens.

„Giacomo! Duell jetz’ hier!“
„Juan Carlos! Du fickst Janine in den Aa-aaarsch! Hahaha!“
„Calvin Lee! Du Schwuchtel, Alter!“
„Tischtennisball! Kann ich Mathe von dir haben?!“

Ja, es ist schon ein irrsinniger Spaß, diesen Schwachsinnigen dabei zuzuhören, wie sie ihre Mütter gegenseitig als Huren bezeichnen. Freundliche, kleine Wiesel.

Vor zwei Wochen passierte etwas Ungewöhnliches. Zu einem normalen Ritual gehörte es morgens bisher immer, dass zwei oder drei Mitglieder dieser Pavianversammlung jemanden „Döner“ nannten und daraufhin fragten, ob sie seine Hausaufgaben abschreiben dürften. Meistens gewährten die Döner ihnen das, sozial wie unsere Gesellschaft die Kleinen geprägt hat. Für uns war das wiederum vom Vorteil, weil nun die Hirne dieser zwei, drei Abschreiber konzentriert die Hausarbeit kopierten – und so nicht lauthals über Geschlechtsverkehr mit ihren pummeligen, weiblichen Gegenstücken in der ersten Bushälfte witzeln konnten.
Dann passierte es. Urplötzlich hatten die Säulen unseres westlichen Kulturkreises ihre Präsenz eindrucksvoll verdeutlicht. Denn eines der selbsternannten Hurenkinder erdachte die fantastische Idee, seine Hausaufgabendienstleistung preisgebunden an die Kameraden zu bringen. Die Idee fand großen Anklang, in erster Linie wohl, weil man sich darauf einigte, dass 1 mickriger Cent eine adäquate Entlohnung für die Fleißtragenden sei. Jeder schien zufrieden.
Diese Narren wussten nicht, was für eine Lawine sie losgetreten hatten.
Bald darauf schon spaltete sich der Mob in zwei Lager auf: jene, die immer brav ihre Hausaufgaben daheim auf Wikipedia machten und die Ergebnisse weiterverkauften, und diese, der größere Teil übrigens, die brav ihr Geld zahlten und so von Denkleistung befreit waren. Dieses System lief zwei Tage lang ganz hervorragend. Die Kleinen schienen sichtlich stolz auf ihre marktorientierte Intelligenz zu sein.
Nach drei Tagen war der Tarif aufgrund steigender Nachfrage und Gewinnmaximierungsbestreben der Fleißigen gestiegen, auf stolze 5 Cent, Ende der Woche dann rasant auf 10 Eurocent. Erste Proteste wuchsen in den Reihen der Zahlenden, die allmählich die Lücken im Geldbeutel merkten, sodass sie sich unlängst keine Karamellriegel mehr in die pausbäckigen Kindervisagen stopfen konnten. Der Konflikt war vorprogrammiert. Mittlerweile hatten die Dienstleister zudem untereinander Absprachen getroffen, was die Preisregulierung anbetraf – der Festpreis, nur unter Sonderkonditionen noch variabel, wurde auf 20 Cent gesetzt, Fächer wurden aufgeteilt und „Hausaufgabenkredite“ eingeführt, die sich fachmännisch das Phänomen zunutze machten, dass es auf diesem Planeten immer kleine Idioten gibt, die sich aus Bequemlichkeit finanziell ruinieren lassen. Natürlich wirkte sich die neu eingeführte Zinspolitik fatal auf die Reibungslosigkeit des geschäftlichen Treibens aus: die „Konsumenten“ verloren die Finanzen gänzlich aus den Augen, sodass sie bald bei einem Hausarbeitskapitalisten Schulden auf sich luden, um alte Schulden beim jeweils anderen Anbieter abzubezahlen, ohne dass sie noch irgendwie etwas zum Abschreiben benötigt hätten.
Aber nicht nur bei den Konsumenten lief nichts mehr rund: inzwischen hatte sich die Koalition der Fleißigen an der Streitfrage zerbrochen, ob eine Preis- oder Zinserhöhung zu besserem Absatz führen werde, wobei bei all dem Chaos, die die schludrigen Patschehändchen als „Finanzführung“ auf karierten Blättern hinterlassen hatten, unklar blieb, welcher Geschäftspartner dem Anderes etwas schuldete bzw. welche Kunden, Zinsen und Aufgabenbereiche ihnen noch zufielen.
Der Lautstärkepegel im Bus quoll aufs Unerträgliche an, überall gefrustete Blagen ohne Karamellriegel, die sich auf der Seite des Rechts wähnten und das unter anderem dadurch ausdrückten, indem sie ihre Mütter nicht nur als Huren bezeichneten, sondern als Arschficker. Der Eklat im Busmittelteil, ausgehend von diesen verbalen Fehlgriffen, erregte einen Sturm der Entrüstung unter den Konfliktparteien, die Stimmung stand unmittelbar vor einer Explosion.

Die Eskalation erfolgte auf halber Strecke zwischen zwei Gemeinden, mitten in der Einöde, die wir „Westfalen“ nennen: eine Spaßrangelei entwickelte sich zu einer handfesten Kinderschlägerei zwischen Faulen, Fleißigen und abtrünnigen Fleißigen, die sich plötzlich auf ihr „soziales Gewissen“ berufen hatten und munter – je nach Aussicht auf einen Sieg – jemandem aus der einen oder der anderen Fraktion eine ins Gesicht zimmerten. Der erbitterte Kampf ging mit einem Sieg der Faulen zu Ende. Weil sie die Überzahl ausmachten.
Nach einigen Tagen tödlicher Stille unter den verfeindeten Halbwüchsigen begannen Friedensverhandlungen, die mit einer weisen und weitsichtigen Maxime vonseiten der Faulen eingeleitet wurden: „Demnächst werden wir lieber versuchen, unsere Hausaufgaben selbst zu machen.“

Glückwunsch zu dieser großen Erkenntnis, ihr kleinen Spinner.

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Auszug: Caducus est (03/08)

01.12.08

Ein Rinnsal zerfahrenden Gesteins glotzt ihn von draußen an, während die unwirkliche Sphärenmusik der Gleise in den Tunneln, Tiefen und Höhen Gezeiten spielt. Draußen türmen sich Schrottberge, graue Waldansammlungen, Blattlandebahnen und Skylines auf, verzieren den Horizont in einem selten wiederkehrenden, aber artverwandten Muster, über dem hin und wieder die blässliche Sonne auf- und abschwappt. Die Suppe, die sich Himmel nennt, verliert sich in einer matten Ewigkeit.
Da ist immer etwas Einlullendes, Haltgebendes in diesem dämlichen Zugreisen gewesen. So ziellos es immer war, so sehr der Geist des terminlichen Dranges in dein Ohr flüstert und dich zurückbeordert zur Teilnahme am Menschsein, so wenig doch scheint das für dich von Belang. Du kannst nicht zurück. „Du musst hierbleiben, um dein Ziel zu erkennen!“ ist es, was du dir denkst. Wenn du einen Schritt nach draußen tatest, damals, da waren die Eindrücke und Ausdrücke von so erschlagender Intensität, dass dein kleiner, armer Geist gar nicht hinterherkam, sie zuzuordnen, sie nach Realität und Illusion abzuwägen, sie einzufrieden und deiner Sprache, deinem Denken beizeiten wieder zugänglich zu machen. Du kannst nicht oft Mensch sein. Erst dieses ewige Reisen, dieses Fahren und Fahren und Fahren, ohne wirklich voranzukommen, das hat dich immer besänftigt und Zeit für dich herausgeholt. So traurig es im Grunde auch ist. Irgendwann dann konntest du nicht mehr ohne das Unterwegssein, das dich vor den außerweltlichen Versteckspielen bewahrte. Erst jetzt zeigt es sich als eine … ja, als was? Eine Pilgerfahrt?
Er denkt zurück an die Zeit vor seinem Beschluss, ewig mit dem Zug im Kreis zu fahren. Er ist nie hilfloser gewesen als jetzt, aber damals war sicherlich alles noch unrealer und unbekannter. Er lernt über die Dinge, die kommen können, von seinen Mitreisenden. Das sind seine Bullaugen in eine andere Welt, viel durchsichtiger und leuchtender als die Abteilfenster, deren verregnete Scheiben nur auf graue Landschaften und beschmierte Tunnelwände blicken lassen. Von Mienen hat er gelernt, von Stimmen, von Geschichten und Dialogen, die er sich von seinem sicheren Platz aus Detail für Detail gemerkt hat, mit allen gestischen und lautmalerischen Ausschmückungen. Er hat Menschen in einer Sprache reden hören, die sich überhastete in Grunzlauten, hat Geheimcodes geknackt, die sich in dicken Jacken, Handtaschen, Klingeltönen oder den Liedern eines Besoffenen versteckt haben. Überall kryptische Zeichen, trivial von außen, bedeutend erst unter näherer Betrachtung, für die sich kein Platz besser angeboten hätte als der seinige. Es ist ein Blick, der in die Ewigkeit geht, ein Duft, der sich aus tausenden Quellen speist, ein Geschmack, der erst in seinem Gehirn zu etwas Markantem wird.
Er beugte sich manchmal sogar leicht in die entsprechende Richtung, wenn er meinte, von irgendwelchen Kopfhörern eines jungen Mädchens oder Jungens im Abteil das leise, kratzige Rauschen von Musik zu hören, nur um mal wieder zu erahnen, wie das ist. Wie das ist, von draußen zu kommen, als Mensch, und alles offen mit sich zu tragen, ohne über den brennenden Gedanken verrückt zu werden, alles an andere zu verlieren – sich selbst zu verlieren. Irgendwann muss er es verlernt haben, diesen leichten Habitus anzunehmen. Vielleicht hat er es nie wirklich gelernt.
Aber so groß seine Sehnsucht auch sein mag, in dieses Leben einmal zurückzukehren, so schwach ist sein Wille, so krankmachend die Angst davor, seine rettende Idee vom Beobachten aus der endlosen Distanz aufzugeben. Er lebt mit Sicherheit schon eine halbe Ewigkeit in solchen Zügen. Er weiß nicht mehr, welcher Arbeit er einst nachgegangen ist. Welche Freunde er möglicherweise gehabt hat. Wo er wohnt. Wo er zur Schule ging. Welchen Namen sein Hund trägt - wenn er überhaupt je einen besessen hat. Sein ganzes früheres Leben, so kurz es bisher gewesen sein mag, verabschiedete sich von ihm mit diesem ersten, selbstbewussten Gedanken, das zu finden, was sich in seinem Innern vor ihm verbarg. Also war da nur noch ein gestriger Nebel. Ihm blieb nichts als eine Aktentasche und ein zu großer Anzug mit schief gebundener Krawatte. Verhältnismäßig wenig, um ein Ich daraus zu formen.
Im Verlaufe der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wieso er so ohne dieses gewisse Bewusstsein hinleben konnte, lieblos und selbstlos und gedankenlos, wieso er ohne eine Identität und von ihm akzeptierte Eigenschaft hinleben konnte, im Verlaufe dieser Fragerei gedachte er hier Antworten zu finden – und verblasste trotz des heroischen Aufbruch ins Menschsein zunehmend. Er sitzt hier wie ein Schatten, eine verschlissene Idee vom Wesen Mensch, das sich in Zügen, auf Teerstraßen, zwischen barocken Musiktönen, wummernden Bässen und dem kalten Stahl hoch aufgereckter Bahnen und Gebäude verstecken kann, ohne die wahre, unabdingbare Wurzel seiner selbst zu kennen. Irgendwas auch nur zu ahnen. Auf den Grund einer so ganz unsinnvollen Konstruktion zu gehen, die sich sein Leben, sein Bewusstsein, Fakt seiner Existenz nennt.
Aber auch das hat der junge Mann ganz aus den Augen verloren. Er sieht manchmal wimmernd aus, wenn er da so sitzt in seinen zerknitterten Klamotten, hinausstarrt, und das eigene Ich die größten Taten vollbringen lässt, die ihm im Hier und Jetzt bis dato nicht gelingen wollten. Traumsequenzen, kleine Spielfilme mit prekärem Gehalt, pathetisch und befriedigend. Und erst im Zuge dieser Träumereien brechen auch sie Erinnerungen an sein altes Leben aus dem Strom des Unterbewussten – kleine, aber angreifende Gefühlsrückstande, die aus Situation entstanden, als er sich selbst nicht unter Kontrolle hatte und als sein Bemühen, sich bestmöglich den Mitmenschen zu präsentieren, vor ihnen und allem anderen zunichte gemacht wurde. Erst diese Träumereien, wo er sein gedachtes Ich allerseits Bewundern und Akzeptanz, Beachtung hervorrufen sieht, dienen ihm als vermeintlicher Kompass, so fern ihm dieses Ich auch sein mag. Ein roter Faden, an dem sich das Leben theoretisch entlangziehen könnte – aber wie es eben so ist, kommt alles ganz anders.
Der grinsende Götze des Unwirklichen zerfällt immer in den falschen Momenten zu Staub, sodass die Angst davor sich mit jeder neuen Niederlage exponentiell vervielfacht. Erkenntnisse, Staub und Schatten. Der Gesichtsverlust lässt sich nun mal auch dann nicht aufhalten, wenn man das eigene Spiegelbild uminterpretiert.
Er ahnt das nur in seltenen Momenten. Menschen wissen viel und vergessen aus Bequemlichkeit. Er vergisst, ohne dass es ihm sonderlich angenehmer wird, also haucht er auch weiter an die Scheiben des Abteils, verschränkt die Arme und fragt sich beständig, wie er das werden konnte, was er ist. Welchen Part der eigenen Anthropologie er wohl versäumt hat. Der ganze Film ergibt keinen Sinn mehr.
Das ist also die Exposition seiner Reise, von der er an diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, wohin sie führen mag, ob sie eine bleibende, vielleicht zeitlose Erkenntnis bringt.

Er erinnert sich an die Worte, die er mit seinem kritischen Ich geführt hat.
„Ich fürchte“, sagte er damals dem unsichtbaren Rätselmeister. „dass ich niemals zu der Entscheidung kommen könnte, ob ich aus dem Zugzyklus aussteige oder nicht.“
„Jetzt erkenne ich dich wieder“, sagte man ihm dann. „Weil du Möglichkeiten wie diese nie ergriffen hast, bist du der, der du bist. Ein fahrender Ritter mit unsichtbarer Ritterlichkeit, gebunden in den Tiefen, die sich deiner Laune nach in weite Felder oder Höllen verwandeln können. Ein Phantast, weit weg von den asphaltierten Wegen, die der Mensch sonst geht. Ein Wächter von einer nahezu einfühlsamen Einsamkeit bist du, unentschlossen in der Entscheidung für dich selbst, ob du es riskieren magst, deine Seele zu verschleiern und dem Dschungel beizuwohnen.
Du sagst übrigens immer, erst in der Einsamkeit deines Herumfahrens empfindest du etwas wie ruhiges Glück. Oder, sagen wir, eine gewisse Erträglichkeit. Du weißt genau so gut wie ich, dass dieses Warten genau dann in suboptimale Verzweiflung umschlägt, wenn der Zweifel an allem irgendwann eine fundamentale, traurige Bestätigung findet. Dass du der missverstandene Fremde bleibst, ein immer wiederkehrender Fremder, nicht mehr als nur ein Statist. Warte nur, bis sogar dein Fräulein wieder vergessen hat, wer du bist, und du bemerkst, dass du vergessen wurdest. Weil du dich jetzt so darin labst, kannst du bald nicht mehr ohne das Gefühl, nicht vergessen zu sein.“
Und das ist es letztendlich, was ihn am meisten zermartert. Seine Rolle als Statist in einer grotesken Seifenoper, die er erst durchbrochen sah, als er auf sein „Fräulein“ traf, jene junge Bürosekretärin, deren Sanftheit und Einfühlsamkeit ihn, wenn sie mit ihm sprach, dermaßen verblüffte, dass sich von nun an jedes Mal eine unsichtbare Luke in ihm auftat, wenn er nur an sie dachte. Sie setzte sich desöfteren mal zu ihm, während sie zur Arbeit fuhr. Nur für einen kleinen Smalltalk. „Smalltalk“ - das nahm er immer äußerst genau. Er hat nie etwas zu erzählen gehabt. Die Landschaft ändert sich schließlich nicht oft. Die Probleme, Schlägereien und Musikgeschmäcker anderer Mitfahrer haben sich bisher auch nie als Gesprächsthema angeboten. Aber jeder Wortfetzen, der zwischen ihnen gewechselt wurde, trivial wie er war, stammte für ihn von einer anderen Welt, wie der verlockende Duft eines Andersseins, ein Ticket nach Hause, ohne planlos und heimatlos durch die Weltgeschichte zu pilgern - in diesen Zügen.

Sie ist wieder hier. Heute in einem unscheinbaren, anthrazitfarbenen Hosenanzug, einem vom Regen durchnässten, dünnen Mantel, die langen, dunklen Haare zu einem Zopf geflochten, das Gesicht jenseits aller Ausdrücke. Es scheint mehr als ein freundliches Lächeln zu sein, mit dem sie sich ihm gegenüber auf einen der Vierersitze niederlässt, die Aktentasche auf den Knien ruhend, den Kopf leicht gedreht. Er merkt gar nicht, dass er zurückgrinst.
„Bescheidenes Wetter heute, oder?“, fragt er und weicht mit dem Blick wieder nach draußen aus.
„Und es ist kühl, das macht alles noch viel unangenehmer“, ergänzt sie ihn nur. „Ich bin gestern schon fürchterlich nass geworden, weil ich meinen Bus verpasst habe.“
Busfahren, so merkt er gerade, hat ihn nie wirklich gereizt. Es ist alles viel enger als im Zug, beinahe bedrängend. Und selten ist die Zeit, da man nicht neben dem massigen, schwitzenden Körper eines weiteren Staatsdieners sitzen muss, der röchelnd vor sich hindünstet.
„Hoffentlich erkälten Sie sich nicht“, sagt er ohne herüberzuschauen und in einem Ton, der eher neckisch wirkt als alles andere.
„Ja, hoffentlich. Würde mir gar nicht in den Kram passen.“
Und während er den Blick weiter in die Wassertropfen an den Scheiben vergräbt, wühlt sie in ihrer Tasche herum. Putzt sich die Nase. Wackelt ein wenig mit dem Fuß. Schlägt das eine Bein über das andere. Wartet. Zieht sich in Gedanken zurück.
Er hat sie, seinem Verständnis von physiognomischer Schönheit nach, nie für eine umwerfend hübsche Frau gehalten, aber was ihn so sehr an ihr fasziniert, liegt fernab einer oberflächlichen Gesichtssymmetrie, eines ansprechenden Körperbaus. Sei es die einfache Tatsache, wie dieser Mensch den Kopf dreht und dabei lächelt, das zurückhaltende Kramen in ihrer Tasche, der ganz kleine Moment, in dem das Gespräch offiziell beiseite gelegt wird und sie sich wieder mit sich selbst und dem schlechten Wetter draußen beschäftigt – der Gesamteindruck aus diesem Zusammenspiel eines Kunstwerkes menschlicher Eigenarten hat ihn immer an etwas erinnert, von dem er selbst nicht zu behaupten wagt, es zu besitzen. Das liebliche Profil, mit dem Sein und Zeit den Menschen wie einen Marmorblock bearbeitet.
Es schmerzt ihn immer, nach so wenigen, dummen Sätzen ins Stocken zu geraten, sich nicht zu trauen, nach ihrem Befinden zu fragen oder eine Geschichte zu erzählen, die er irgendwo aufgeschnappt hat und auf sich beziehen könnte. Vorerst reicht es ihm nur, ihr gegenüber zu sitzen, diesem feinen Menschenbild, das in einer unwissenden Anmut von den kargen Elementen der Umwelt umgeben ist. Vergleiche zu finden, die sich nicht nach Kitschromanen anhören, fällt ihm dabei immer schwer. Er fürchtet, das heilige Gefühl, das er ihr entgegenbringt, in Worten zu erdrosseln, sie zu einer Farce zu machen, sodass aus der Empfindung nicht als ein reproduzierbares, ja, konsumierendes Objekt wird.
Er denkt über so etwas immer nach, wenn beide schweigend so dasitzen, und zwar so dasitzend, als wüsste jeder von ihnen, was der andere an Problemen und Gedanken mit sich trägt. Gerade das, denkt sich der junge Mann dann, macht es so ungemein schwierig, bei ihr Eindruck zu machen, erneut ein Lächeln zu entlocken, das der hohlen Leere in seinem Kopf etwas Lebendiges zurückgäbe. Er weiß nur nicht, wie er, als Fremder hoch zum Rosse, in diesen Situationen als Lanzenträger davonziehen kann, mit bei sich die Fahnenwimpel im Wind und im Aufbruch befangen, seiner Angebeteten kostbare Taten zukommen zu lassen. Denn das ist es letztlich, wozu er sich verpflichtet fühlt, ein Urwunsch gewissermaßen. Das Gefühl zu haben, in der edlen, feinen Größe seiner Taten für jemanden existent zu sein.
Es sieht bei anderen Menschen so einfach aus. Aber sie denken auch nicht wie er.
„Ich wollte Sie einmal fragen, ob wir gleich an der Station einen Kaffee trinken sollen“, sagt sie ungewöhnlich formell. „Zum Aufwärmen.“
„Gern.“
Und so neutral er es herausbringt, so explosiv ist die Wirkung der Vorgänge in seinem Inneren. Eingeladen hat ihn noch keiner, zumindest seit einer langen Zeit nicht mehr.
„Aber wir holen uns besser einen vom Café an der Marktstraße, ein paar Meter weiter“, witzelt er, ohne zu wissen, wie er dazu kommt. „Der an der Station schmeckt wie mit Zeitungspapier gefiltert.“
Und natürlich lachen sie beide, worauf er nur in einer plötzlich angeflogenen Schamwelle stockt und wieder in die graue Landschaft flüchtet, über der gerade zwei Flugzeuge, das eine im Landen, das andere im Abfliegen, in der Luft aneinander vorbeisegeln. Dass er überhaupt noch weiß, dass der Kaffee an der Marktstraße geschmacklich von dem an der Station seines Fräuleins zu unterscheiden ist, überrascht ihn. Verärgert ihn.
Er muss schon ein seltsames Etwas sein.

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